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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Mr.9 
„Das ist sehr anständig“, fauchte Bobby. „Du hast 
eben keinen Sinn für höhere Moral.“ 
„Jedenfalls ist es nicht gerade höhere Moral, dann mit 
der Kleinen auf der Ringstraße spazieren zu fahren. 
Übrigens hat das Mädel wunderbar ausgesehen“, sagte 
Tommy kopfschüttelnd. „Zu komisch!“ Und er schlürfte 
nachdenklich den Zucker aus seinem Mokkatäßchen. 
IX. 
Gegen sechs Uhr abends hatte Bobby ein sehr er 
regtes Telephongespräch mit Herrn Bergler, das er 
gebnislos verlief. „Alles geht gut“, sagte der Schwieger 
vater in spe begütigend. „Nur Geduld! Und auf keinen 
Fall hingehen! Das ist das Wichtigste! Ich werde Sie 
schon zur richtigen Zeit benachrichtigen.“ 
„Ich habe Sie aber heute nachmittag zusammen im 
Auto gesehen!“ brüllte Bobby. 
„Sind Sie vielleicht eifersüchtig?“ lachte Herr Bergler, 
Bobby schrie zurück: „Nein! aber, wenn man seinem 
künftigen Schwiegersohn die Geliebte vom Halse 
schaffen will, dann ist es doch nicht üblich, sich mit der 
Dame, zärtlich angelehnt, in ein Auto zu setzen?“ 
Das Telephon schnarrte Bobby in die Ohren. Herr 
Johann Bergler hatte abgeläutet. — — — 
Und wieder vergingen einige Tage. Bobby trug seine 
Unruhe in der Großstadt umher: vom Restaurant ins 
Caffihaus, vom Cafehaus in die Bar, von der Bar in seine 
so unästhetische Behausung. 
Eines Abends saß er in denkbar schlechter Stimmung 
aber vornehm in Smoking und Lackschuhen in der 
ersten Reihe der Kammerspiele bei der Premiere der 
neuen Revue. Als berüchtigter Freikartenbewerber 
hatte er sich eine Freikarte zu verschaffen gewußt und 
vereiste nun mit seinem verdrießlichen Gesicht die 
Stimmung seiner Nachbarn. In der Pause stand er 
lässig an gelehnt und musterte das Publikum. Er richtete 
sein Opernglas auf die Logen und suchte nach Be 
kannten. 
Plötzlich aber hielt das Glas in der Wanderung von 
Loge zu Loge inne. Bobbys Hand erzitterte und sank 
herab. Da oben saß die reizende, kleine Helly. Und 
auf ihren süßen Fingerchen lag die etwas fette, beringte 
Jaürg. 2S 
Hand Herrn Johann Berglers, der zärtlich auf sie 
einsprach. Bobby starrte mit weitaufgerissenen Augen 
hinauf, — Helly wurde aufmerksam —- sie blickte ihn 
an, — erschrak und bedeckte ihr Gesicht — ob aus Ab 
scheu vor dem Anblick des abtrünnigen Geliebten oder 
aus anderen Gründen, blieb dahingestellt. 
Bobby jedoch verlor die Besinnung. Er drängte rück 
sichtslos durch seine Sitzreihe und stürmte bleich, mit 
zusammengepreßten Lippen durch das Vestibül und die 
Treppe empor. Auf dem Logengange begrüßte ihn eine 
offene Tür — die Loge war leer 
X. 
Andern Tags erhielt Bobby einen Expreßbrief mit 
dem Firmenaufdruck: Johann Bergler u. Söhne: 
Sehr geehrter Herr! 
Wir bitten Sie, zur Kenntnis nehmen zu wollen, daß 
aus der von uns besprochenen Verbindung leider 
nichts werden kann. Der Grund hierzu liegt nicht 
etwa darin, daß uns Ihre geschätzte Person nicht kon- 
venieren würde, sondern einfach darin, daß eine von 
uns zu verheiratende Tochter überhaupt nicht vor 
handen ist. Unser alleiniger Chef, Herr Bergler, ist 
Junggeselle und als solcher stets gern bereit, sich der 
Gesellschaft junger, hübscher Damen zu erfreuen. Da 
er aber selbst allzusehr beschäftigt ist, um sich etwas 
Passendes suchen zu können, und jetzt gerade Saison 
ist, so haben wir die bewußte Annonce einrücken 
lassen, in der Erwartung, daß sich ganz sicher irgend 
ein junger Mann von tadellosem Geschmack melden 
wird, der ein reizendes, kleines Verhältnis hat. E s 
diene Ihnen zur Kenntnis, daß unser 
Chef, Herr Bergler, sich auf diese Weise 
bereits seit 15 Jahren die Adressen 
seiner kleinenFreundinnen verschafft. 
Hochachtend, ohne Anlaß zu mehr, 
Johann Bergler u. Söhne, 
(gezeichnet) JohannBergler. 
Es wird niemand wundernehmen, daß Bobby nach 
der Lektüre dieses Schreibens an den Wänden seines 
Zimmers hochzuklettern begann.
	        
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