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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 9 
Jahrg. 38 
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ist quer ein Drahtseil gespannt. Es hat nicht mehr als 
etwa zwei Millimeter Dicke; es besteht aus reinem 
englischen Stahl. Durch den Längsgang des Zuschauer 
raumes läuft ein Weg, gerade breit genug, um ein Auto 
mobil aufzunehmen. In 
dieses Automobil setzt 
man eine Strohpuppe und 
läßt es am entgegenge 
setzten Eingang des Thea 
ters abfahren. Die Stroh 
puppe hat genau die 
Größe eines menschlichen 
Fahrers; das Seil ist in 
Halshöhe gezogen. Also 
das Auto wird abgelassen 
— es saust den schrägen 
Steg hinauf auf die 
Bühne — im nächsten 
Augenblick schneidet das 
Drahtseil der Puppe glatt 
den Kopf vom Rumpf.“ 
„Strohpuppe“, sagte 
Gundersen. 
„Damit ist die Ehrlichkeit des Experimentes doku 
mentiert. Man holt nun das Auto zurück, und statt 
der Strohpuppe setzt sich ein lebendiger Fahrer hinein, 
von der genau gleichen Größe der Puppe. Man läßt 
das Auto ab — mit genau der gleichen Geschwindig 
keit saust es auf das Drahtseil los . . .“ 
„Und . . .?“ 
„Das Publikum springt auf; zitternd vor Sensations 
gier und geheimer Wonne 
starrt es auf die Kata 
strophe, die sich vor sei 
nen Augen vorbereitet. 
Im letzten Augenblick, 
schon hart vor dem 
Drahtseil angelangt, zieht 
der Fahrer einen Revol 
ver aus der Tasche —ein 
Schuß — und die beiden 
Enden des Drahtseils flie 
gen auseinander.“ 
„Alle Wetter! Dazu ge 
hört ein gutes Auge.“ 
„Ja, ein Kunstschütze 
natürlich.“ 
„Und das soll Thorb 
jörn Espeland gemacht 
haben?“ 
„So behauptet mein Geschäftsfreund. Aber wie ge 
sagt, ich habe ihn ausgelacht. Ich habe auch nie gehört, 
daß Thorbjörn im Pistolenschießen etwas Besonderes 
geleistet hätte. (Fortsetzung folgt.) 
Lenz in Berlin. 
Es scheint wieder Frühling in Berlin zu sein, zwar 
nicht kalendermäßig, wohl aber was das Thermometer 
betrifft. Die Berliner sitzen wieder im Kaffee (Rumpel 
meyer, Ingelmeyer). Auch in Wannsee sitzt man im 
Tr eien und holt sich den ersten Vorfrühlungsschnupfen 
oder je nach der Veranlagung etwas Grippe. 
Während im Reichstag von den hohen Herren wenig 
positive Politik getrieben wird, ist der Flirt im Westen 
Berlins viel positiver. Die Damen tragen Frühlings 
kleider und die Herren zeigen ihre neuesten Anzüge 
von tadellosem Sitz und englischem Anzugstoff aus 
Köttbus. Man muß sich wundern, wo all die Eleganz 
herkommt und daß das leichtlebige Volk soviel für 
Theater und Kino übrig hat. Man glaubt in anderer Zeit 
zu leben und freut sich,daß es unserenMitbürgernsogut 
geht. Gott schaut mit wohlwollendem Blick vom Him 
mel auf Berlin W.W., auf Halensee und die umliegen 
den Bezirke herab, dafür sind aber die Berliner wenig 
dankbar, denn bei all ihrem Modefimmel, bei Ihren 
Liebeleien und bei dem ausgezeichneten Eis in der 
Konditorei Mirecke haben sie den Herrn im Himmel 
längst vergessen. * Str. 
Jadlowker im Thalia-Theater. 
Er hat immer noch dieselbe herrliche Stimme wie 
einst und die Damen im Parkett sind seine begeisterten 
Zuhörer. „Das Dreimäderlhaus“ erweist sich als gut 
eingeführt und es ist das Stück der großen Menge. 
Lustigkeit mit sentimentalem Abschluß, wienerisch 
weich und wohlklingend in den Melodien. 
Jedermann, der heute berühmt ist, wird in alle Ewig 
keit seine Ruhe nicht finden können. Er ist nicht sicher 
vor den Autoren, die nach seinem Tode noch leben 
und arbeiten. Diese Autoren lassen weder Herrn 
Schubart ruhen, noch Bismarck, noch Friedrich den 
Großen, noch Beethoven und alle anderen Großen des 
Geistes und der Musik. 
Seit ungefähr zwölf Jahren ist die Mode, überall eine 
Exhumierung (wenigstens auf der Bühne) vorzunehmen. 
Man kann zufrieden sein, wenn man als mittel 
mäßiger Komponist, oder auch Bildhauer das Zeitliche 
segnet, so daß der Geist geschäftstüchtiger Autoren 
einem wenigstens nach dem Tode schlafen läßt. Str. 
Pietro der Korsar. 
Ein wohlgelungener Film wird in der Tauentzienstraße 
(Ufa) aufgeführt. Der wohlgelungene Film nennt sich 
„Pietro, der Korsar.“ Er ist bearbeitet nach einem 
Roman von Wilhelm Hegeier. Die Handlung ist ge 
mischt mit allerlei Süßerotischem. Leider sind die 
Damen Aud Egede Nissen und Kolleginnen zu modern 
im Spiel und sie können sich nicht so recht in das drei 
zehnte Jahrhundert hineinfinden. Egede Nissen gibt 
ausgezeichnet die Rolle, aber man hat immer das Ge 
fühl, als trete sie im Jahre 1925 auf, genau wie die Kor- 
saren-Dirnen, die alle Allüren der Tauentzilenstraße an 
den Tag legen. 
„Die Seeschlacht wurde ausgezeichnet wiedergegeben 
und auch so mancher Jüngling zwischen 12 — 16 Jahren 
wa , r P ub f,,n e S * ene sehr begeistert. Paul Richter 
und Rudolf Kl em-Rogge spielten ihre Rollen recht gut. 
Besonders hat Richter „Momente.“ 
Für eineKorsarenburg war das herrliche Gebäude wohl 
etwas zu vornehm ausgestattet. Man hatte das Gefühl 
als sei es hergerichtet mit allen Feinheiten der 
Neuzeit, aber das Stück gefiel und das ist schließlich 
die Hauptsache. 
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