Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

29 
Nr io 
Jaforg 28 
ROMAN VON PAUL ROTTEN HAYN 
1. Fortsetzung 
# # 
brigens soll sich kurze Zeit darauf ein bedenk 
licher Zwischenfall ereignet haben, der dem 
Fahrer um ein Haar das Leben gekostet hätte: 
als er wieder einmal eines Abends mit Voll 
dampf auf das Drahtseil zusauste und den Revolver zog, 
versagte die Waffe. Ich glaube, es haben sich Platz 
patronen im Magazin gefunden. Irgendein Fremder 
scheint ibm den Streich gespielt zu haben — Mordab 
sicht, ohne Frage.“ 
„Und wie hat er sich gerettet?“ 
„Er soll sich im letzten Augenblick mit einem Salto- 
mortale aus dem Auto über das Drahtseil hinweg ge 
schwungen haben, um gleich darauf hinter dem Drahtseil 
im Auto wieder zu landen.“ 
„Alle Achtung!“ 
Margrit Espeland saß unbeweglich in einem der 
weißen Sessel ihres Zimmers und starrte auf das Fen 
ster, hinter dem undurchdringliches Dunkel lag. Myr 
tenkranz und Schleier lagen achtlos auf dem Teppich; 
ihre Augen waren tränenlos. 
Es klopfte. 
Sie wandte nicht den Kopf; das leise „Herein war so 
unverständlich, daß der Ankömmling es nicht gehört 
haben mochte. Das Klopfen wiederholte sich. 
„Herein!“ 
Langsam ging die Tür auf, Axel Myhre trat ein. 
Sie erhob sich und sah ihm mit großen Augen ent 
gegen. „Was willst du?“ fragte sie langsam. 
„Margrit!“ 
„Was willst du?“ 
„Bist du sehr traurig?“ 
Bilder: 
Sie blickte zu Boden: „Warum kommst du hier her 
auf?“ 
„Ich habe diese ganze Zeit an dich denken müssen, 
Margrit. Ich bin traurig, weil du traurig bist. Ich wollte 
dir ein paar liebe Worte sagen.“ 
Sie schüttelte den Kopf. 
„Es tut mir leid, daß du solchen Kummer hast. Du 
weißt, wie sehr ich dich liebe. So sehr, daß ich dir dein 
Glück gönne, auch wenn ich es nicht mit dir teilen darf.“ 
Zerstreut nickte sie. 
Sein Blick wurde warm: „Weißt du noch, Margrit? 
Denkst du noch an die Augustnacht in Skodsborg?“ 
„Axel!“ 
„Weißt du es noch? Wir waren ganz allein am 
Strand. Du und ich. Der Regen hatte die andern ver 
scheucht. Aber es war nur ein kurzer Schauer ge 
wesen. Wir beide saßen in der kleinen Hütte, die der 
alte Kapitän Blondal gebaut hat: für seine junge Frau, 
die zwei Tage darauf ertrunken ist. Du saßest neben 
mir, Margrit, nein, du saßest auf meinen Knien. Dann 
haben wir uns geküßt, und du — ich muß es sagen, 
Margrit — und du flüstertest: liebst du mich? Und als 
ich ja sagte, da seufztest du: ich will bei dir bleiben 
diese Nacht.“ 
„Axel!“ 
„Aber ich habe widerstanden. Denn du standest mir 
zu hoch. Ist das nicht Liebe, Margrit? Du weißt gar 
nicht, was es mich an Überwindungskraft gekostet hat, 
nein zu sagen.“ 
Sie hob den Blick. „Wo mag er sein?“ 
Er zuckte die Achseln: „Ich weiß es nicht. Margrit.“ 
„Glaubst du, daß ihm etwas zugestoßen ist?“ 
„Nein, das glaube ich nicht. Er hat vor unser aller 
Augen das Haus verlassen — keine Macht der Welt 
konnte ihn dazu zwingen. Das beweist, daß es sein 
eigener Entschluß war. Er wird wiederkommen, hörst 
du?“ 
„Glaubst du wirklich?“ 
„Ja, er wird wiederkommen.“ Er nahm ihre Hand. 
Wie kalt du bist!“ 
Sei senkte den Kopf. Dann, mit einer spontanen 
Bewegung, legte sie das Gesicht an seine Brust und 
begann zu schluchzen. 
„Arme kleine Margrit“ — er streichelte ihr Haar mit 
einer zärtlichen Besorgnis, so als ob er fürchte, sie 
könne seine mitleidsvolle Geste falsch auslegen. „Arme 
Margrit.“ 
Ihr Weinen wurde stärker. „Sag mir, was geschehen 
ist, Axel. Du weißt etwas, die anderen wissen etwas, 
Ogle, mein Vater. Ihr verheimlicht es mir!“ 
„Niemand weiß etwas.“ 
„Wirklich nicht?“ 
„Ich schwöre es dir.“ 
„Ist der Chauffeur schon zurück?“ 
Er blickte zu Boden. 
”l c « €s wissen“, drängte sie. 
„Ja , sagte er leise, „er ist zurückgekommen. Vor 
einer halben Stunde.“ 
„Nun?“ 
„Dein Mann ist nach der Store Kongensgade ge 
fahren. Dort ist er ausgestiegen und hat den Chauffeur 
nach Hause geschickt.“ 
Sie nahm den Kopf von seiner Brust und sah ihn an; 
„Ohne ein Wort für mich?“ 
Er zuckte die Achseln.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.