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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. U 
Jahrg. 2S 
30 
einzigen blitzschnellen und unfühlbaren Bewegung das 
Portefeuille aus der Tasche zog. 
Zwei Minuten später nahm der Präfekt die Brief 
tasche des Fremden mit dankendem Nicken entgegen. 
Er öffnete sie: heraus fiel ein Paß. Er trug den Namen: 
Thorbjörn Espeland. 
Der Präfekt erhob sich mit einem Ruck; fast hätte er 
den kleinen Tisch umgeworfen. Seine Augen hingen 
wie festgeleimt an diesem kleinen, matt schraffiertem 
Papierfeld, aus dem in blauer Bürotinte die runden, 
leichgültigen Schreiberbuchstaben leuchteten. Dann 
lickte er hinüber. 
Der Angekommene lehnte mit einer Ruhe, wie sie 
nur die vollkommene Harmlosigket — oder aber das 
äußerste Raffinement — verleihen kann, in dem 
Winkel, den Brüstung und Seitenwand seiner Loge bil 
deten. Er hatte die Hand nachlässig auf die Barriere 
gelegt und sah mit tiefem und andächtigem Interesse 
dem Tanz zu. Ein paar junge Damen, die eine hell 
blond, die andere kastanienbraun, schienen ihm be 
sonders zu gefallen. Sie tanzten die einzelnen Pas 
des Shimmy, der wie ein allgemeines schladdriges Ver 
renken den Saal erfüllte, mit einer subtilen und gra 
ziösen Eleganz; er folgte den beiden interessiert, fast 
andächtig, mit den Augen. 
Der Kellner erschien mit den Horsd’oeuvres, der 
Gast warf ihm kaum einen Blick zu; er ließ es mit voll 
kommener Gleichgültigkeit geschehen, daß ihm der 
Kellner beim Auffüllen seines Glases ein paar Spritzer 
auf den Anzug versetzte, die er gleich darauf mit der 
Serviette sorgfältig entfernte. Daß er ein paar Minuten 
ohne sein Portefeuille gewesen, das nun wieder wohl 
verwahrt in seiner rechten Innentasche steckte, davon 
hatte er offenbar nichts bemerkt. 
Dies war einer der wenigen Momente im Leben des 
Polizeipräfekten von Kopenhagen, in denen er tatsäch 
lich nicht wußte, was er tun sollte. Es war kein eigent 
licher Grund vorhanden, den Mann da drüben zur 
Rede zu stellen oder ihn gar zu sistieren. Er hatte nichts 
verbrochen — er hatte schlimmstenfalls sich über die 
dänische Polizei ein bißchen lustig gemacht. Das we 
nigstens war das äußerliche Bild. 
Aber irgendwo blinkte hinter diesem dreisten Ulk 
etwas anderes durch, das war unverkennbar. Eine Kon 
stellation von Dingen, hinter der ein Verbrechen stand. 
Das war nicht beweisbar, aber er fühlte es mit dem 
Instinkt des Kriminalisten, der ihn kaum je getäuscht 
hatte. 
Zweifellos ließ es sich verantworten, wenn er diesen 
Mann amtlich zur Rede stellte, sich seiner versicherte, 
ihn auf der Präfektur in ein Kreuzverhör nahm. Die 
offenbare Lüge, die jener ausgesprochen hatte, gab ihm 
ein Recht dazu. Thorbjörn Espeland — der Mann da 
drüben hatte erklärt, diesen Namen nicht zu kennen. 
Und nun fand er sich auf seinem Paß. In seiner Brief 
tasche. 
Noch ein anderes gab ihm ein Recht, jenen zur Ver 
antwortung zu ziehen. Er war aus der Schutzhaft ent 
flohen, ohne rrage gewaltsam. Das war ein Verstoß 
gegen die Gesetze, wenn auch ein relativ harmloser. 
Obendrein kam vermutlich Sachbeschädigung in Be 
tracht. Schadenersatzansprüche der Polizei. 
Halt, hier war , die Lücke. Er mußte sieh, wenn auch 
nur der Form halber, zuvor vergewissern, wie es mit dem 
Schutzhäftling auf Zelle 11 aussah. Er ging ans Telephon. 
„Poulsen!“ 1 
„Herr Präfekt?“ 
„Verbinden Sie mich mit der Aufnahme“. 
„Hallo! Hier Polizeipräfektur, Aufnahme!“ 
„Hier der Präfekt. Sehen Sie einmal nach, Gamberg, 
was mit dem Mann auf Zelle 11 los ist. 
„Auf Zelle 11, Herr Präfekt“... (das Knistern der 
dicken Folioblätter kam durch den Apparat), „mit Thor 
björn Espeland?“ 
„Ja“. 
„Sofort, Her Präfekt“. 
Das hundertfältige Rauschen der Batterieströme, die 
das Leitungsnetz der ganzen Stadt in einem ewigen 
Rhythmus durchkreisten, schlug wie brandendes Wasser 
an das Ohr des Lauschenden. Induktionsströme 
zitterten auf; Fragmente ferner und fremder Worte 
klangen zuckend herein, verschwanden wieder und 
mischten sich zu einem tiefen Summen, das langsam in 
deutlichem Kreszendo anschwoll. Dann hörte man das 
Zuschlägen einer Tür. Schritte dröhnten. 
„Herr Präfekt!“ 
„Nun, Gamberg?“ 
„Alles in Ordnung“. 
„Was heißt das?“ fragte der Präfekt atemlos. 
„Numer 11 liegt auf der Matratze und schläft“. 
„Liegt auf der Matratze... und schläft? ... Wissen 
Sie das genau, Gamberg?“ 
„Jawohl, Herr Präfekt“. 
„Waren Sie drinn in der Zelle 11?“ 
„Jawohl, Herr Präfekt“. 
„Und da haben Sie ihn also gesehen?“ 
„Jawohl. Und gesprochen“. 
„War er noch im Frack?“ 
„In Hemdsärmeln. Den Frack hatte er neben sich auf 
die Stullehne gelegt“. 
„Es ist gut, Gamberg. Sonst etwas Neues?“ 
„Nein, Herr Präfekt.“ 
„Gute Nacht“. 
Der Präfekt legte den Hörer schweigend auf die 
Doppelgabel und lehnte sich, die Hände in die Taschen 
vergraben, gegen die Wand der kleinen gepolsterten 
Zelle. Die tiefe getragene Melodie eines Menuetts drang 
in einem fernen feierlichen Takt hinüber. 
Er riß die Tür auf; fast fühlbar stürzte ihm das brau 
sende Finale entgegen. 
Er ging in den Saal; eben verschwanden die Kunst 
tänzer unter einer wahren Sinfonie von irisierenden 
Lichtern; dann flammten .die Glühlampen auf. 
Der Präfekt ging geradeswegs in der Richtung, in der 
Thorbjörn Espeland saß. Mit einiger Mühe bahnte er 
seinen Weg durch den Kreis der Herumstehenden. Dort 
drüben war die Loge. , 
Er trat ein. Die Loge war leer. 
Er sah sich suchend um. Der Zivilbeamte von vorhin 
schlenderte heran. 
„Wo ist er geblieben?“ 
„Er ist zur Garderobe gegangen und hat Hut und 
Mantel genommen“. 
„Und dann?“ 
„Dann hat er die .Orangerie’ verlassen“. 
„Warum sind Sie ihm nicht nachgegangen?“ 
„Er hat ein Auto genommen. Eine Droschke“. 
„Wohin ist er gefahren?“ 
Der Beamte kratzte sich den Kopf. „Jetzt kommt 
etwas Merkwürdiges, Herr Präfekt“. 
.TJaben Sie gehört, welche Adresse er dem Chauffeur 
gesagt hat?“ 
„Ja“. 
„Was hat er gesagt, zum Teufel?“ 
„Er hat gesagt: Fahren Sie mich zur Poli 
zei p r ä f e k t u r ! “ 
,iHm. Es ist gut, Larslund. Ich danke Ihnen.“ 
Ein Boy schlängelte sich diensteifrig heran und bat 
um die Garderobennummer. 
Der Präfekt schlenderte langsam und nachdenklich 
dem Ausgang zu. Was wollte dieser ... dieser Thorbjörn 
Espeland auf der Polizeipräfektur? Er wußte, daß dort 
drüben, ihm genau vis-ä-vis, der Präfekt selbst saß. Er 
hätte es so bequem wie nur möglich gehabt, wenn er ihn 
zu sprechen wünschte. Warum hatte er keinen Gebrauch 
davon gemacht? Warum hatte er seinen Namen ver 
leugnet? Warum war er sozusagen hinter dem Rücken 
des Polizeipräfekten zur Präfektur gefahren? 
Die erregende Atmosphäre des Ballsaales, aus Licht 
und Schall und Duft gewoben, lag wie abgeschnitten
        
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