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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

hr. 11 
Jahrq. 28 
34 
einen Abend aushalten werdet, ohne euch Mädels auf 
zugabeln. Wir sind hier nun so vergnügt, und ich kann 
wohl sagen, so harmlos beieinander — vier junge Leute, 
die was gelernt haben, die sich so lange kennen und die 
sich weiß Gott Interessantes genug zu sagen hätten. 
Sobald so ein paar Gänse dazukommen, geht ja doch 
bloß ein blödes Geschnatter los. Ausgezeichnetes Bild 
übrigens, Kinder: Gänse . . Geschnatter . . ., habt ihr 
das bemerkt?“ 
Und vergnügt schenkte er sich das dritte Glas ein. 
„Seht mal da drüben: die Braune mit dem grünen 
Hut — die beobachte ich nun schon seit zehn Minuten. 
Unausgesetzt guckt sie herüber. Freilich, ein paar 
schicke Bengels, die Sekt trinken — so was zieht.“ 
„Ich glaube, Axel“, sagte Gundersen, „du nimmst mal 
die Flasche und schenkst uns auch ein bißchen ein. 
Sonst trinkt er den ganzen Sekt allein.“ 
„Da ist ja noch eine zweite“, belehrte ihn Per Rose. 
„Die du ebenso spielend bewältigen würdest, mein 
Liebling“, nickte Svedman, „nur der Wissenschaft 
halber, versteht sich. Das ändert aber nichts an der 
Tatsache, daß wir nichts abkriegen.“ 
Das Licht schrumpfte ein. Der Vorhang rauschte 
auseinander; eine groteske Jongleurnummer begann, mit 
demonstrativem Händeklatschen begrüßt. 
Ein unendlich langer, junger Herr in weißem Tropen 
smoking kam in ein Restaurant. Der Pikkolo, ebenfalls 
ganz in Weiß, trat ihm entgegen und überreichte ihm 
eine lange Speisekarte. Der Herr setzte die Speise 
karte auf die Nase und balancierte sie, während an 
seinem ausgestreckten, linken Arm der Pikkolo eine 
Welle schlug. Mit der freien Rechten faßte der „Gast“ 
nach einer Sektflasche, die auf dem Tisch stand und 
begann gleich darauf ein groteskes Ballspiel: Sekt 
flasche, Speisekarte und Pikkolo wirbelten umeinander 
in der Luft herum. 
Ehrlicher Beifall brauste auf, an dem sich die vier in 
der Loge lebhaft beteiligten. 
„Das mache ich auch“, sagte Per Rose. 
Dann stieg der Pikkolo auf eine Leiter und von dort 
auf eine Pyramide von Stühlen. Der „Gast“ gab der 
Stuhlpyramide einen Stoß, und der Pikkolo sauste, in 
der Luft purzelbaumschlagend, rückwärts in einem 
hohen Bogen nieder, fast ins Parkett hinein. Das Publi 
kum schrie auf; aber im letzten Augenblick fing der 
„Gast“ den Fallenden auf und wälzte sich in einem gro 
tesken Knäuel auf dem Boden, bis beide mit einem 
Satz auf den Füßen standen. 
„Sie guckt noch imitier herüber“, sagte Per Rose, 
während das Publikum wie rasend klatschte. 
„Wer?“ fragte Axel Myhre. 
„Die Braune mit dem grünen Hut. Ich habe ihr eben 
gewinkt.“ 
„Ich.,denke, du kannst das Geschnatter nicht ver 
tragen , fuhr ihm Gundersen in die Parade. 
„Ich dachte euch damit einen Gefallen zu tun“, er 
widerte Rose tadelnd. „Aber man kann machen, was 
man will, man hat nur Undank.“ 
Nun trat eine Dame zu den beiden auf die Bühne. 
Sie nahm in einem Sessel Platz, der in seinen Hängen 
schaukelte. Ihre beiden Partner setzten sich in zwei 
gleiche Stühle. 
„Rocking chairs!“ verkündete Per Rose. 
Die drei begannen nun langsam hin und her zu schwin 
gen und sich dann in einem tollen Wirbel zehn-, zwan 
zig- und dreißigmal zu überschlagen, nach dem Takt der 
Musik, deren Tempo schneller und schneller wurde. 
Dann, allmählich, ging die Musik in ein gleitendes Di 
minuendo über. Plötzlich, an einer bestimmten Stelle 
der Musik, voltigierten die drei aus ihren Sesseln her 
aus, überschlugen sich in einem grandiosen Salto mor 
tale und hatten im nächsten Moment ihre Sitze ver 
tauscht. 
Ein irrsinniger Applaus brach los, untermischt von 
Trampeln und von begeisterten Zurufen; Blumen flo 
gen auf die Bühne; dann folgten schüchtern zuerst, 
dann dreister, materielle Ovationen: Apfelsinen, Bon 
bons, Schokolade. Die drei traten mit strahlendem 
Lächeln an die Rampe, verbeugten sich, wieder tönte 
das Händeklatschen in verstärktem Maße auf; langsam 
ging der Vorhang herunter. Aber das Rufen, Trampeln 
und Toben schwoll von neuem an; der Vorhang mußte 
wieder aufgehen — vier-, fünf-, sechsmal, bis sich die 
Begeisterten zufrieden gaben. 
Es wurde hell. 
Per Rose deutete mit einer Fingerbewegung über die 
Brüstung: „Seht mal.“ 
Die drei wandten den Kopf. Die Braune mit dem 
grünen Hut, schlenderte, sich kokett in den Hüften wie 
gend, langsam an ihrer Loge vorüber, die vier mit einem 
so übertrieben gleichgültigen Blick streifend, daß die 
Absichtlichkeit sozusagen greifbar erschien. 
„Dich hat sie angesehen, Axel“, sagte Gundersen. 
Myhre schüttelte unmutig den Kopf. „Verschont mich 
gefälligst.“ 
Gundersen sah der schlanken Gestalt nach. „Sie geht 
ans Telephon“, sagte er, „sie muß also gleich wieder 
kommen, Fortsetzung folgt. 
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Neue Freie Volksbühne. 
In der Neuen Freien Volksbühne eilt das Stück von 
Rohfisch „Wer weint um Juckenack“ seiner 50ten Auf 
führung entgegen. 
Das Schmalzstullen-Milieu scheint dem Publikum zu 
gefallen, obwohl der Inhalt des Stückes sehr dürftig 
und dünn ist. Dieser Juckenack ist gut gezeichnet 
und noch besser wird er gespielt. Tragikomik? Nein, 
oft richtiger Schwank. Wenn Juckenack vaterlän 
dischen Unterricht erteilt und von Karl dem Dicken 
und dem Kahlen spricht und die Schülerin, ein kleines 
Kokottchen aus Berlin N.N. erklärt: „Ich kann die 
Dicken und die Kahlen nicht leiden“, so ist das eine 
Konzession für die Masse, aber diese Konzession hat 
mit der Literatur nicht viel zu tun. 
Es sei anerkannt, daß Rehfisch ein glänzender Rou- 
tenier ist und besonders in dem Augenblick, wenn
        
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