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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr./ 
Jahrg. 28 
S taL;( 
meisten geliebt. Er vergaß die Missetat, die ihn zur 
Verzweiflung gebracht und entsann sich nur ihrer ge 
meinsam verlebten Kindheit, der Spiele auf der Tür 
schwelle, ihrer jubelnden Jugend in den Straßen und 
den Wäldern, und ihrer aufrichtigen Händedrücke 
abends, wenn sie sich in der Gewißheit eines raschen 
Wiedersehens verließen. Niemals mehr würde er ihn 
Wiedersehen! Und plötzlich rieselten die Tränen 
zwischen seinen Fingern herab, wie Wasser aus einer 
soeben geöffneten Schleuse. Da knirschte ein Räder 
rollen auf den Kieseln und veranlaßte ihn, den Kopf zu 
wenden. 
Die Wagentüre wurde geöffnet und sie beugte sich 
aus dem Gewirr der sie umgebenden Seide und Spitzen 
heraus. Der Ansatz eines Schuhes senkte sich auf den 
Wagentritt. Er erkannte sie durch den dichten Schleier 
hindurch! 
Mit zitternder Stimme rief sie ihm die Worte ent 
gegen: 
„Dem Himmel sei Dank! Sie sind es! Sie sind es! 
Nun . . .und?“ 
Er wagte nicht zu antworten. Es war etwas so 
Fürchterliches, was er sagen müßte. So senkte er nur 
die Stirne und schwieg verstört, aus Scham vor seinem 
Morde. 
„O, ich beschwöre Sie! So sprechen Sie doch! Sie 
bleiben so bewegungslos? Sind Sie verwundet? Aber 
sprechen Sie doch.“ 
Da sagte er endlich: 
„Ich bin nicht verwundet . . .“ 
„Ach“, rief sie und sprang auf den Weg herab. 
„Aber er . . fuhr er fort. 
„Nun er?“ 
„Er ist tot“, stammelte er. 
Sie fiel ihm um den Hals. 
„Ich liebe dich! ich liebe dich! ich liebe dich! Du 
hast ihn getötet, du hast recht daran getan, du bist 
stark und tapfer. Wenn du glaubst, daß mir sein Tod 
etwas ausmacht, so täuschst du dich nicht wenig! Ich 
habe ihn niemals geliebt, niemals, niemals, hörst du? 
Du weißt doch, wir Frauen werden an manchen 
Abenden ganz toll und wenn wir in solchen Stunden 
allein sind, so genügt ein Wort, eine kühne Lieb 
kosung, damit wir den Kopf verlieren. Ja, den Kopf, 
aber nicht das Herz! Dich allein bete ich an, habe ich 
immer angebetet. Komm, wir wollen gehen. Wir 
wollen heimkehren und uns um niemand mehr 
kümmern, weder um die, welche leben, noch um die, 
welche gestorben sind. Aber so komm’ doch, komm’, 
ich sage dir ja, daß ich dich allein nur liebe!“ 
Er sah sie ganz stumpfsinnig an. 
So empfand sie, die Mitschuldige des Beleidigers,denn 
nicht die geringste Traurigkeit über diesen Tod, der 
ihm, dem Beleidigten, die Seele zerriß? Im Gegenteil, 
sie freute sich dessen, und war glücklich darüber? Sie 
gestand, sie behauptete, daß sie für den, der für sie 
gestorben war, niemals die geringste Liebe gefühlt? Auf 
diese Weise war sie also nur ein Weibtier, das sich dem 
männlichen Sieger anbot! Er sah sie immer noch mit 
starren Augen an. 
„So komm’ doch“, wiederholte sie, hob den Schleier 
auf und bot ihm, ganz Reiz und Duft, ihre roten, nach 
einem Kusse dürstenden Lippen. 
Da antwortete er endlich mit einem ganz sonder 
baren Aussehen, wie jemand, der aus einem Traume 
heraus spricht; 
„Ja, komm’, ich bin bereit, aber ich bin ein wenig 
nervös und möchte nicht in den Wagen steigen, sondern 
gehen.“ 
„So gehen wir!“ sagte sie fröhlich und ergriff seinen 
Arm. „Du kannst mir alle Einzelheiten erzählen. Hast 
du ihn sofort getötet? Oder hat der Kampf lange ge 
dauert? Ich möchte wetten, daß er Furcht hatte. Er 
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war nicht so tapfer wie du, nein, er nicht Doch, was 
hast du? Warum antwortest du nicht? Es ist doch 
ganz natürlich, daß ich alles wissen will!“ 
„Ja“, sagte er, „sehr natürlich!“ 
Sie waren auf einer Brücke angelangt. Er blieb stehen 
und fragte: 
„Siehst du dort links, hinter dem Vorhang der 
Pappelblätter das Haus aus rosa Ziegeln mit den beiden 
Wetterfahnen?“ 
„Ich sehe es!“ 
„In dem Garten hinter jenem Hause haben wir uns 
geschlagen.“ 
„Ach . . 
„In diesem Garten, mitten auf dem Hauptwege ist er 
gefallen.“ 
„Hat er nicht geschrien?“ 
„Ich habe nichts gehört.“ 
„Wirst du mir den Garten zeigen, sag’?“ 
„Ja, morgen . . . oder übermorgen.“ 
„Wie lieb du bist.“ 
„Übrigens glaube ich, daß du ihn auch von hier sehen 
könntest. Ja, geh’ nur näher zum Geländer heran und 
beuge dich über die Brücke, so viel du nur kannst. 
Mehr, noch mehr! Siehst du, dort hinten der Pappeln? 
Neige dich noch tiefer . . . da . . . siehst du . . .“ 
Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus! Er hatte 
sie bei den Beinen gepackt und warf sie über die 
Balustrade der Brücke. Sie fiel durch die Luft dem 
gelben und tiefen Wasser entgegen, während ihr Rock 
und ihre zurückfallenden Unterkleider sich auf 
bauschten. Dann setzte er seinen Weg nach dem 
nächsten Dorfe fort. Und dort wurde dieser Bösewicht 
festgenommen, der, nicht zufrieden damit, einen Mann 
im Duell getötet zu haben, noch zum Überfluß seine 
Frau in die Seine gestürzt. 
♦ 
Meine Tischdame 
Man lud mich ein zur F6te, 
Es gab der Speisen viel, 
Sekt, Hummer und feine Pastete, 
Die Sache hatte Stil. 
Meine Dame, ein Kerl, ein lieber. 
Tat meistens dabei reserviert. 
Derweilen ihr Gegenüber 
Sehr heftig mit ihr poussiert. 
Da meines Geistes Blitze 
Meine Dame ließen kalt. 
Sann Ich nach anderem Witze, 
Nach Dingen, bewährt und alt. 
Ich kam mit ihr in's Berühren, 
Es stand bald Fuß an Fuß; 
Die ersten Ouvertüren 
An den Macken ihres Schuh's, 
Sie lächelte — beim Braten 
War nett und voll Grazie sie; 
Ihre Augen warfen Granaten, 
Erledigt ihr vis ä visl 
Und als wir im Auto alleine 
Sprach sie sehr amüsiert; 
„Er hatte so lange Beine, 
Doch du warst reserviert." 
Wir sah'n auf die Stiefeletten 
Na ja, da war es mir klar. 
Die Spitze — nichts war mehr zu retten — 
Ihr abgetreten war. 
E. H. S.
        
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