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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. Io 
Jahrg, ZS 
gegnen — hie und da — in zerflatternden und wirren 
Träumen.“ 
„Nein. Wir werden uns sehen. Du wirst zu uns 
kommen, Axel.“ 
„Das werde ich nicht tun“, sagte er, indem er zur Tür 
ging. „Nie, hörst du: ich bin auch heute nur gekom 
men, weil du mich darum gebeten hast. Ich werde 
wahrscheinlich übers Meer gehen — nach Amerika, 
vielleicht nach Australien. So werde ich am ersten alle 
diese Dinge vergessen. In Kopenhagen, wo mich jeder 
Stein an dich erinnert, wo jedes Wort, das ich höre, 
ein Wort deiner Muttersprache ist nein, ich halte 
es nicht aus. Lebe wohl.“ 
„Wohin willst du gehen?“ Sie schrie fast auf. 
„Ich weiß es nicht. Ich will dich verlassen. Ich muß 
dich verlassen. Denk nicht an mich, wie ich mich 
bemühen werde, nicht an dich zu denken. Dein Vater 
wird mir Nachricht geben, wie alles geworden ist.“ 
„Und wenn ein Unglück geschehen ist? Was dann?“ 
rief sie. 
Aber die Türe hatte sich schon hinter ihm ge 
schlossen, und sie hörte nur noch seine langsamen 
Schritte, die auf der Treppe verhallten. 
II. 
Der Polizeipräfekt hielt die Karte in der Hand. 
„In welcher Angelegenheit will mich Herr . . . Herr 
Thorbjörn Espeland in dieser späten Abendstunde 
noch sprechen?“ 
Der Beamte warf einen verstohlenen Blick auf den 
ausgehbereiten Frackanzug seines hohen Chefs und 
zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht, Herr Präfekt. 
Er will es nur Ihnen sagen.“ 
„So, so.“ Er zog die Uhr. „Also in Gottes Namen, 
lassen Sie ihn eintreten.“ 
Die Tür klappte. Vom grauen Gemäuer des Korri 
dors her kam einen Augenblick trüber Lichtschein 
herein. Dann ging die Tür zum zweitenmal: Der An 
gemeldete trat ein. 
„Es tut mir leid, Herr Präfekt, wenn ich Sie in so 
später Stunde mit einer Angelegenheit behelligen muß, 
die fast mehr privat als dienstlich ist.“ 
„Das hat nichts zu sagen, mein Herr. Ich stehe 
selbstverständlich zu Ihrer Verfügung.“ Er zog mit 
einer nervösen Bewegung die Weste zurecht und 
knöpfte den Verschluß des Fracks zu. „Wollen Sie 
nicht Platz nehmen?“ 
„Ich danke sehr.“ 
„Habe ich nicht Ihren Namen heute in irgendeiner 
Verbindung in der Zeitung gelesen . . . Thorbjörn 
Espeland . . . ich glaube mich bestimmt zu entsinnen.“ 
„Gewiß. Ich bin heute in der Fredcriksbergkirche 
getraut worden.“ 
„Ah . . . unter Kirchennachrichten . . .“ Und indem 
er seinen Besucher ansah, sagte der Präfekt mit einem 
Lächeln: „Jemand, der an seinem Hochzeitstage auf 
die Polizei kommt, hat sicher etwas Ungewöhnliches 
zu melden.“ 
Espeland blickte zu Boden. Dann, indem er den 
Stuhl zurückschob und sich erhob, sagte er leise: 
„Man wird mich heute nacht ermorden,“ 
„Oho. Wer wird Sie ermorden?“ 
„Das weiß ich nicht.“ 
„Woher wissen Sie, daß man die Absicht hat?“ 
„Man hat es mir gesagt.“ 
„Vielleicht ein Scherz?“ 
„Nein.“ 
„Eine Erpressung?“ 
„Nein.“ 
„Ist Ihr Gewährsmann zuverlässig?“ 
„Es ist der Mörder selbst.“ 
„Sie sagten eben, daß Sie nicht wüßten, wer 
Espeland nickte. „Ich muß mich also verbessern. Ich 
weiß es. Aber ich kann es Ihnen nicht sagen.“ 
„Warum nicht?“ 
„Nicht einmal das kann ich Ihnen sagen.“ 
„Dann kann ich Sie nicht schützen. Ihnen nicht 
helfen.“ 
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