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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jatirg. 2t 
Nr. 9 
24 
-HUMOR 
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„Habe mein Skizzenbuch zu Hause gelassen. Hoffentlich entdecke 
ich heute nichts, was ich zeichnen möchte." 
Die KpLrt&nkg&rin 
QumoresAe uon C$on Q. Straßburger 
räulein Else Fritze wußte nicht so 
recht, was sie mit ihrem Schicksal an 
fangen sollte; sie war mit ihrem Leben 
nicht so ganz zufrieden und war dem 
lieben Gott ernstlich böse, weil er so 
gar nichts für sie tat. 
Eines Tages sagte 
Mutter: „Weißt du, 
noch eine einzige Hoffnung “ 
„Und die wäre?“ fragte ihre Muter. 
„Wir gehen zur Wahrsagerin und dort wird sich alles 
Else zu ihrer 
bleibt 
mir 
nur 
finden.“ 
Die Mutter nickt zustimmend: „Wer weiß, wofür das 
gut ist: eine Wahrsagerin weist vielleicht den richtigen 
Weg.“ 
Da kamen Else doch Bedenken: „Aber Mutter, wie 
ist es, wenn die Sache schief geht? 
Die Mutter Fritze machte ein bedenkliches Gesicht 
und plötzlich übersah sie die Tragweite des negativen 
Falles: „Du hast recht, es könnte ja schief gehen.“ Und 
zögernd meinte sie: „Else, das beste ist, du gehst allein 
und sagst mir gar nichts, ich möchte mich überraschen 
lassen vom Schicksal.“ 
Dann atmete die Mutter erleichtert auf. War es ihr 
doch, als ob ihr ein Stein vom Herzen fiele. Es fiel ihr 
plötzlich ein, daß auch sie vor zwanzig Jahren einmal 
großes Pech gehabt hatte. Sie hatte sieh allerdings von 
keiner Wahrsagerin ihr Schicksal Voraussagen lassen, 
und ihre Ehe war ein Fehlschlag. 
Als ob sie zu einer Festlichkeit sieh begeben wollte, 
so putzte sich Fräulein Fritze, um die Wahrsagerin 
aufzusuchen. Es lag heller Sonnenschein auf dem Wege, 
ein wundervoller Frühlingstag gab Wärme, Licht und 
Farbe. Als sie in der Allee saß, um noch einmal über 
ihr Schicksal, das man ihr deuten sollte (Preis M. 1,50), 
nachzudenken, setzte sich ein alter Herr neben sie und 
bald kamen die beiden ins Gespräch. Der alte Herr 
war ein Mann von Idealen, und als Else ihm erzählte, 
was sie vorhatte, lachte er hell auf und riet ihr ent 
schieden ab, die vier Treppen ohne Fahrstuhl zu er 
reichen. Else aber meinte, sie hätte es sich nun einmal 
vorgenommen und da sei es schon besser, es auch zu 
tun. 
Der Herr erklärte nach einer halben Stunde: „Mein 
liebes Kind, ich erlaube es einfach nicht.“ 
Sie erwiderte belustigt: „Und wie werden Sie das 
anfangen?“ 
Der Herr schmunzelte: „Ich mache Ihnen den Vor 
schlag, Sie setzen sich in ein Cafe, bleiben dort sitzen 
und warten, bis ich wäederkomme.“ 
Else verstand ihn nicht. 
„Und was machen Sie?“ 
„Ich gehe zur Wahrsagerin und werde mir für Sie 
wahrsagen lassen.“ 
Else aber erklärte: „Mein Herr, bei meiner Schicksals 
deutung muß ich doch unbedingt selbst dabei sein.“ 
„Das ist heutzutage nicht mehr nötig“, entgegnete 
jener, „heute geschieht alles durch Übertragung.“ 
Das reizende kleine Mädchen schüttelte ungläubig 
das Köpfchen, denn das verstand sie nicht. Sie gingen 
beide in ein kleines Cafe und der Herr versprach in 
einer Stunde wiederzukommen. 
Mit der Adresse bewaffnet, stiefelte er zu der Sybille 
und ließ sich wahrsagen; wahrsagen für das Mädchen 
und für sich. Die Sache schien ihm Spaß zu machen. 
Die Kartenlegerin, eine Menschenkennerin, sah ihn 
scharf an und kurzerhand erklärte sie ihm aus den 
Karten, daß er bald heiraten werde. 
Der Witwer rieb sich vergnügt die Hände und dachte 
für sich: „Es sind wohl zweiunddreißig Jahre ausein 
ander, aber es wäre nicht das erste Mal,“ 
Statt einer Mark fünfzig bezahlte er in seiner Be 
geisterung drei Mark und er rannte hinaus.
        
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