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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. !7 
10 
DER DIEB 
VON RIO 
x stand an der Tür, im Begriff hin 
auszugehen. Er horchte ah dem ge 
öffneten Türspalt auf den schwei 
genden, riesigen Korridor des Ho 
tels hinaus. Der knappe, schwarze 
Jackettanzug, den er trug, saß ihm 
auf Taille gearbeitet und ließ einen 
durchgestählten, sehnigen Körper 
erkennen. Mit seidenweichen Be 
wegungen glitt er hinaus und schritt auf lautlosen 
Gummisohlen den schweigenden Korridor entlang. 
Vor den gepolsterten Doppeltüren standen die Stie 
fel zum Putzen. 
Eine wahre Galerie von Schuhen war es. 
Da standen hochelegante, zierliche Sehnlichen aus 
kostbaren, seltenen Lederarten, die erzählten von ge 
pflegten Damenfüßen, die mit Seidenstrümpfen in 
ihnen ruhten, elegante Herrenstiefel aus dünnem 
Leder, kaum getragen, sprachen von den Flanneurs, 
die auf ihnen die Großstadtstraßen schleuderten. 
Dann waren noch solide Schuhe, die von gediegenem 
Reichtum plauderten und dann solche mit schief 
getretenen Absätzen und kleinen Defekten, die in Not 
schienen und von der Geldverlegenheit ihrer Träger 
heimliche Geschichtchen zum besten gaben. 
Bei einem massiven Paar brauner Schuhe, die selbst 
sicher und unbekümmert dastanden, blieb der nächt 
liche Spaziergänger stehen, — Nochmals spähte er in 
die Runde, und als sich nichts rührte, schob er leise 
einen Drücker in das Schlüsselloch. 
Ein leiser Knacks schreckte durch den schlafenden 
Gang. Das Ohr an die Tür gepreßt, lauseihte der un 
heimliche Nachtwandler, aber es rührte sich nichts. 
Mit lautloser Behutsamkeit drückte er die Türe auf 
und verschwand zwischen der Doppeltür. 
Nach einer Weile trat er ein.— 
Das Dunkel des Zimmers ließ nichts erkennen. — 
Um so wachsamer waren die Ohren, und mit Befrie 
digung vernahm er tiefe, friedliche Atemzüge. — 
Ganz leise, nur für den Bruchteil einer Sekunde, ließ 
er die Taschenlampe aufblitzen, dann schob er sich un 
hörbar vorsichtig an das Bett heran, wo ebenso tief wie 
friedlich der reiche Fabrikbesitzer schlief. 
Was war das? — 
Das Atmen verstummte, und statt dessen erklang 
ein heiseres Räuspern. 
Unbeweglich in der Mitte des Zimmers stand Jens 
Larsen. 
Die Pulse klopften ihm, hämmerten in wahnsinniger 
Angst in den Schläfen, und die Hand zuckte nach der 
Tasche, in der der schwere Bleischläger stak. Eine 
wahnsinnige Spannung hielt ihn gefaßt, die erst nach 
ließ, als der Rhythmus der Atemzüge wieder ein 
setzte. — 
Und dann ging er geräuschlos an den Nachttisch, 
wo neben der dicken Brieftasche Ringe und Uhr 
flimmerten. — 
Dann stand er wieder auf dem Korridor und drang 
mit aller Vorsicht in ein anderes Zimmer ein. 
Wieder blitzte die Taschenlampe auf, und da sah 
er, daß das Bett leer war. E)er große Kabinenkoffer 
reizte ihn zum Angriff, und mit Dietrich, mit Schlüssel 
und Schlüsselchen öffnete er das Schloß. 
Feine Batisthemden rieselten durch seine Finger, 
entzückende Seidenhöschen mit großen bunten Schlei 
fen raschelten in seinen suchenden Händen, wisperten 
mit feinen Stimmeben pikante Histörchen von Frauen 
schönheit und heißen Stunden, voll von Leidenschaft 
und Liebe. 
Plötzlich hielt er eine Kassette in der Hand, es war 
eine entzückend gearbeitete, silberne Schmuckkassette. 
Und gerade, als er sich zum Gehen wandte, nachdem 
er den Koffer wieder geschlossen hatte, da klirrten 
draußen Schlüssel in der Tür. 
Keine Sekunde war zu verlieren. Mit einem Blick 
überschaute er die Lage. Er verlöschte die Lampe, und 
mit geschmeidigen Bewegungen verbarg er sich hinter 
den schweren Fenstervorhängen. Und in demselben 
Augenblick, wo er verschwunden war, betrat Iven das 
Zimmer. 
Das war eine schlanke, süße Figur mit einem blonden 
Pagenkopf, mit lebhaften Augen und einem klassisch 
schönen Mund. Sie kam von der großen Gesellschaft, 
die beute im Hotel die Monde vereinigt hatte. 
Sie kam mit der süßen Verträumtheit einer gefeierten 
Schönheit, die von Arm zu Arm geflogen ist, berauscht 
vom Sekt, von der Musik, von soviel begehrlichen 
Männerblicken und vom Tanz. 
Die kleine Lampe vom Nachttisch war aufgeflammt 
und die verhüllende rosa Seide dämpfte das Licht. Der 
Man hinter der Gardine sah zu, wie das seidene Kleid 
zur Erde rauschte und wie sich ein entzückender Kör 
per in einem Pyjama versteckte. Er wollte abwarten 
bis sie schlief, und dann auf leisen Sohlen das Zimmer 
verlassen. 
Schon lag sie in dem breiten Bett, schon hatte sie die 
wachende Lampe ausgelöscht, schon kündeten dem 
Lauscher die tiefen Atemzüge, daß sie schlief, und 
schon stand er mitten im Zimmer, als er ännehielt und 
mit plötzlichem Entschluß die Kassette auf den kleinen 
Toilettentisch stellte. 
Sein Herz brannte lichterloh. 
Er wollte sie nicht bestehlen. 
Er würde sie Wiedersehen am nächsten Tag, sie 
kennen lernen im Hotel, und dann? — Er reckte seine 
geschmeidige Figur, und lautlos glitt er wieder vor 
wärts, der Türe zu. Plötzlich auf dem Korridor werden 
Türen geworfen, Stimmen werden laut, und auf einmal 
blitzt der große Kronleuchter im Zimmer auf; er steht 
geblendet da, und da hört er auch schon eine klangvolle 
Stimme vom Bett her rufen: „hands up“, und da sieht 
er den süßen Bubikopf, der einen Browning auf ihn 
gerichtet hält. Sie schrie nicht um Hilfe, sondern sah 
mit unverhohlener Neugier auf den nächtlichen Ein 
dringling. 
Er machte gar keinen schlechten Eindruck auf sie 
mit seiner eleganten Figur und seinem gut gepflegten 
glatt rasierten Gesicht, mit den zurückgekämmten 
dunklen Haren. „Was haben Sie mir gestohlen?“ noch 
immer blickte drohend die Mündung der Pistole 
auf ihn. 
„Nichts“, sagte er, und wies mit der Hand auf die Kas- 
ette, die auf dem Toilettentisch stand, „ich habe sie wie 
der dort hingestellt ,^zögernd sprach er weiter, „als ich 
—Sie —gesehen habe . Da ließ sie ganz leise den Brow 
ning sinken, und dann sahen sie sich beide in die 
Augen, Mann — und—Weib!—Da ließ er die Hände 
sinken, und als sich ihre Augen gefunden hatten, da 
zog über ihr Gesicht ein zartes Erröten. 
Auf dem Korridor war es immer noch lebendig, mehr 
wie zuvor.
        
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