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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jabrg. 28 
Ar. lo 
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„Weiß ich?“ Und sie schüttelte gleichgültig ihr 
braunes Köpfchen. 
Da fiel Panlikow der Zimmerherr plötzlich wieder 
ein: 
„Also, du willst dich mit ihm verloben?“ 
„Mehr Sorgen hast du nicht?“ Sie klatschte mit der 
inneren Handfläche an seine Stirn. 
Er aber ließ sich nicht vom Thema abbringen: „Was 
ist der junge Mann?“ Und mit stolzem Blick entgegnete 
sie: 
. „Komponist!“ Dann setzte sie eifrig hinzu: „Aber er 
spielt auch in den Konzerten... am liebsten Liszt und 
Grieg. Die Leute kennst du wohl nicht?“ 
Panlikow wurde zappelig. Ob ihn das musikalische 
Talent des jungen Mannes beunruhigte?! Else fühlte es 
und sie forschte: 
„Was hast du? — Bist wohl eifersüchtig auf meinen 
Felix? Was, Liebling?“ 
„Du höre, was tat meine Frau noch bei euch?“ Scharf 
blickte er die Freundin an, die es sich bequem machte 
und auf rotseidenen Kissen neben der Stehlampe auf 
Knien wie ein Ball auf- und abfederte. 
„Deine Frau lernte Vater und Mutti kennen“, lachte 
sie vergnügt heraus. „Nächstens machen wir Kaffe- 
visite und dann hälst du die Rede.“ 
Er wollte aufbrausen, hielt aber inne und statt den 
Empörten zu spielen, küßte er diese teuerste Freundin. 
Es machte ihm plötzlich Spaß, den Bräutigam zu narren, 
an seiner Frau sich zu rächen und das Elternpaar 
Neumann durch diese Liebkosung bei Fräulein Tochter 
zu ehren. 
Als Panlikow wieder ruhig und recht vernünftig 
neben Else saß, erwachten in ihm neue Skrupeln; 
„Was werden deine Eltern nun tun?“ 
„Mach dir mal keine Kopfschmerzen, lieber Freund .. 
Die Eltern sind zufrieden, daß ich einen vornehmen 
Herrn gefunden habe —“ 
„Aber der Verlobte?“ explorierte er weiter. 
Sie sah ihn groß an: „Der ist Künstler und braucht 
seelische Konflikte. Die hat er nun.“ 
Das begriff er nicht auf den ersten Schlag. 
„Aber wenn er rabiat wird, wenn er plötzlich hier 
erscheint?“ Seine Worte hatten einen fast ängstlichen 
Timbre. Panlikow sah sich schon als werdende 
Leiche... 
Else jauchzte und quietschte, vor Vergnügen auf ihren 
roten Kissen auf- und abhüpfend. 
„Ein Duell für mich....!“ Sie schloß selig die Augen 
und öffnete ebenso vergnügt ihren Mund, daß die 
weißen Zähne sichtbar wurden. 
Panlikow aber ging mit großen Schritten auf und 
ab, erregt wie ein Börsianer, der plötzlich in die Baisse 
hineingeraten ist. 
Und es war ein Kurssturz ohnegleichen. 
Bankerott war das. 
Else freute sich aber sie hatte bald wieder Worte des 
Mitgefühls und sie streichelte ihren Alex wie man ein 
Kätzchen liebkost. 
Als ob er eine Schuld abtragen wollte, öffnete er 
seine Brieftasche und gab ihr zweihundert Mark. 
„Muß das sein?“ fragte das junge Mädchen, von 
diesem spontanen Gefühlsausdruck sonderbar, aber 
immerhin freudig berührt. 
„Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber ich tue es 
eben.“ 
Seine Worte klangen eigenartig und sie hatten einen 
weichen Einschlag. 
Else munterte ihn auf: „Lieber Alex, jetzt trinken wir 
auf das Wohl der ganzen Familie eine Flasche Sekt... 
ä propos, ich habe ihn schon kalt gestellt 
Panlikow bekam auf einmal Leben im Blute. 
„Es wäre ja töricht, Grillen zu haben, wenn ein so 
nettes Mädchen bei mir kniet.“ 
„Du hast recht, Alex, ich will lieber herunter vom 
Kissen. Seidene Strümpfe verlieren leicht die Facon.“ 
Und sie stand rasch auf ihren kleinen Füßchen (Schuh 
nummer 35/4) und eine Minute später drehte sie mit 
Kennermiene die Sektflasche in den Händen, sie wieder 
in den Kühler tauchend. 
Die elektrische Lampe warf zarte Reflexe, es war 
ein abgedämpfter Schein, der sich zart und behutsam 
auf die Schlankheit ihrer Taille legte. 
Panlikow zündete zwei Zigaretten an und steckte die 
eine seiner kleinen Freundin zwischen die wohlge 
formten Kirschenlippen. 
Dann streichelte er ihr braunseidiges Haar und fing 
an zu stammeln wie ein Jünger Dadas. 
„Meinst du, Liebster, wir wollen den Sekt eingießen?“ 
kicherte sie erwartungsfroh. 
Plötzlich aber — sie wartete keine Antwort ab — 
kam ihr ein wenig bürgerlich-zivilisierter Gedanke: 
„Du Alex, willst du mir einen Gefallen tun?“ 
„Wenn ich ihn tun kapn, jederzeit!“ gab er freudig 
zurück. 
„Alex, gieß mir den prickelnden Sekt auf den 
Nacken . . . Das kühlt so ... . Mir ist heiß . . .“ 
Frau von Panlikow sagte sich, daß sie nun genug 
geduldet habe. Alles hat ein Ende, auch die Kasteiung 
des Gefühlslebens. 
Warum in Schmerzen sich vergraben, wenn anderen 
der Himmel in veilchenblauem Schimmer leuchtet?! 
Die Jugend hat schließlich die größte Spannkraft 
und das Verrunzeln ist Sache des Alters. 
Die Unterredung in Sachen Alex von Panlikow contra 
Else Neumann hatte ihr die Bekanntschaft eines be 
gabten Musikers vermittelt. Elsens Bräutigam war ein 
Komponist und ein Klavierkünstler. Die Kunst kennt 
bekanntlich keine moralischen Anwandlungen, auch 
fragt sie nicht nach Name, Art und Sippe, sie hat die 
Signatur des Zigeunerwesens. 
Und so freute sich die Staatsrätin, endlich einmal 
einen Menschen gefunden zu haben, der den „Liebes- 
traum“ von Liszt, wie er sagte, liebe und verehre und 
der versprach, ihn persönlich vorzuspielen. Und sie 
redeten beglückt vom Carneval Romain und den Mär 
chen von Athen, sie unterhielten sich über Rossini und 
Berlioz, und sie waren sich einig, daß Musik allein den 
göttlichen Funken in sich trage, den die Menschheit so 
ziemlich im Strudel der Prosa verloren habe. 
Die ganze Berliner Gesellschaft war ihr nun gleich 
gültig, kein Flirt umspielte sie. 
Und nun traf sie, wie es der Zufall wollte, einen 
Gleichgesinnten .... Im Boudoir erklangen bald seine 
ersten Vertonungen: Weiche Serenaden mit Zucker ge 
mischt, Balladen, großen Meistern nachempfunden und 
dazu noch Gavotte und Walzer, wert, am Abend vor 
dem Tode gehört zu werden, um ruhiger sterben zu 
können. Falke, der Komponist, hatte eine grandiose 
Fingerfertigkeit und einen wonnigen Anschlag. Die 
Staatsrätin schwelgte und er spielte mit Wärme und 
Geist, wie sie immer betonte. 
Sein Handgelenk war in der Bewegung ein Gedicht. 
Falke hatte sich dreimal in der Woche auf das Abend 
brot eingespielt. Zwar saß er nicht als Elegant im 
Smoking oder im Cut da, auch nicht in Eskarpins, wohl 
aber im oben geschlossenen Jakett und in dicken 
Schuhen aus Roßleder. 
Das schätzte Madame: sie meinte, aus ihm ströme 
Kraft und ein Hauch von Seelenreinheit. 
Und wenn sie vierhändig spielten, schaute sie be 
glückt in ihrem fast durchsichtig zarten Kimono aus 
Tokio. 
Er erzählte ihr von Else Neumann, die er habe hei 
raten wollen, die aber nun vorerst nicht in Frage 
komme. 
„Weshalb“, forschte sie interessiert. 
CTortsetzung Seite 2o J
        
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