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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. I 
Jahrg. 28 
29 
säule nieder. Auf das Postament gestützt, starrte er 
dann zu dem weißen Hause hinüber, das sich scharf 
von dem nachtschwarzen Hintergründe des Parkes ab 
zeichnete. 
„Chloe “ 
Seine Lippen waren heiß und trocken und bewegten 
sich kaum. 
„Chloe“, flüsterte er wieder und träumte 
Aber dort, — war das ein Zauberwerk, war das ein 
Trug seiner fiebernden Sinne? — huschte es da nicht 
die Stufen vom Peristyl zu dem kiesbestreuten Vorplatz 
herab? Seine Finger krampften sich ineinander. Sie 
war es. Chloe war’s. In lichter, loser Chlamys sprang 
sie die Treppe herab und flog wie eine beschwingte 
Dryade den schützenden Gebüschen zu. 
Seine Augen sogen sich an ihrer Gestalt fest. Da 
war sie verschwunden. Ab und zu nur sah er ihr Ge 
wand zwischen dem Gesträuch aufblitzen. Sie näherte 
sich ihm. 
Caelius fühlte sein Herz schlagen, fühlte, wie ihm 
das Blut heißer durch die Adern strömte. 
Dort, jenes Gebüsch mußte sie bergen. 
Leise pirschte sich Caelius heran. Was wollte sie 
hier mitten in der Nacht, fragte er sich. Suchte sie je 
mand, wurde sie erwartet? O, es fuhr ihm 
etwas erkältend den Rücken herab. Oder wollte sie 
beten, zu Hekate der Düsteren, zu Selene der Blassen? 
Da schimmerte es weiß. 
Und dann sah er sie. Ihr Götter! Chloe hatte die 
Arme um eine steinerne, lebensgroße Mannesgestalt 
geschlungen. Den kaum bekleideten Leib an den Stein 
gepreßt, betete die fromme Chloe und opferte dem 
toten Gotte. 
Sein Blick verdunkelte sich, seine Sinne verwirrten 
sich. Ungestüm drängte es ihn zu ihr. Schon wollte 
er hervorstürzen und auf sie zueilen. Da knackte ein 
dürrer Zweig unter seinem Fuß. Erschreckt löste Chloe 
die Arme. Er stand. Sie lauschte und blickte angst 
voll um sich. 
Im nächsten Augenblick war sie verschwunden. 
Caelius starrte ihr brennenden Gesichts nach. 
Regungslos verharrte er an seinem Platz. Bleischwer 
waren seine Füße. Aber dann kam es wie Lachen, wie 
helles, freudiges Lachen aus seinem Munde. 
Hastig riß er seine Tunica vom Leibe und ließ den 
nackten Körper vom Mondschein beglänzen. Er reckte 
die muskulösen Arme, straffte die Brust und atmete 
tief. — 
Und als wieder Selene mit blassem Antlitz die 
Fluren Campaniens beschien, stand Caelius im Gebüsch 
an Stelle des Gottes, einem Werk Myrons gleichend. 
Würde sie kommen? 
Still betete er vor sich hin; „Hilf mir, Gott der Liebe! 
Zwei jährige Böckchen gelobe ich dir, geht alles nach 
Wunsch. Vier schneeweiße Täubchen seien dir ge 
weiht, Cypris, so du mir heute gnädig bist.“ 
Und siehe, da flog es über den Kies, den Rasen, durch 
die Büsche. Ein Gewand flatterte. Chloe eilte herzu. 
Und dann? 
Nun, dann geschah eben ein Wunder, ein zauber- 
volles, göttliches Wunder. Die Glut ihrer Wünsche 
hatte den kalten Stein belebt, Fleisch und Bein war es, 
das sie liebend umfing. 
Caelius war jung und stark und Chloe heiß und 
hungrig nach Zärtlichkeit. Die Sommernacht war mild 
und die Büsche waren dunkel und dicht. 
Vielleicht schrie Chloe kurz auf, vielleicht aber — 
man muß ja schweigend hinnehmen, was die Himm 
lischen uns senden — schwieg sie still, von Glück und 
Schreck überwältigt? 
Ich weiß es nicht.
        
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