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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 9 
Jahrg. 2S 
17 
Skizze 
Dr. Grunenberg 
von farbenprächtigen Krawatten, eleganten Schuhen 
aller Arten und zog die Bilanz seines achtundzwanzig 
Jahre gelebten Daseins. Das Resultat seines Nach 
denkens war Null. 
II. 
Eines Nachmittags saß Bobby in seinem Stamm 
kaffee bei einer „Schale Braun mit Schlag und las die 
Tagesblätter. Speziell dem Inseratenteil schenkte er 
besondere Aufmerksamkeit. „Offene Stellen“ und 
„diverse Anträge“, ja sogar „Correspondenzen und 
Heiratsanträge“ studierte er mit tiefem Verständnis. 
Plötzlich blieb sein Auge gebannt an einer Annonce 
haften, die in großem Druck mit Rufzeichen das Wort 
„Einheirat“ dem Leser entgegenschleuderte. Der Wort 
laut dieser fesselnden Zeitungsnotiz war folgender: 
EINHEIRAT! 
Jungem, feschem, elegantem Manne von repräsen 
tativem Äußeren bietet sich Gelegenheit zur Einheirat 
in erste Firma. Keinerlei Kenntnisse benötigt. Bewerber 
werden gebeten ihre Zuschriften unter „Zug des 
Herzens“ an die Expedition des Blattes zu richten. 
Bobby fühlte seine Schicksalsstunde schlagen. Dieser 
junge, fesche, elegante Mann von repräsentativem 
Äußern mit keinerlei Kenntnissen war doch er! Rasch 
entschlossen verlangte er vom Ober Briefpapier, ließ 
sich Tinte und Feder geben und schrieb auf dem grauen, 
weißgeäderten Marmortischchen folgende Epistel: 
Euer Wohlgeboren! 
Bezugnehmend auf Ihre geschätzte Annonce im ,Tag 
blatt“ erlaube ich mir, mich als ernst zu nehmenden 
Bewerber vorzustellen, da ich annehmen kann, die erfor 
derlichen Eigenschaften zu besitzen und zeichne hoch 
achtend Bobboy Rainer, VII, Kaiserstraße 29. 
Bobby adressierte unter „Zug des Herzens“ an das 
Tagblatt, tauchte den Zeigefinger in einen Wasser 
tropfen, der auf dem Alpaccatablett neben den zwei 
Wassergläsern schimmerte und klebte das Couvert zu. 
„Servus“, sagte in diesem Moment neben ihm eine 
junge, fröhliche Stimme und er hatte gerade noch Zeit, 
den Brief in der Brusttasche seines erbsengrünen 
Sommeranzuges verschwinden zu lassen. Denn schon 
saß eine reizende, kleine Dame auf dem gepolsterten 
Fenstersitz ihm gegenüber. Es war Helly, die süße, 
braune Helly mit den lachenden, schwarzen Augen, die 
in den Zeiten seines Glanzes seine Freundin gewesen 
war. Das liebe Ding hing auch jetzt noch mit 
unerschütterlicher Treue an ihm, obwohl es keine 
Soupers, Autofahrten und Toiletten mehr gab. Sie 
rechnete damit, daß ihr Bobby, der smarte Junge, eines 
Tags schon wieder hochkommen werde. 
„Du hast einen Brief geschrieben?“ inquirierte das 
rosige Mäulchen und bestellte hierauf einen Kaffee 
mit Doppelschlag. 
„Ja, ich habe in der Zeitung etwas gefunden“, er 
widerte Bobby auf dem goldenen Mittelwege zwischen 
Dichtung und Wahrheit. „Eine Stelle, die mir passen 
würde. Ich habe mich jedenfalls gemeldet.“ 
Helly genoß seufzend ein paar Löffelchen Ober 
schaum und versicherte Bobby, daß es wohl schön wäre, 
wenn er eine Stelle bekäme und alles wieder so wäre 
wie früher ! 
Bobby’s Gewissen regte sich. Der schicksalsschwan 
gere Brief drückte ihm förmlich aufs Herz. Es konnte 
niemals wieder so sein wie früher. Das süße Geschöpf 
hier mußte doch naturgemäß das Opfer dieser „Ein 
heirat“ werden. Bobby erblickte im Geist einen Ratten 
könig von Unannehmlichkeiten: sein Geständnis, 
Hellys Tränen, Szenen auf Szenen —I Nun, er war 
doch schließlich ein Mann! Er beschloß aber trotzdem, 
das Geständnis möglichst lange hinauszuschieben ! 
( fortsetzung Seite 2o. J
        
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