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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Maul aufl 
Linge 
auf Stunden einrichten muß. Da ist man vielleicht Mitt 
wochs abends in zärtlicher Stimmung und man muß bis 
zum Freitag warten, denn vorher wird man die Türen 
verschlossen und die Zimmer dunkel finden, oder es 
ist Freitag und man möchte lieber eine Wanderung 
unternehmen und muß mit dumpfem, ausgeräumtem, 
leerem Kopf Liebe schwören oder einem hitzigen Wort 
gefecht parieren. Es gibt keine größere Sklaverei. Es 
ist mit der Liebe wie mit der Fechtkunst. Man muß 
die Kniffe des Partners heraushaben. Aber ich war 
noch sehr jung damals. 
Eines Abends, es war Freitag, ich hatte gerade mein 
Sonntagsblatt fertig, stand ich auf der Schwelle der 
Druckerei, bereit zu Berthe zu gehen. Der Himmel war 
grau und die Gipfel der Vogesen hatten sich im dicke 
Wolken gehüllt.' Der Roman war fertig, das Gedicht 
voller Frühlingsahnung gelungen und auch das Rätsel 
hatte ich herausgepellt. Es war der Tag der rosigen 
Lampen, der großen Leidenschaft, der Szenen. 
Aber ich sagte mir diesmal, ich kann nicht, mag 
kommen was da will, und bestieg eine Straßenbahn, 
die an mir vorüberbimmelte. Die Bahn fuhr durch die 
verregnete Stadt zum Bahnhof. Alle Leute stiegen aus. 
Auch ich. Die Leute gingen nach dem Kartenschalter, 
ich ging mit ihnen. „Gehen Sie mir eine Fahrkarte“, 
sagte ich. „Wohin?“ fragte der Beamte. „Das ist mir 
gleich“, sagte ich. Der Beamte bekam einen roten 
Kopf. „Hier werden keine Witze gemacht, es ist nicht 
Fastnacht heut.“ 
„Geben Sie mir eine Fahrkarte“, wiederholte ich. 
Der Mann schob mir eine braune Karte hin. Ich be 
zahlte. Der Zug brauste heran. Ich stieg ein. 
Ich fuhr in den versinkenden Abend hinein durch 
das verregnete. Elsaß. In der Ferne blauten die Vogesen, 
die Nebelschleier zerrissen und zeigten ihre bewaldeten, 
zackigen Felsen. Es fiel mir ein, daß ich ebenso gut 
in die Vogesen hätte fahren können, nach St.-Odilien 
oder dem Donon. Aber überall war ich mit Berthe 
gewesen und alle Wege würden mich an sie erinnern. 
Und so fuhr ich dem Bestimmungsort entgegen, dessen 
Name auf der Fahrkarte stand. 
Der Zug hielt, der Schaffner riß die Türe auf und 
forderte mich auf, auszusteigen; ich stieg aus. Ich be 
fand mich auf einer Haltestelle, mitten in Feldern. Ich 
ging hinter einem Bauer in blauer Bluse her, der seinen 
Korb am Arm auf einem Feldweg auf das Dorf zu 
marschierte, das in dem Wiesentale sichtbar ward. Eine 
einzige Straße mündete auf einen kreisrunden Markt 
platz. Das Cafe du siede nahm mich auf. Als ich in 
der niedrigen Wirtsstube bei dem ländlich frugalen 
Abendmahl am offenen Fenster saß, die nasse, blühende 
Landschaft vor mir, war mir zu Mut wie einem, dem 
man das Gefängnistor geöffnet hat. Und ich konnte 
nichts empfinden wie: UffI 
Es war niemand in dem Raum wie ein paar Bauern, 
die schweigend einen fürchterlichen Caporal rauchten, 
der Wirt lag auf der Ofenbank und schlief. 
Der Abend war so still hier draußen, daß man nichts 
hörte wie das Vogelgezwitscher in dem nassen Wirts 
garten. Niemals habe ich so tief und traumlos ge 
schlafen, wie in dem Alkoven unter dem Himmel von 
geblümtem Mühlhausener Cretonne. Des Morgens 
weckte mich ein Hahn, der unter meinem Fenster 
schrie. Ich war allein, ganz allein, niemand kannte 
mich, noch kümmerte sich jemand um mich. Einem 
entsprungenen Zuchthäusler mag es so zu Mute sein, 
wie mir, als ich in dem verregneten Dorf gemeinsam 
mit den Enten um den Wassertümpel spazierte und 
den Weibern zusah, die in dem offenen Waschhause 
mit Steinen ihre Wäsche schlugen. 
Ich betrachtete mir die Auslagen in der verstaubten 
Epicerie, das schmutzige Debit de Tabac und die 
Cremerie mit den fliegenbeschmutzten Scheiben mit 
der Neugier von Kindern. In der kleinen Kirche mit 
ihren holzgeschnitzten, jammervoll lächelnden Gottes 
bildern hingen noch die grünen Papierkränze vom Fete 
de Dieu vorigen Jahres an den gekalkten Wänden. Ich 
setzte mich in einen Strohstuhl in diese leere, stille, 
arme Kirche und kam in eine fromme Stimmung und 
in diesem Dorfkirchlein ist mein Entschluß gereift, der 
meinem Leben seine Wendung gegeben hat. 
Am nächsten Abend reiste ich zurück. Ich hatte auf 
einmal neue Spannkraft bekommen. Ich ging vom Bahn 
hof aus zu Berthe, fand sie zu Hause und teilte ihr 
ruhig mit, daß ich käme, um Abschied zu nehmen. 
Ich hatte mich auf einen furchtbaren Auftritt gefaßt 
gemacht. Berthe stand da wie betäubt . . . Sie wurde 
sehr bleich. Dann reckte sie sich auf, ging auf die 
Türe zu, schloß sie ab und steckte den Schlüssel in 
ihre Tasche. „Gut“, sagte sie tonlos. „Aber das sage 
ich dir“, setzte sie hinzu: „Lebend verläßt du mich 
nicht. Diesmal habe ich Gift genug. Ich werde mich 
töten.“ 
Ich blieb unerschüttert. „Ich kann dich daran nicht 
hindern, Berthe“,_ sagte ich, „du bist Herrin deiner Ent 
schlüsse.“ Und ich ging nach der Tür. Das hatte sie 
offenbar nicht erwartet. Mit einem Satz sprang sie mir 
nach, packte mich beim Arm und rief: „Du gehst 
wirklich?“ 
„Ja, ich gehe.“
        
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