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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. l 
Jüßrg. 2ä 
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„Ist der beste Gatte der Welt!“ 
Sie log nicht einmal, denn wo hätte sie einen be 
quemeren Gatten finden können, der ihr selbst den 
Geliebten zuführte! Auch an diesem Abend zog Mar 
gerita sich früh zurück und der alte Graf saß sinnend 
in dem Zimmer, das ihm als Gastgemach diente. Wie 
zart die Tochter für ihn gesorgt hatte. Seine Lieblings 
blumen schmückten den Tisch, obgleich es Winter war. 
Wohlige Wärme strahlte der Kamin aus. Würziger 
Wein, wie er ihn zum Naehttrunk liebte, stand bereit, 
Und doch faßte er dies alles nicht. Er Sah der Tochter 
strahlendes Kindergesicht, er hörte ihr zwitscherndes 
Lachen und doch — den alten Mann packte ein banges 
Gefühl. Er war der Einzige, der tiefer sah und ihm 
war, als sei diese Fröhlichkeit eine Maske, wenn auch 
sein einfacher redlicher Sinn nicht zu verstehen ver 
mochte. 
Da fiel ihm der Brief ein. 
„Die Hinterpforte des Palazzo könnte reden zur 
Nachtzeit.“ 
Unruhe faßte den alten Herrn. Totenstille war In 
dem Palazzo und auch die Dienerschaft schlief. Leise 
stieg der Graf die Treppen hinab. Er selbst schalt 
sich einen Toren. Einen Undankbaren der Tochter 
gegenüber! Einen Narren, denn selbst, wenn jener 
Briefschreiber recht hatte, wenn Margerita — — er 
wagte kaum weiter zu denken -in dieser Nacht, 
in der der Vater im Hause weilte, würde sie bestimmt 
nicht 
Wie ein Dieb, dem das böse Gewissen schlägt, schlich 
sich der alte Graf um das Haus und verbarg sich unter 
dem Giebel niederer Hintergebäude. Lauschend stand 
er und schalt sich selbst. Kalt war die Nacht, er sehnte 
sich nach dem warmen Kamin und Schmerzen in seinen 
Füßen ließen ihn fürchten, daß die Gicht, sein altes 
Leiden, im Anzuge sei. Und trotzdem hätte er es nicht 
über sich vermocht, den Lauscherposten zu räumen. 
Eine Stunde verging,_ dann war es ihm, als träfe ihn 
ein Schlag. Das kleine Pförtchen wurde geöffnet. 
Eine Frauengestalt huschte hinaus. War das Margerita? 
Sein Herz drohte zu stocken. Auch jetzt noch war er 
überzeugt, daß es eine dienende Magd sei. Schnell eilte 
die Person in den Schatten der Giebel, vorbei an dem 
Grafen, der nicht die Beherrschung hatte, sie an 
zuhalten. Schon in der Angst, daß es eine Magd sei 
und diese ihn selbst für einen Wüstling halten könnte. 
Welche Blamage, wenn man den Grafen Drogo hier in 
der Nacht fand! Dann aber schlich er hinter ihr her. 
In seinen Gedanken fühlte er sich wieder jung und 
ihm war, als beschliche er einen Feind. 
Lautlos war er hinter ihr her, da sah er einen Mann 
an der Ecke. Das Weib huschte ihm entgegen. Die 
Dunkelheit der Nacht und die Ahnungslosigkeit jener 
beiden ließ ihn nahe herankömmen. Jetzt hörte er 
Stimmen. 
„Du ließest mich lange warten.“ 
„Mein Vater kam plötzlich.“ 
Sein Herz drohte still zu stehen — die Stimme 
seiner Tochter! Nur eine Sekunde der Überraschung, 
dann flammte der Zorn auf. Jene beiden gingen schnell 
vor ihm. Er rannte ihnen nach. 
„Halt, Ehebrecher!“ 
Der Mann blieb stehen — ein Degen zuckte auf. Mit 
raschem Griff hatte ihn der alte General gepackt, die 
andere Hand riß Margerita den Schleier vom Haupt. 
„Margerita, so ist es wahr?“ 
„Väterchen — du —■“ 
Auch jetzt war kaum Schreck aus ihren Worten zu 
hören, aber den Alten faßte ein Ekel bei diesen zärt 
lichen Worten. Er sah sich nach dem Marchese um, 
aber der war verschwunden. Auch der Graf war un 
schlüssig. Zunächst bot er der Tochter den Arm und 
führte sie in das Haus. Während der wenigen Schritte 
suchte der Graf sich zu fassen, aber seine cholerische 
Natur war nicht an Beherrschung gewöhnt. Kaum 
hatte er die Tür erreicht, als er Margerita hineinschob 
und mit eintreten wollte, aber sie hielt ihn zurück. 
„Du bist so gut, durch den Vordereingang zu gehen, 
es würde auffallen, wenn die Diener in der Nacht eine 
Männerstimme in meinen Gemächern hörten.“ 
„Ich bin dein Vater,“ 
„Auch der Vater pflegt in der Nacht das Schlaf 
zimmer der verheirateten Tochter nicht zn betreten.“ 
,.Du bist sehr bedacht auf deinen Ruf.“ 
Bitter und laut klang seine Stimme, sie aber preßte 
ihm die Hand auf den Mund. 
„Ich denke, das ist eine anständige Frau sich selbst 
„Da bist sehr bedacht auf deinen Ru£“ 
und ihrem Gatten schuldig. Geh vom in das Haus, 
wie du es verlassen und wenn du mich heut noch zu 
sprechen wünschst, erwarte ich dich in fünf Minuten 
im Zimmer meines Mannes.“
        
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