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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. Io 
Jafirg. 28 
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gültigkeit, erst schmerzlich, dann mit etwas Wehmut in 
Anbetracht ihrer Jugend, und schließlich stellte sie fest, 
daß Beethoven, Grieg, Brahms, Liszt und die anderen 
Lieblinge ihrer Musik mehr wert seien als die Zuneigung 
ihres Mannes, über dessen täglichen Verbleib in Berlin 
sie sich die phantastischsten Vorstellungen machte. 
„Tag“, sagte sie — „er ist ein großes Ekel, und es 
glaube, wer will, daß er auf der Biblothek Studien über 
den Sudan macht, wie er jeden Morgen und Abend — 
zu welcher Zeit er allein zu sprechen war — hoch und 
oft beteuert. — Tag“, sagte sie noch einmal, „sobald er 
wieder Wohnungstrennung vorschlägt, soll er getrost es 
tun. Ich habe mein Klavier und brauche keinen Mann!“ 
Nachdenklich fügte sie hinzu: 
„Die Asiaten sind doch bessere Menschen.“ Und sie 
drückte ihr Köpfchen fester in den Sessel und hielt 
Siesta, von zitronengelben Göttern und Göttinen Javas 
und Japans in süße Träume gewiegt.... 
Panlikow steigerte den täglichen Wortwechsel bis zu 
einem Grad, wo es heißt: bis hierher und nicht weiter. 
Er wußte, daß man manche Freude nicht in unmittel 
barer Nähe seiner Gattin auskosten soll und wurde 
Junggeselle. 
In drei Tagen hatte er Wohnung und Möbel sich 
geschaffen, und er lebte von nun an, wie man zu sagen 
pflegt, getrennt von seiner Frau. 
Und nun ging er mit fliegenden Fahnen und pochen 
dem Herzen zur Filiale der V. Z. . . . 
„Ob wohl eine so albern war?“ fragte er sich. 
Auf dem Wege zur Zeitung mußte er über die 
Lebenstollheiten lachen. Er, der Herr Staatsrat, der 
Mann einstiger großer Vollmachten eines Weltreiches, 
war als unbekannter Bürger untergetaucht im Strom 
und lebte wie der unbedeutendste Junggeselle sein 
eigenes Dasein ganz für sich. Er hatte sich zur Ruhe 
gesetzt, um zu erfahren, wie schön die Welt sein kann 
in ihrer inneren Peripherie. 
In diesen Erwägungen stand er vor dem Schalter der 
Expedition. Mit Blicken visitierte er die Kästen ab. 
Kasten S. war übervoll. 
Für ihn?!... 
Der Beamte griff in das Fach. „Eine ganz gehörige 
Portion!“ 
Der Staatsrat zitterte vor Erregung und Erwartung. 
Er nahm sein Päckchen, und der Beamte rief ihm nach: 
„Sprechen Sie vielleicht morgen noch einmal vor! Es 
kommt sicher noch einiges.“ 
Panlikow erwiderte stolz: 
„Genügt für zwanzig Mark, danke!“ 
Irgendein Brief durftete stark. Es war ein ganz pene- 
tranes Parfüm, das wie wilde Sehnsucht aus dem 
Kuvert schrie. 
Aber der Brief kam aus einem Käse- und Butterge 
schäft. Die Besitzerin hatte ernste Absichten; sie war 
des Alleinseins müde... er möge sie heiraten .... er ... 
denn ihre Gedanken sagten ihr, er passe glänzend in 
das Buttergeschäft das Parfüm sollte die Brücke 
bilden zu ihren Seelen. 
Seele, das war zuviel des Guten; er zerriß das Käse- 
und Butterfräulein und warf die Fetzen auf das Trottoir. 
In der Tauentziestraße 97, seiner Junggesellen 
wohnung, angekommen, öffnete er die Briefe und fühlte 
sich erhaben über Gott und die Welt. 
Er ... Er... Er... Er .. 
Und er schielte nach dem Spiegel: „So sieht der viel 
umworbene Staatsrat von Panlikow aus.“ 
Was diese Briefe enthalten, wer weiß das nicht?! Ihm 
war alles neu, und er schwelgte wie ein Gourmet in 
Austernsaft und Hummerscheren. 
Da klingelte der Apparat. 
Die Gattin war am Telephon. 
Ob er sich glücklich fühle...? Sie tröste allein die 
Musik in ihrem Schmerz. Er erwiderte: „Und mich 
Briefe . . ., Briefe von überall.“ Sie fragte, ob er wirklich 
willens sei, getrennt weiter zu leben. „Ich habe bereits 
Mietskontrakt und Meublement... Das ist ausschlag 
gebend, meine Beste... Vielleicht besser so als so...“ 
„Sonst nichts Neues?“ Er gähnte durch den Apparat 
wie ein Nachtbummler. 
„Du bist herzlos! Adieu, Alex!“ 
Damit war das inhaltschwere, aber kurze Telephonat 
beendet, und mit wahrer Gier vertiefte sich Panlikow 
in die Lektüre, die ihm allerlei Freuden versprach. Die 
Briefe hatten den üblichen Inhalt solcher Angeiegen- 
„Sprechen Sie morgen noch einmal vor! Es kommt sicher noch einiges.“ 
heiten. Es waren einige seriöse Schreiben von Damen, 
die wirklich den Sprung in die Ehe wagen wollten, einige 
hysterische Mitteilungen von verheirateten Frauen, die 
an einem Gatten nicht genug bekommen konnten, und 
schließlich schauten aus den Zeilen Mädchengesichter, 
die lustig und fidel etwas dem fremden Mann zu sagen 
hatten.... 
„Die Abenteuerinnen!“ 
Das war seine Spezies. 
Übergehen wir die vielen Rendevous, die bei Kranzier 
P stattfanden und bleiben wir bei der schönen 
Else Neumann, die sich Panlikow als Freundin aus 
erwählte. 
Else Neumann war jung, elegant, apart und klug, 
sie war stets bereit, die Mitwelt bei guter Laune zu 
halten und sie, wenn es nötig war, mitzuziehen in den 
Strudel ihrer tollsten Gedanken. 
Die tollen Gedanken imponierten Panlikow. Er bat, 
möglichst menschlich mit ihm zu verkehren und verbat 
sich den Staatsrat und den Baron. 
Else Neumanns Vorleben hatte einige dunkle Punkte 
aufzuweisen; auch war die Gegenwart von diesen 
dunklen Punkten segensreich bedacht. Er fühlte das 
bald heraus. 
Aber Panlikow erklärte: er sei ein Mann, der auch 
dunkle Vergangenheiten verstehen könne, und dem
        
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