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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 9 
Jahrg. 28 
29 
X>cr täfelnde <Tod 
HISTORISCHER KRIMINALROMAN AUS DEM 1?.) AHRHUNDERT 
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Und auch die Klosterfrauen waren zu arglos, als daß 
Margerita sie nicht zu täuschen gewußt hätte! Aus dem 
Anschmachten am Fenster wurden verstohlene Stell 
dicheins in den Gängen des Parkes. Freilich nur auf 
Minuten, aber sie genügten, um den Gärtner um den 
Verstand zu bringen und ihn erzittern zu machen bei 
den Andeutungen der Seligkeiten, die ihn erwarteten — 
wenn er es verstand, ihr die Klosterpforte zu öffnen. 
Es war eine dunkle Nacht, als Margerita in den 
Garten huschte, als des Burschen starker Arm ihr die 
Leiter hielt und sie über die Mauer hinwegglitt. 
Hoch atmete sie auf, als sie an der Seite des Gärtners 
den Bauernwagen bestieg, den der juhge Mensch mit 
ihrem Gelde gekauft hatte und sie durch den nächt 
lichen Wald davonfuhr. Eng an den Retter geschmiegt. 
Im Kloster gingen die Nonnen zu den Vigilarien — 
noch fiel es nicht auf, daß die Novize einmal die Zeit 
verschlafen. — Langsam dämmerte der Morgen, als 
Margerita mitten im Walde ein Feuer erblickte. Sie 
schrie leise auf. 
„Dort sind Briganten!“ 
Der Gärtner lachte: 
„Gewiß nicht, es sind meine Freunde.“ 
Sie kamen heran und der Wagen hielt. Männer traten 
herzu. Da richtete sich der Gärtnerbursche auf. Alle 
Verliebtheit war seltsamerweise aus seinen Augen ver 
schwunden und seine Stimme klang hart: 
„Ich bin der Poiizeisergeant Debrodo und verhafte 
Sie, Gräfin Granvillardo, wegen achtfachen Mordes.“ 
Sie stieß einen Schrei aus, sie wollte fliehen, da 
schlossen sich bereits eiserne Klammern um ihre Hand 
gelenke und — zum ersten Male brach sie fassungslos 
zusammen. 
Zwischen zwei Polizeischergen, den Sergeanten 
Debrodo auf dem Bock, fuhr sie bei Tagesanbruch in 
eine kleine Stadt ein. Man hob sie herunter und 
schleppte sie in das Haus des Stadtkommandanten. In 
einem kahlen Zimmer stand mit untergeschlagenen 
Armen der Präfekt der Polizei von Rom. Die Schergen 
warfen Margerita rauh nieder und zwangen sie auf ihre 
Knie. Der Präfekt genoß seine Rache. Höhnisch blickte 
er sie an. 
„Anders ist das Wiedersehen, als Sie es in Rom sich 
gedacht hatten, Gräfin Granvillardo.“ 
Da sah sie ihn verächtlich an. 
„Anders, Herr Präfekt, in der Tat, denn damals lagen 
Sie vor mir auf den Knien, wie ich jetzt vor Ihnen, und 
wollten mich zum Verbrechen des Ehebruches ver 
leiten. Heut maßen Sie sich an mein Richter zu sein 
und locken mich hinterlistig aus meinem Asyl.“ 
Der Präfekt biß wütend die Zähne aufeinander, 
während die Schergen, auf die Margeritas Schönheit 
auch jetzt noch Eindruck machte und die den Präfekten 
nicht liebten, ein Lächeln unterdrückten. 
Der Präfekt fuhr auf. 
„Sie werden auf dem Schafott Ihre Verbrechen 
büßen!“ 
Sie lächelte schon wieder, aber es war ein verächt 
liches Lächeln. 
„Ich glaube nicht, Herr Präfekt.“ 
„Sie wagen es noch jetzt zu trotzen? Sie leugnen? 
Sie schüttelte den Kopf. 
„Es wäre unter meiner Würde zu leugnen, wie ich 
auch nicht bereue. Tun Sie, was Ihnen Ihre kleinliche 
Rache eingibt. Ich bin überzeugt, wäre ich damals Ihre 
Geliebte geworden. Sie würden anders gehandelt 
haben.“ 
Ein Schauer lief über den Körper des Präfekten. 
„Oder ich wäre tot, wie Ihre anderen Opfer.'* 
Sie lächelte ihn an. 
„Warum über Dinge sprechen, die vorüber? Wie soll 
ich wissen, was ich getan hätte, wenn ich frei gewesen?“ 
Sie wurde in einen Kerker geworfen und streng be 
wacht. Nicht streng genug für eine Margerita Gran 
villardo. Als der Schließer kam, ihr das kärgliche Brot 
zu bringen, lag Margerita lang ausgestreckt auf dem 
Boden. Sie war tot und um ihre Lippen spielte ein 
liebes, unschuldiges Kinderlächeln. Sie hatte ein letztes 
Körnchen Gift bei sich getragen, das sie für den 
äußersten Fall aufgespart. Selbst der Schließer stand 
erschüttert vor diesem anscheinend schlafenden Kinde. 
„Bei allen Heiligen, sie ist schön!“ 
Noch einmal schwirrten Gerüchte durch die Stadt 
Rom. Und wieder glaubte die Menge ihnen nicht. In den 
i^ugen des Volkes blieb Margerita Granvillardo, eine 
der furchtbarsten Verbrecherinnen, die jemals gelebt, 
eine Märtyrerin! 
Der Polizeipräfekt stand lange vor ihrer Leiche. Er 
fürchtete den Zorn des Kardinals und ging außer 
Landes. 
Das gewaltige Vermögen der Gräfin Granvillardo fiel 
nach ihrem Tode zur Hälfte dem Gatten zu, der, von 
den Verbrechen nichts ahnend, eben aus weiter 
Ferne zurückkam, die andere Hälfte dem junger 
Priester Matteo. Er lehnte entrüstet die Erbschaft ab. 
Wohl zürnte ihm der Kardinal, weil er der Kirche 
hätte geben können, was er selbst verschmähte, aber er 
fühlte die edlen Beweggründe. 
So kam das ganze Vermögen an den Grafen Gran 
villardo, und wenige Jahre später ließ dieser in dem 
wieder erworbenen Palazzo seiner Väter ein neues, 
glänzendes Leben erstehen.' Die Gesellschaft Roms 
vergaß, was geschehen und erfüllte mit prunkvollem 
Leben die alten Räume, in denen Margerita ihre furcht 
baren Pläne ersonnen. 
Priester Matteo verließ den Vatikan und ging wieder 
in die einsame Wallfahrt-Kapelle, in der er sein erstes 
Amt angetreten und verbrachte ein Einsiedlerleben; 
Sie w«r tot und um ihre Lippen spielte ein liebet, unschuldige* Kinderlächeln. 
der Kardinal Gampolla brach unter der erneuten 
Schmach zusammen und starb. Das Haus des Doktor 
Godino, des falschen Marchese Santa Croce, wurde 
wieder als unheimliches Spukhaus gemieden, fand 
keinen Käufer und verfiel. In der Erinnerung wurde 
Margerita Granvillardo, die immer lächelnde, wieder 
des Volkes Heilige. 
Ihre Schönheit und ihr Liebreiz waren siegreicher als 
die furchtbaren Verbrechen, die diese zarte Hand, 
dieser lächelnde Kindermund, diese Teufelin in der 
Gestalt eines Engels verübte.
        
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