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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. Io 
12 
Möge die eigene Frau aus dem Rauschen des un 
endlichen, hoheitsgebietenden Meeres die Töne einer 
hehren Gottheit erspähen, dachte er, er aber lauschte 
anderen Elementen und anderer Sphärenmusik. Und 
so geschah die seelische Umwandlung des Herrn von 
Panlikow, weiland Kaiserlich-russischer Staatsrat in 
Yokohama. 
In dieser Zeit, zur Zeit des Erwachens seines Froh 
sinns, ereignete sich etwas Großes auf Java: der Onkel 
erkrankte schwer und schloß trotz energischen Wider 
standes gegen Seine Majestät den Tod die Augen, 
indem er Panlikows Frau ein großes Vermögen hinter 
ließ, das zu genießen Sache Panlikows war. Da dieser 
aber Kultur genug besaß, es nicht Asien in die Arme 
zu werfen, verkaufte er sein Landhaus, nahm Abschied 
von den kleinen Mädchen im Yoshiwara, wie auch von 
den lauschigen, duftigen Teehäusern und reiste mit 
Frau Gemahlin nach Deutschland. Sein prachtvoller 
Instinkt führte ihn nach Berlin, er wußte, daß man 
hier billig leben konnte, daß man viel sehen konnte, 
ohne gesehen zu werden, er wußte, daß die Stadt die 
Weltzentrale hieß, und daß hier die reizendsten Damen 
zu finden waren, was ihn fast mehr interessierte als 
alles andere. 
Seine Gattin aber träumte immer noch von wunder- 
ollen Frühlingstagen am Meer, im Geiste sah sie noch 
die Buddhatempel, sie hörte den monotonen Sing-Sang 
der Straßensänger, verspürte den weichen, lockenden 
Duft buntfarbiger Tropenblumen, und über all der 
asiatischen Herrlichkeit leuchtete ein lichtblauer, 
wolkenloser Himmel. 
Die Frau Baronin aus Danzig hatte Schönheitsideale 
imGegensatz zum Herrn Staatsrat, der dieGeishas, jene 
wandelnden lyrischen Gedichte, nicht als gottgesandte 
Liebesboten betrachtete, sondern als nebensächliche 
Amüsementobjekte. 
Je nachdem! Und während Madame mit geschlosse 
nen Augen von stillen Vergangenheiten träumte, er 
faßte Monsieur das Großstadleben beim richtigen 
Zipfel und freute sich der sprudelnden Gegenwart. 
Die vornehme Welt Berlins — es gab ja einstmals 
eine solche — nahm sich Panlikows und seiner Gattin 
an. Es ist immer interessant, vom Osten zu hören, 
wenn man im Westen wohnt, und man freute sich in 
der Berliner Gesellschaft jedesmal, wenn man diversen 
Kommerzienräten, Regierungsräten und den Räten der 
Justiz den Staatsrat hinzufügen konnte. 
Die kleine Baronin aus Danzig war bald der Lieb 
ling exquisiter Kreise Berlins. Sie hatte den exotischen 
Zauber mitgebracht, der sie wie eine Duftwolke um 
gab, und den die Berliner zu allen Zeiten so sehr 
schätzten. Frau von Panlikow wußte entzückend von 
Dingen zu plaudern, die nur in Reisebeschreifcungen 
und etwa in Brehms Tierleben zu finden waren. 
Die Türen der Berliner Salons öffneten sich ihnen, 
und Asien hatte wieder einmal über Europa gesiegt. 
Frau von Panlikow spielte mit Meisterschaft Liszt, 
Mozart und Beethoven. Man bewunderte ihre Lei 
stungen, und die Herren begannen ihrem Entzücken 
durch Worte der Begeisterung Ausdruck zu geben. 
Man umschwärmte sie intensiv, aber Frau von Pan 
likow hatte die vornehme Art der Abwehr, die in ihrer 
Bestimmtheit keine Verstimmung hervorzurufen ver 
mag, und die selbst den energischsten Flaneurs einen 
Grad der Bewunderung abringt. 
Frau von Panlikow glaubte an die Treue ihres Gatten 
so fest wie etwa die bürgerlichste Frau an ihren Mann 
glaubt, und sie hatte bisher keine Veranlassung, eigene 
Wege zu schreiten. Der Gatte hatte den Grundsatz 
befolgt, daß die Heimlichkeit der Liebe das größte 
Vergnügen bereite und die Frau, was wichtig ist, am 
meisten schone. 
Der Reiz des Lebens liegt in der Zerstreuung bei 
den meisten Menschen, und wenn auch die Arbeit Ab 
wechslung in diesem Dasein gewährt: es ist hundert 
mal erwiesen, daß Genießen den besseren Teil des 
Lebens bedeutet. 
Herr von Panlikow fing an, sich in Berlin wohl 
zu fühlen. Er machte fürs erste Entdeckungsreisen 
und durchkreuzte die Metropole; das war sein Ge 
sellschaftsleben ..,. 
Und wie glücklich er sich fühlte, wenn er über sein 
bisher so arbeitsames, hartes Leben nachdachte, das 
ihn nie zur Besinnung kommen ließ. Jetzt war er 
Privatier, lebte vom und im dolce far niente, und er 
kam sich vor, wie ein sorgenloser Seelöwe, der sich 
auf einer Sandbank in beneidenswertem Stumpfsinn 
suhlte. Nur daß er im Cafe Kranzier saß und seinen 
Mokka schlürfte. 
Sein Kaffee mundete trefflich, und die warme Maien 
sonne gab seiner Frühlingslaune einen goldenen 
Rahmen. 
Baron von Panlikow war glücklich, und das Glück 
steigerte sich noch, als eine junge, schöne Person vor 
übertänzelte, deren wohlgeformtes. Bein ein durch 
sichtiger, seidener Strumpf sorgsam umhüllte. Lack 
schuhe, Seidenstrumpf..... Panlikow, ist Berlin nicht 
die schönste Stadt der Welt? .... Sage selbst, Panlikow! 
* 
Von Panlikows wohnten zwei Monate nach ihrer 
Übersiedelung nach Berlin im Grunewald; ein alter 
General hatte die reizende Villa dem Staatsrat ver 
mietet, indem er es vorzog, die letzten Lebenstage auf 
seinen Gütern in Pommern zu verbringen. 
„Machen Sie es gut, Herr Staatsrat, und amüsieren 
Sie sich. Ich habe mich bon amüsiert“, sagte Exzellenz 
beim Abschied. Und dabei wieherte er wie ein altes 
Taxameterpferd. „Ich bin leider nicht dafür“, log der 
Russe, stets seiner Devise eingedenk: „Tu, was du 
kannst, aber halte den Schnabel “ 
Die alte Exzellenz grinste vergnügt und brummte 
etwas in den sturmzerzausten Bart. 
Panlikow hatte das Empfinden, als habe Exzellenz 
denselben Grundsatz wie er. Bei solchem Mann wohnt 
man gern, überlegte er. Sie sind immer recht sym 
pathisch, solche Leute, auch wenn sie altes Eisen sind. 
Staatsrat von Panlikow hatte ein Schlafzimmer mit 
seiner Frau gemeinsam, aber gemeinsame Schlafzimmer 
haben ihre Schattenseiten, auch wenn sie in der Sonnen 
seite liegen. Ein gemeinsames Schlafzimmer ist wie ein 
KontroIIraum für lebenslustige Ehegatten. — Und wenn 
die Rückkehr bei Nacht auch noch so sehr auf Zehen 
und mit Zartgefühl geschieht, die Gattin erwacht und 
vermutet Dinge, die oft sogar auf gesunder Basis stehen. 
Panlikow überlegte hin und her, denn er wußte, daß, 
wer sich in Gefahr begibt, gewöhnlich darin umkommt. 
Und umkommen wollte er noch nicht. So erklärte er, 
aus rein hygienischen Gründen und aus Gründen des 
Schnarchens eine Extra-Schlummerstätte beziehen zu 
müssen, und er quartierte sich aus, nachdem er vorher 
einen kleinen Ehestreit vom Zaun gebrochen hatte. 
Dann schmunzelte er für sich vergnügt und rieb sich die 
Hände: „So, liebes Frauchen, jetzt werden wir Karriere 
machen!“ 
Und ziemlich fünfzehn Jahre jünger als sonst begab 
sich Herr Staatsrat zur Expedition einer Zeitung und 
inserierte: 
„Junger Mann, weitgereist, hübsch, elegant, Kavalier 
vom Scheitel bis zur Sohle, auch vermögend, sucht Be 
kanntschaft mit junger, vornehmer Dame. Heirat nicht 
ausgeschlossen. Offerten unter S. S. S. 10.“ 
Nachdem Herr S. S. S. 10 sich dieser aussichtsreichen 
Sache erledigt hatte, fuhr er zu seiner Frau und war für 
den Tag ziemlich zehn Zehntel geistesabwesend. Immer 
mit dem Gedanken beschäftigt, bald einige entzückende 
Mädchen per Inserat kennen zu lernen, träumte sich 
v. Panlikow in das Paradies der Damen, und er fing an, 
seine Frau als nicht mehr anwesend zu betrachten. Frau 
von Panlikow eippfand seit längerer Zeit seine Gleich-
        
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