Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. 2S 
Nr. 1c 
22 
BER THE 
* ' T ★ 
LIESBET DILL 
s war die Stunde nach dem Diner. Ein reg 
nerischer Herbsttag ging zu Ende, um die 
dicken Mauern des Schlosses fegte der Sturm, 
der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, 
und in dem großen, hochbeinigen Fayenceofen flackerte 
ein Holzfeuer. Die zierliche Pendule vor dem hohen 
Spiegel verkündete eben die neunte Stunde. Durch die 
rot leuchtenden, seidenen Schirme der großen Lampen 
schimmerte ein rosiges Licht, das den weiten Raum in 
ein warmes, kosiges Halbdunkel hüllte, auf dem nie 
drigen Rauchtisch, um den sich die Gäste geschart, 
flackerte eine dicke Kerze zwischen zusammenge 
schobenem Teegeschirr. Die Zigaretten brannten. Man 
hatte von der Liebe gesprochen. 
Nur so im allgemeinen, wie man bei einer Tasse Tee 
davon spricht. Und alle hatten lebhaft ihre Meinung 
ausgesprochen, nur der Hausherr schwieg. Jetzt strich 
er die Asche in den Rauchbecher, zu den Lampen auf 
schauend und sagte halblaut mit einem leichten Seufzer: 
„Manchmal ist die Liebe aber auch eine Last. Diese 
rosigen Lampen erinnern mich an ein Erlebnis, 
das mich fünf Jahre meines Lebens gekostet hat, ich 
kann ruhig sagen, die besten Jahre. Ich wußte damals 
noch nichts von Nervosität und Schlaflosigkeit, das 
Schicksal hatte mich in eine kleine, elsässische Gar 
nison verschlagen, als Redakteur. 
Der Zeitung hing ein Sonntagsblatt an, das mit 
Bildern, Aufsätzen und Novellen gespickt wurde, die 
ich aus einem literarischen Büro billig erstand oder sie 
selber erfand. Das war der Grundsatz meines Chefs. 
Im Aufrechterhalten solcher Grundsätze war er sehr 
genau. Er machte ein großes Haus und hatte eine 
sehr kostspielige, kleine Frau. Außerdem fuhr er jeden 
Samstag zu einer Freundin nach St.-Die. Ich war damals 
noch jung und die Arbeit machte mir Spaß. Ich arbei 
tete .täglich bis sechs Uhr abends durch, dann nahm 
ich die feuchten Druckbogen mit nach Hause, um sie 
während des Abendessens zu korrigieren. Des Morgens 
um halb sieben erschien ein kleiner Setzerjunge vor 
meinem Bett, um die Bogen in Empfang zu nehmen, 
und unterwegs nach der Redaktion in der Straßenbahn 
überlegte ich mir gewöhnlich die Fortsetzung meines 
Romanes, während mir die Marktfrauen ihre Gemüse 
körbe und Fischnetze zwischen die Füße stellten. Immer 
war mir dieser „laufende Roman“ auf den Fersen, ich 
spürte ihn sogar des Nachts. 
Der schlimmste Tag war für mich immer der Freitag, 
denn dann mußte ich das Sonntagsblatt zurechtmachen. 
Wenn die Novelle fertig war, klebte ich die Bilder und 
überlegte mir das Gedicht, denn das konnte ich „aus 
dem Ärmel schütteln“, meinte der Chef; den Schluß 
bildete das Rätsel, das ich selbst verfaßte, um die 
Kosten zu sparen. Es stand außerdem im Vertrag. 
Ich setzte mich also Freitags nach Tisch an den 
Schreibtisch, legte meine Uhr neben mich und sagte: 
so, in einer Stunde mußt du die Pointe für die Novelle 
haben, den Inhalt für das Gedicht und das Rätsel. An 
solchen Freitagsabenden, wenn ich mit meinem Sonn 
tagsblatt fertig war, verlangte es mich nach frischer 
Luft und einer Umgebung, in der man kein Papier 
mehr sah und keine Druckerschwärze mehr roch. Dann 
ging ich zu Berthe. 
Ich hatte damals eine Freundin, die als Naive an 
dem kleinen städtischen Theater engagiert war. Sie 
hatte große, mandelförmige Augen. Für solche Augen 
schießt man ja seinen besten Freund tot und diese 
Augen hatten es mir angetan. 
Sie liebte die leidenschaftlichen Auftritte vielleicht 
deshalb so sehr, weil sie als Naive selten Gelegenheit 
hatte, sie zu spielen. Am besten lagen ihr Eifersuchts 
szenen. 
Wenn ich Berthes kleinen Salon betrat, der von zwei 
großen, rotverschleierten Lampen rosig beleuchtet war, 
empfing sie mich mit Vorwürfen. In ihrer Phantasie 
spielte immer eine femme du monde eine Rolle, bei 
der ich heimlich meine Stunden verbrachte. Glühend 
eifersüchtig war sie auf die Gattin meines Chefs, eine 
hübsche Puppe, die sich malte, sich das Haar rot färbte, 
sehr viel Tee trank, und wahrscheinlich deshalb 
schlecht schlief, und die beständig Gäste um sich 
haben mußte. Sie lud mich öfter ein, und ick konnte, 
ohne sie empfindlich zu beleidigen, nicht absagen. Ging 
ich hin, so hatte mich Berthe sicher gesehen. Berthe 
gehörte zu den Frauen, die immer da sind. 
Waren wir getrennt, so schrieb sie mir. War sie zu 
einem Gastspiel fortgereist, so erhielt ich sicher eine 
Depesche, daß sie mich bestimmt erwarte, daß sie 
unglücklich sei ohne mich, oder sie kam früher zurück, 
wie sie vorgehabt. 
Diese Auftritte machten mir das Leben zu einer 
Hölle. Aber wenn sie mich dann wieder schluchzend 
um Verzeihung bat, söhnten wir uns wieder aus. Und 
dann begann alles von neuem. Während eines Lust 
spiels wurde sie plötzlich krank, weil eine Kollegin 
vom tragischen Fach ihr in der Garderobe erzählte, sie 
habe mich im Mondschein mit einer Dame spazieren 
gehen sehen. Sie verlor die Stimme, die Vorstellung 
mußte abgebrochoen werden. 
In den letzten Jahren hatte sich ein Plan bei ihr 
festgesetzt, den sie mit Leidenschaftlichkeit verfolgte. 
Ich sollte gegen meinen Chef zu Felde ziehen, ihn und 
seine gemalte, teetrinkende Puppe bloßstellen, so daß 
sie beide unmöglich würden. Ich brauchte ihm zu diesem 
Zwecke nur auf einer seiner geheimnisvollen Reisen 
nach St-Die zu folgen, und ihn dort zu entlarven, daß 
sich seine Frau von ihm scheiden lassen würde. Die 
Frau besaß das Vermögen und war die eigentliche Be 
sitzerin der Druckerei. Ich würde dann zum Chef auf 
rücken, dank meiner Beliebtheit bei ihr, und wir konn 
ten heiraten. 
Sie war empört, daß ich diesem mir gänzlich fern- 
liegenden Plane keinen Geschmack abgewinnen konnte. 
Berthe warf mir vor, ich hätte keinen Mut, ich liebte 
sie nicht mehr. Es war während eines herrlichen 
Sonnenunterganges auf dem Donon, als sie mich wie 
der bearbeitete. Ich blieb fest, und wir erzürnten uns. 
Ich setzte mich in das Rauchzimmer und während sie 
mich zornig verließ, rauchte ich ungezählte Zigaretten. 
Gegen zwei Uhr kam ein Kellner angestürzt und rief 
mich herauf. Berthe hatte einen Selbstmorversuch ge 
macht. Ein Arzt war schon an ihrem Bette beschäftigt, 
sie zum Leben zurückzurufen. Sie hatte eine große 
Dosis genommen. Es dauerte lange, bis sie zu sich 
kam. Und sie versicherte mir weinend, daß sie geglaubt 
hätte, meine Liebe verloren zu haben. 
Was sollte ich tun? Ich war froh, daß sie wieder 
lebte. Wir versöhnten uns und reisten in die Stadt 
zurück. 
Berthe warf mir meinen Mangel an Ehrgeiz und 
Temperament vor und beschuldigte mich der Feigheit. 
„Wenn du nur wolltest, aber du willst nicht, du liebst 
mich nicht mehr.“ Das Motiv erklang mir in allen 
Tonarten. 
Ach, was hat man alles von einer freien Liebe ge 
fabelt, dieser Liebe, die sich an Wochentage binden,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.