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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 9 
Jahrg. 28 
33 
Das Auto steuerte auf die Christiansstatue zu. Espe 
land wies nach links. 
„Store Kongensgade!“ Und da der Chauffeur ihn 
achselzuckend ansah, setzte er hinzu: „Fahren Sie die 
Kongensgade hinunter, bis ich Ihnen Bescheid gebe.“ 
Die schnurgerade Laternenreihe lief wie ein schim 
merndes Gleis vor dem Wagen her und verlor sich in 
der Ferne, dort, wo in der grauen Abendluft die Zita 
delle gegen den Himmel stand. Die kleine Hindegade 
zog trübselig vorüber; der breite Winkel der Fredericia- 
gade tat sich auf, dann verebbte das Licht der Laternen 
im Rücken des Fahr 
zeuges, und die grauen , 
Häuser wuchteten dro- o u 
hend aus ihrer schwei 
genden Reihe. Ein 
Lokomotivenpfiff 
gellte durch den 
Abend, vom fernen 
Ostbahnhof kam öli 
ger Rauch. 
Der Chauffeur hatte 
ein langsames Tempo 
eingeschlagen. Er war 
tete auf das Zeichen 
seines Herrn. Gerade 
aus verlief die däm 
merige Straße in ein 
Delta; die St.-Pauls- 
gade öffnete sich zur 
Linken wie ein dunk 
ler Rachen; der Wa 
gen rumpelte weiter. 
Lichterlose Häuserrei 
hen schoben sich 
heran; unbestimmbare 
Schatten huschten 
über den Damm, 
zwängten sich schlei 
chend an die Mauern. 
Espeland schnalzte 
mit dem Finger. „Hal 
ten!“ 
Der Chauffeur sah 
sich nach seinem 
Herrn um; er gab 
keine Antwort, aber 
in seinen Augen malte 
sich deutlich starres 
Staunen. Espeland öff 
nete den Schlag zur 
Linken, und indem er 
ihn leise zudrückte, 
sagte er: „Sie können 
wenden.“ Damit ging 
er quer über den Fahr 
damm in eine der 
schmalen Seitengassen 
hinein. 
Keine Laternen standen zwischen diesen ver 
waschenen Mauern, in denen der trübe und bedrückende 
Dunst der Armut zu lasten schien. Aus den Keller 
löchern strömten fremdartige Gerüche wie von fau 
lendem Obst. Espeland ging mit leisen, wie selbst 
verständlichen Schritten über die kantigen Kopfsteine; 
hier, wo sich die Häuser gegeneinander neigten, gähnte 
eine Lücke — eine Querstraße tat sich auf. 
Espeland zog eine Taschenlaterne. Ihr Licht glitt 
zitternd an' den rissigen Mauern rechts und links ent 
lang. Die Straße war menschenleer. 
Der einsame Besucher griff in die Tasche und zog 
eine Pfeife. Er setzte sie an den Mund und pfiff- 
Fast im selben Augenblick quoll es aus den Häusern 
wie eine lebendige Flut — in zwei Reihen war die 
Straße mit einem Schlage von einem Spalier von 
Menschen erfüllt. 
Der Chauffeur, der im späteren Verlauf dieser Be 
gebenheit die traurige Pflicht hatte, über das von ihm 
Gesehene Zeugnis abzulegen, vermochte von diesen 
seltsamen Dingen nie zu reden, ohne nachdenklich den 
Kopf zu schütteln. Er machte kein Hehl daraus, daß 
er seinem Herrn nachgeschlichen war, weil ihn die Ab 
sonderlichkeit der Abfahrt mitten aus der frohen 
Hochzeitsfeier brennend neugierig gemacht hatte. Er 
wäre imstande gewesen, am anderen Morgen, im 
freundlichen und trostvollen Licht der Sonne, die Ein 
zelheiten dieser nächtlichen Spukfahrt als überreizte 
Fieberphantasien zu 
verlachen — wenn 
nicht im Laufe dieser 
ereignisreichen Nacht 
verschiedene andere 
Seltsamkeiten hinzu 
gekommen wären, die 
die Realität dieser 
Begebnisse nur zu 
deutlich bewiesen. 
Er sah seinen Herrn, 
die Lampe in der 
Hand, an den beiden 
Reihen der unbeweg 
lichen Menschenmau 
er entlangblicken, über 
die der Lichtkegel der 
Laterne streifte, er 
hörte ihn einen Na 
men rufen, den er 
nicht verstand: gleich 
darauf sah er einen 
Menschen aus dem 
Spalier zur Linken 
auf seinen Herrn zu 
treten. Fast gleichzei 
tig geschah etwas 
neues Merkwürdiges; 
die Straße war mit 
einem Schlage men 
schenleer bis auf die 
beiden Männer in der 
Mitte. Die anderen 
waren von den dunk 
len Rachen der Häu 
ser verschlungen — 
untergetaucht wie Rat 
ten in ihren Löchern. 
Die beiden Männer 
in der Mitte sprachen 
eifrig; der Chauffeur 
sah, daß Espeland sein 
Portefeuille zog und 
ein paar Scheine her 
ausnahm. Nach Lage 
der Dinge schien die 
Unterhaltung ihrem 
Ende zuzugehen; so 
hielt er es für geraten, zu seinem Wagen zurückzu 
kehren, um Herrn Espeland zu erwarten. 
Er hatte sich nicht getäuscht. Ein paar Minuten 
später kehrte sein Herr zurück in der ruhigen, stolzen 
und sicheren Haltung, die ihn nie verließ. Fast auf 
atmend, öffnete er fierrn Espeland den Schlag und 
schwang sich auf den Bock. Während er den automa 
tischen Anlaß einschaltet, hörte er, daß Herr Espeland 
etwas sagte, was er nicht verstand, weil das Geräusch 
die leisen Worte übertönte. Er rückte den Bremshebel 
hinüber, der Wagen setzte sich federnd in Fahrt. Er 
wandte den Kopf mit einer fragenden Geste; erst jetzt 
sah er zu seinem Erstaunen, daß sein Herr nicht ein 
gestiegen war. Der Schlag des leeren Wagens flog 
krachend zu, und Herr Espeland sagte in ruhigem Ton: 
„Sie können nach Hause fahren!“ 
RIESLING 
teußr. -aber Sehr gut / 
-msgpr 
Chr. Adt. Kupferberg & Co., Mainz
        
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