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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 18 
Nr, io 
4 
DER SESSEL 
WOLFGANG VON LENGERKE 
ugen erzählte: 
„Wißt Ihr, vor einigen Tagen ging ich spazie 
ren. Es war ein schöner Frühlingstag, und ich 
bummelte ein wenig durch die Stadt mit der 
Absicht, irgend ein kleines Abenteuer zu erleben. Ich 
sah den Frauen in die Augen, prüfte ihren Gang — 
man kann ja soviel aus dem Gang einer Frau erraten! 
— aber vielleicht war ich zu wählerisch, oder ich hatte 
Pech . . . ich fand nichts. 
Plötzlich schlägt mir jemand derb auf die Schulter. 
Ich wende mich um und sehe in ein dickes Vollmond 
gesicht. 
„Na, du kennst mich wohl nicht wieder?“ 
Ich sah schärfer hin, und da erkannte ich ihn. Es war 
Vincenz. Erinnert ihr euch noch? Vincenz, mit dem 
wir unsere tollen Streiche machten, Vincenz, der jeder 
Schürze nachlaufen mußte und die haarsträubendsten 
Geschichten erzählen konnte! . . . Aber wie sah der 
gute Junge aus! Von seiner ehemals so schlanken Taille 
war nichts übrig geblieben und sein Hals versank in 
Speck. 
„Wie geht es dir denn, alter Junge?“ sage ich, um 
etwas zu sagen. 
„Mir? Ausgezeichnet, ausgezeichnet wie du siehst!“ 
und er blinzelte mich mit seinen kleinen Augen unter 
nehmend an. Es wirkte direkt komisch. Schließlich 
nahm er meinen Arm, und wir bummelten gemeinsam 
weiter. „Weißt du“, begann er, „wenn ich früher um 
diese Zeit durch die Straßen ging, so endete das regel 
mäßig mit irgendeinem netten, kleinen Abenteuer. Er 
innerst du dich noch . . .?“ und er begann von unseren 
gemeinsamen Erlebnissen zu sprechen. Er sprach mit 
breitem Behagen, so als sonne er sich in seiner ehe 
maligen Unwiderstehlichkeit. Ich betrachtete ihn 
schweigend und bemerkte, wie er versuchte, die Frauen 
zärtlich anzublicken, aber es sah lächerlich aus. Er 
hatte seinen Hut ein wenig schief gesetzt und schwang 
sein Stöckchen unternehmend, während er sich über 
mäßig in den Hüften wiegte. Bei einer Bewegung 
seiner Hand bemerkte ich, daß er einen Ehering trug. 
„Seit wann bist du denn verheiratet, Vincenz?“ 
frage ich ihn. Ich empfand eine diabolische Freude, 
ihn ein wenig zu necken. 
Vincenz wurde sichtlich verlegen und überhörte 
meine Frage. Er begann wieder von seinen Eroberun 
gen zu sprechen und ich glaube, er log furchtbar. 
Schließlich mußte ich mit ihm in eine Bar gehen, und 
er nötigte mich mit ihm zu trinken. Er trank unmäßig 
und wurde bald sehr aufgeräumt und lustig, zwinkerte 
schlau mit seinen kleinen Augen und schlug mit der 
Hand auf den Tisch. Dann begann er Witze zu er 
zählen, schlechte und frivole Witze. Anscheinend war 
er Alkohol nicht mehr gewöhnt. Ich hörte ihm ziem 
lich schweigend zu und dachte darüber nach, wie ich 
von ihm loskommen könnte, ohne ihn zu verletzen. 
Aber wie Ihr Euch denken könnt, war ich doch neu- 
gierig, wen er eigentlich geheiratet hatte. Da rückte 
er nahe zu mir heran, sein dickes Gesicht war schon 
dunkelrot und kleine Schweißtropfen standen ihm auf 
Stirne. „Heirate nie, mein Junge“, sagte er, „tue mir 
den Gefallen und heirate nie!“ Dabei blickte er mich 
so kläglich an . . . wißt ihr . . . so wie ein Kind, das 
sein Spielzeug verloren hat und nun kein neues mehr 
bekommen wird. Er mußte sehr unglücklich sein, der 
arme Kerl. Mir wurde eigentümlich, wie ich ihn so 
vor mir sah. Was war aus dem eleganten, lustigen Vin 
cenz geworden!? 
„Hüte dich davor, dich einfangen zu lassen!“ fuhr er 
fort und legte seine Hand beschwörend auf meinen 
Arm. „Sie sind so verflucht klug, die Weiber, und wir 
sind solche Esel. Wenn wir noch jung sind, dann ist 
die Gefahr nicht so groß . . . Dann sind wir noch zu 
neugierig, ob die Blonden anders wie die Schwarzen 
lieben. Wenn wir aber erst auf den Geschmack ge 
kommen sind, wird es gefährlich für uns. Dann geht es 
los, sage ich dir! Wie die Lämmer sind wir dann reif, zur 
Schlachtbank geführt zu werden. Bei mir waren es die 
Blonden“, setzte er düster hinzu, „es dauerte keine drei 
Monate und ich war geliefert.“ 
„Sieh mich an“, sagte er, „sieh mich an, ich habe sie 
doch weiß Gott alle an der Nase herumgeführt! . , . 
Ach, was waren das für Zeiten! Aber dann —. Mein 
Unglück, weist du, begann damit, daß ich mir die 
Frauen genauer ansah. Ich sah nicht nur ihr hübsches 
Äußere, das, was uns so schnell in sie verliebt macht, 
diese ungefährlichen kleinen Schönheiten . . . Nein, ich 
Esel mußte damit beginnen in ihnen eine Seele zu 
suchen. Sie haben eine, aber sie ist schwarz, wie die 
von des Teufels Großmutter, sage ich dir. Als ob ich 
das notwendig gehabt hätte! Da war es aus. Sowie du 
einer Frau, die dir gefällt, aufmerksam in die Augen 
siehst, auf den Klang ihrer Stimme hörst und anfängst, 
dich mit ihr über die Liebe zu unterhalten, bist du fast 
immer geliefert, mein Lieber. Dann lassen diese Bestien 
alle Minen springen. Ach, sie sind ja so klug! Ihre 
Sammetpfötchen wissen so gut die Krallen zu verber 
gen. Zunächst, wenn sie merken, daß du ein Opfer 
für sie bist, führen sie dich aufs Glatteis. Sie fangen 
an über die Schlechtigkeit der Männer zu sprechen und 
finden, daß wenigstens du anders bist. Ist es so weit, 
und du hast noch genügend Energie, dann kannst du 
dich vielleicht noch retten, aber“, Vincenz schüttelte 
traurig den Kopf, „es gelingt nur den wenigsten.“ 
„Wäre es bei mir ein junges Mädchen gewesen, viel 
leicht hätte ich auch noch entwischen können denn die 
ganz Jungen handeln noch nicht so mit Vorbedacht. 
Aber ich hatte das Pech an eine Erfahrene zu geraten 
und das ist schlimm . . • Die wissen genau, was sie 
wollen . . . Eigentlich fing es ganz harmlos an, so wie 
alle diese Sachen anfangen. In ihrem Programm stand, 
sich von mir erobern zu lassen . . . Nun, ich eroberte 
sie und war toll verliebt. Wie sie nun ihrer Sache ganz 
sicher zu sein glaubte, fing sie an langsam und vorsich 
tig von der Niedertracht der Männer zu sprechen. 
Nach ihren Worten mußte ihr erster Mann ein Unge 
heuer gewesen sein, ein Teufel . . . Und ich, ich gab 
ihr recht, weil ich dann zärtlich zu ihr sein durfte . . . 
Merkst du was? Aber das war erst der Anfang.“ 
„Sie besaß eine reizende, kleine Wohnung und für 
uns Junggesellen ist es ja eine ideale Sache, so ein 
Nest, wo wir unterschlüpfen können, wo wir gutes 
Essen bekommen und verhätschelt werden . . . Merkst 
du was? . . . Nun, ich bekam ausgezeichnetes Essen. 
Ich bekam alle meine Lieblingsgerichte und sagte mir, 
dieser erste Mann muß ein phänomenaler Esel gewesen 
sein, sich von so einer reizenden Frau zu scheiden . . . 
In diesem Zustand war ich natürlich schon hoffnungs 
los verloren. Ich war eigentlich schon verheiratet, 
merkte es nur noch nicht. Das ging eine Weile so und 
dann . . ■ dann, mein Junge, kam ihr genialer Einfall. 
Frauen sind ( in diesen Dingen ebenso genial, wie wir 
dumm sind!“ 
„Ich hatte die Gewohnheit angenommen, mich nach 
Tisch immer in einen herrlich bequemen Sessel zu
        
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