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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. Io 
Jahrg. 28 
14 
auch eine verschleierte Gegenwart egal sei, wenn die 
Dame nur Figur und Geist besitze. Er legte auf Figur 
noch mehr Gewicht als auf Verstand, denn schließlich: 
das Auge stehe im Vordergrund bei den Ereignissen, 
während Geist in jeder Liebe störende Momente habe. 
In dieser Zeit ging eine Wandlung mit der Staatsrätin 
vor sich. In ihrer stillen Einsamkeit dachte sie über 
ihre Liebe zu Panlikow nach. Sie verehrte und ver 
götterte einst ihren Mann; sie liebte ihn noch innig, als 
sie nach Europa kamen, sie hielt Freundschaft noch, als 
er anfing, gleichgültig ihr gegenüber zu werden, und 
selbst als der Mops sein armseliges Leben aufgab, hatte 
sie noch Gefühle ehelicher Zuneigung. 
Nichts Schlimmeres aber als das Sichseparieren und 
das Alleinsein. 
„Wo ist er jetzt? Was tut er? Ob er treu ist?“ 
Sie kannte ihn bisher noch nicht auf diesem Gebiete, 
und sie hatte seine Entwicklung hierin nicht mit der 
Schnelligkeit zu verfolgen vermocht, wie sie vonstatten 
ging. 
Er aber half nach und brüstete sich und protzte nach 
Art der Zyniker. Es war ihm ein Vergnügen, sie, wenn 
auch nicht gerade zu quälen, so doch zu ärgern. 
Dann aber fiel zweimal der Name Else Neumann im 
Zusammenhang mit „bekannte Dame“, mit „Freundin“ 
usw. Sobald aber eine Leidenschaft sich zu einer Person 
verdichtet, sobald das Generelle aufhört und die Sache 
Gestalt annimmt — immer dieselbe Gestalt —, fängt die 
Frau an, an die Tragik ihres Pechs zu glauben. 
Und so glaubte Frau Staatsrat von Panlikow an 
das große Pech ihres Lebens, und sie richtete sich da 
nach. Frauen der großen Gesellschaft inserieren nicht 
wie ihre Männer, aber sie arbeiten mit einem gewissen 
Fluidum, das gefährlicher ist als jegliches Inserat. Frau 
von Panlikow faszinierte, und die Männer, die sich in 
folge ihrer Zurückhaltung noch vor Tagen in ihrer Eitel 
keit des Flirts verletzt fühlten, fingen an, für die schöne 
Frau zu schwärmen. Daß sie das große Pech ihres 
Lebens nun auszukosten hatte, daß der Gatte sich ge 
trennt, um sein eigenes Leben mit Fräulein Neumann 
einige Zeit zu gehen, wußte man, und voll Herzens 
güte gaben sich die Philantropen Mühe, der geprüften 
Frau die Lebensschmerzen zu erleichtern. 
Zu Schmerzen aber braucht man klassische Musik, 
braucht man Beethoven. Aber keiner der Mildtätigen 
beherrschte die Großen in diesem Reiche, weshalb es 
die gnädige Frau vorerst vorzog, noch nicht vierhändig 
ihr Seelenleid zum Ausdruck zu bringen. Es blieb bei 
graziösem Flirt, bei einem Versprechen — aber schließ 
lich enttäuschte sie immer wieder, wie es die vornehmen 
Frauen dieser Spezies immer tun. 
Wenn sie aber am Abend fast entkleidet vor dem 
Spiegel stand und die süße Schönheit ihrer Glieder wie 
weiland im Wasser Narziß bewunderte, da faßte sie 
Pläne, die wenig mit den gesellschaftlichen Usancen 
zu tun hatten. .... Aber es blieb bei den Projekten. 
In solchem Augenblick lief sie zum Telephon, um 
etwa die Untreue ihres Mannes so oder so zu konsta 
tieren. 
Er aber war entweder nicht zu Hause oder nicht zu 
sprechen, und so ließ sich telephonisch schon gar nichts 
konstatieren. 
Und wieder befiel sie eine Traurigkeit. Statt zur 
Rächerin zu werden, nahm sie ein Buch, das über die 
Sitten und Gebräuche Javas Aufschluß gab. 
Und sie schlief aus Langeweile darüber sanft ein, 
indem sie von ihrem Gatten träumte, den sie bei einer 
Doktorarbeit über den Sudan sitzen und brüten sah. 
* 
Von Panlikow fühlte sich ziemlich glücklich mit seiner 
Else Neumann, aber manchmal plagte ihn die liebe 
Eifersucht. Er war der Mann, der, von grenzenlosem 
Selbstbewußtsein erfüllt, alle Frauen an der Strippe 
halten mußte. 
Und bei der intimsten Plauderstunde mit der neuen 
Freundin hielt er plötzlich im Gespräch inne, um mit 
sehnsüchtigen Blicken an eine andere, seine Frau, zu 
denken. 
„Ob sie mir treu ist?“ fragte er Else. 
„Sie wäre schön dumm!“ lächelte die Freundin. „Ihr 
Männer erlaubt euch alles, wir Frauen aber sollen dazu 
noch treu sein. Er wurde stutzig. 
„Oha! Dann betrügst auch du mich?!“ Er fuhr sie 
hart an; sie aber blieb kühl und lächelte wieder mit 
ihren stahlgrauen, schönen Augen. 
„Selbstverständlich!“ Ihre Frechheit hatte Grazie. 
Panlikow überlegte .... Er wollte nun plötzlich Dinge 
aus ihrem vergangenen wie jetzigen Leben wissen, die 
er bisher als Kavalier nie untersucht hatte. 
„Wo wohnt ihr? Wie wohnt ihr? Wer wohnt außer 
euch noch da?“ 
Sie gab gern Bescheid und erklärte ihm, daß der 
Vater ein kleines Gehalt beziehe, aber gern einen 
Schluck aus der Pulle täte .... 
Das war ihm nicht angenehm. Er hätte es lieber ge 
sehen, wenn er Himbeersaft goutierte.... 
Aber Gott, was kramte er in der Vergangenheit eines 
Mädchens herum, während die Gegenwart in der Liaison 
zweier Menschenkinder viel wichtiger ist* Es war spät 
am Abend, und da schlug die reizende Else Neumann 
ihrem neuen Herrn und Gebieter vor, morgen recht 
früh nach Hause zu fahren. Sie war eine rücksichts 
volle Tochter und wollte die treusorgenden Eltern nicht 
aus dem Schlafe schrecken. 
Und sie blieb in der Pension Tauentzin, die sie so 
taufte.... 
• 
Panlikows Wirtschafterin hatte versagt. Bald nach 
ihrem Antritt war sie verschwunden. Sie sollte Pan 
likow für dessen Frau 1 500,— Mark zur Post bringen 
und vergaß offenbar aus Zerstreutheit, die Summe “ein 
zuzahlen. Panlikow nahm eine Aufwartefrau, die er 
intensiv beobachtete. Da er aber nicht immer im Restau 
rant essen wollte, lud er sich der Abwechslung halber 
bei seiner Frau zu Tisch. Den Gang nach Canossa tat 
er offiziell, um ihr die verlorengegangenen 1 500.— Mark 
zu bringen. 
Die Staatsrätin war kühl, denn sie hatte starke Witte 
rung von ihres Mannes Tun und Treiben bekommen. 
Sie wußte noch mehr von Else Neumann als Herr von 
Panlikow, aber nachdem sie die Spieluhr aufgedreht 
hatte, unterbrach sie die Musik und schloß den Deckel 
zu: So, mein Männchen . . .“ Er wurde neugierig und 
bat recht herzlich, ihm doch Näheres mitzuteilen, er 
müsse es wissen. 
Sie aber spottete: 
„Reiz haben die Dinge, die rätselhaft bleiben.“ 
Er wurde nervös. „Foltere mich nicht! 
Sie lenkte auf ein anderes Gesprächsthema über. 
„Ich habe jetzt einen Herrn kennen gelernt, der ent 
zückend den „Liebestraum“ von Liszt spielen kann.“ 
Das machte ihn sprachlos. Sie freute sich über ihre 
eigene Bosheit und fuhr fort: 
„Leicht ist der „Liebestraum“ ja nicht, aber schön und 
sinnverwirrend “ 
Sie schloß die Augen und schaute durch einen kleinen 
Spalt ihn an. 
Er war verwirrt. Was kümmerte ihn der selige Liszt 
mit seiner Warze auf der Nase, was seine schwierige 
Komposition — wichtiger war der Klaviervirtuose. 
„Woher kennst du ihn?“ begehrte er zu wissen. 
Sie gab eine ausweichende Antwort, und als er 
heftiger in sie drang, fragte sie eiskühl: 
„Woher kennen Sie Fräulein Neumann, mein Herr?“ 
Er biß sich ärgerlich auf die Unterlippe: 
„Bitte, das ist meine Sache!“ knurrte er. 
„Siehst du“, antwortete sie mit nickendem Kopfe, 
„das ist nun auch mein Geheimnis.“
        
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