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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. ti 
16 
THERESE 
* 
—-1^——55=5^—! ★ 
ROBERT HEYMANN 
er Tag nahm Abschied, und die Sonne 
ging nach Westen mit einem melancho 
lischen, roten Lächeln , . . 
Im großen Saale des Nymphenburger 
Volksgartens wurde getanzt. Wie die 
Wellen der erregten See wogten die 
Menschenpaare durcheinander, und die 
k weißen Blusen der Mädchen schim 
merten aus der schwarzen Masse wie 
gleitende Segel. Rauch und Dampf hing schwer von der 
Decke herab, und wie Blumen auf dem Rücken des 
flüchtigen Stromes wiegte sich ein verlorenes Summen 
und Surren, ein verstecktes Lachen und schmeicheln 
des Flüstern auf den dichten Staubwolken. 
Und da und dort ein müder Sonnenstrahl — 
A.uf einem Podium saßen die Musikanten und 
spielten — die Musik des Volkes — Walzer. Und die 
rhythmischen, elastischen Töne verschlangen sich mit 
der ungestillten Sehnsucht all der Menschenkinder, die 
sechs Tage in der Woche all ihre Freude und Liebe 
unter die Fron der Not und die Häßlichkeit der Ar 
mut beugen müssen, und rissen die blühende Jugend 
mit sich fort in unermüdlicher Wollust. Wie sie tanzen! 
Mädchen mit bleichen Wangen und schmalen Brüsten, 
Dirnen mit glühenden Gesichtern und gleißenden 
Augen, Frauen mit drallen Hüften und elastischen 
Gliedern, sie schienen die Wirklichkeit vergessen zu 
haben in einem wunderbaren, wilden, rasenden Rausch. 
Und sie legten ihre schlanken Körper in die starken 
Arme der Männer, daß ihre pochenden Brüste die 
mächtigen Sehnen zu spüren vermeinten, und warfen 
ihre Seelen in den Wirbelwind, der sie davonführte in 
toller Lust zur Vergessenheit. 
Und sie tanzten mit offenen Lippen, feuchten 
Schmelz in den Mundwinkeln, und die Füße flogen über 
den glatten Boden, wie der Wind über die Wiesen 
halme. Die Männer aber mit den robusten Körpern und 
Dlitzenden Augen lachten und preßten die zuckenden 
Körper an ihre Brust, daß all die weiche Lust in ihre 
traurigen und verbitterten Herzen floß und sie wilder 
schlagen ließ unter dem heißen Strome der Sinnlichkeit. 
Abseits von dem Gewühl, an einem leeren Tische, 
stand ein junger, schmächtiger Mann. Seine Augen 
hatten einen unnatürlich tiefen Glanz, und auf den 
blassen Wangen traten grell zwei rote Flecken hervor. 
Er litt an der Krankheit der Proletarier. 
Seine Finger hämmerten nervös auf der Tischplatte, 
und seine Augen folgten beharrlich einem Paare. 
Ein stattliches Mädchen mit voller Büste und 
schweren Haaren flog am Arme eines großen Soldaten 
durch den Saal, daß ihre Röcke sich bauschten, und man 
bei jedem Drehen den weißen, gestärkten Unterrock 
fliegen sah. 
Sie schien keine Ermüdung zu kennen. Doch nicht 
das unermüdliche Tanzen des Mädchens, seines 
Mädchens, war es, -das den jungen Mann erregte. Das 
war er ja von ihr gewohnt. Aber sonst war sie immer 
von dein Arme des einen in den des anderen geflogen \ 
heute jedoch tanzte sie immer nur mit dem einen dem 
„Bunten“. 
Und er glaubte ganz deutlich zu sehen, wie ihr 
schmiegsamer Körper sich weich in die Arme des Sol 
daten legte, wie ihr Busen sich fest an seine Brust 
drückte und — ist’s unabsichtlich? — ihre Schenkel 
stoßen fortwährend an die seinen. Und immer näher 
tanzten die beiden aneinander. Sie schien sich an ihn 
zu pressen, die Linien ihrer Körper flössen ineinander. 
Täuscht er sich? 
Nein. Sie biegt den Kopf etwas nach hinten, daß 
das schwere Haar rückwärts in den Nacken rutscht, 
und ihr durstiges Auge flimmert seltsam, so ganz eigen. 
Der Soldat zeigt seine weißen, starken Zähne 
zwischen den blutroten Lippen. Und jetzt beugt er 
sich nieder, und die weichen Lippen pressen sich zu 
sammen — das Gesicht des jungen Burschen war 
plötzlich aschgrau geworden. Rücksichtslos drängte er 
sich durch die tanzenden Paare. 
Jetzt stand er vor den beiden. Seine Finger um 
klammerten den Arm des Weibes. 
„Theres, für heut’ is g’nug!“ 
Sie schien aus einem schweren Traume zu erwachen, 
schien sich erst besinnen zu müssen, wer der sei, der 
sie mit brutaler Gewalt im Genüsse des süßen Augen 
blickes störte. Mit einem bösen, hochmütigen Blick sah 
sie ihn an. Sie wußte in diesem Augenblick nicht, daß 
sie ihn hätte um Verzeihung bitten müssen. Ein ego 
istischer Zorn beherrschte sie, daß die Minuten ähr 
verloren seien zum Tanze. 
„Was willst denn?“ frug sie mit rauher Stimme. 
„Mach di net lächerlich, ja? Was störst uns denn?“ 
Franz sah auf den Soldaten. 
Es war ein Unteroffizier mit kohlschwarzen Augen 
und kokett in die Höhe gepreßtem Schnurrbart. 
Der lächelte, wartend, lauernd, mit dem Ausdrucke 
des Hohns in den Augen. Und wieder zeigte er seine 
blitzenden Zähne. 
Franz’ Augen begannen zu rollen. Seine Muskeln 
spannten sich, und ein dumpfer, schwerer Zorn 
schnürte ihm die Brust zu und raubte ihm den Atem. 
Eine schwüle Pause entstand. 
Und ringsum tanzten die anderen. Ein Mann stieß 
an Franz, daß er zur Seite taumelte. 
Und der Unteroffizier legte seinen Arm wieder um 
Theresens Hüfte, und sie versuchten weiter zu tanzen. 
Bebend richtete sich Franz auf. Seine schmale Ge 
stalt schien zu wachsen. 
„Theres’!“ schrie er, und seine Stimme klang wie das 
Knurren eines Raubtieres. 
Noch einmal stieß er hervor: „Theres’!“ und seine 
Stimme überschlug sich — — 
Einen Augenblick überlegte sie, ob es nun nicht doch 
Zeit sei, nachzugeben. Doch immer noch zeigte der 
Soldat seine Zähne mit einem übermütigen, höhnischer, 
Lächeln. 
Sollte sie sich vor dem lächerlich machen? 
Das der etwa glaubte, sie hätte dem schmächtigen 
Franz zu gehorchen? Wie er sie auslachen würde! 
Nein — 
Und sie tanzte, tanzte, und ihr Körper wiegte sich 
rasch und flüchtig. 
Jetzt stand Franz wieder vor ihnen. 
Theres“, jetzt gehst heim mit mir, hast g’hört?“ 
Und er faßte sie hart am Arme. 
..Franzi, sei g’scheit“, antwortete sie ärgerlich, „was 
hast denn? Geh’, du hast an’ Rausch!“ 
..Ih — an’ Rausch? Ha, ha! I bin nüchtern, aber du 
hast an’ Rausch, an’ ganz merkwürdig’n.“ 
Sie zauderte. 
Da faßte sie der Soldat wieder um die Hüften. Franz 
stieß seinen Arm weg. 
..Laß los. Scheckiger, oder —“ 
Er machte eine nicht mißzuverstehende Handbe 
wegung. 
Die Adern auf der Stirn des anderen schwollen an.
        
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