Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jatrg. iS 
Nr. 9 
14 
Schwarz-weiß 
Die beklemmende, fast unheimliche Stille, die Ab 
geschlossenheit des Hauses erweckten den Wunsch, 
von etwas anderem zu reden als von dem, was die 
Gedanken tagsüber aufsogen und beschäftigte, und was 
einem jetzt so unwirklich und fern erschien wie die 
Erinnerung an einen Traum. 
„Sie hatten mir eine Geschichte versprochen,, wenn 
wir am Kamin säßen,“ sagte der Jüngere der beiden, 
der, seinen Kopf in die Hand gestützt, der Flammen 
zuschaüte. 
Der ältere antwortete nicht gleich. Er folgte nach 
denklich dem Schein des Feuers, das in sanftem Spiel 
über die satten, roten Damaste der Wände und Sessel 
ßjitt, über vergoldete Schnitzereien, zierlich geformte, 
glänzende Möbel und sich in den hohen Spiegeln wieder 
fing. All diese in Gobelins verwobenen Feste, jeder 
bronzierte Türgriff, die Deckenmalereien, die tanzenden 
Liebesgötter, die schönen Frauen mit blaugefärbtem 
Haar, ließen Erinnerungen aufsteigen, zart, unbestimmt 
und ferne ... 
„Sie wollten -mich vorhin glauben machen, daß es 
Menschen gibt, ja^ Frauen, die ihr Leiben einer Leiden- 
Schaft opfern . . .“ 
„Ja, und Sie behaupteten, daß dies heute einfach 
unmöglich sei, denn heute gäbe es keine großen Ge 
fühle mehrt sondern nur noch Interessen . . .“ 
„Erzählen Sie", bat der Jüngere und lehnte sich in 
dem Sessel zurück , . . Die Zigarren brannten . . . Der 
Ältere begann . . . „I<?h stand mit meinem vierzigsten 
Jahr auf der Höhe meines literarischen Schaffens, ich 
hatte mich durchgerungen . . . Der Erfolg kam nach 
der Aufführung meines ersten Schauspiels. Er kam so 
plötzlich, daß ich damit fast überschüttet wurde. Die 
Anerkennung floß mir zu, wie ein goldener Strom. Ich 
hatte das Empfinden, daß ich nur zu schöpfen, mich 
nur zu bücken brauchte, um Schätze zu heben, um 
diesen Erfolg zu vergrößern, zu vervollkommnen, zu 
befestigen. Alles glückte mir auf einmal, und alles be 
friedigte mich. Meine ältesten Arbeiten wurden aus 
den Schubladen der Redaktionen hervorgeholt, und die 
vergessenen, in den Schränken der Theater verstaubten 
Werke aufgeführt. Ich war mit einem Schlage bekannt. 
Sogar in Venedig entschloß man sich, eins meiner 
Schauspiele aufzuführen. Es war September, ich war 
auf meiner Erholungsreise, die mich gewöhnlich nach 
Italien führte, und wohnte der Aufführung bei. Das 
Stück wurde glänzend herausgebracht, mit einigen 
äußerlichen Unmöglichkeiten, die Arbeiterwohnung war 
zur Apachenspelunke geworden und das Milieu der ver 
armten Baronin nach der anderen Richtung hin glanz 
voll übertrieben, aber das Ganze hatte einen ungeheuren 
Erfolg, ein volles Haus und ich wurde schon nach dem 
ersten Akt von einer begeisterten Zuhörerschar heraus 
gerufen, Blumen und Kränze fehlten nicht ... es war 
sehr hübsch . . . Als ich meinen Platz in der Loge 
wieder einnahm, bemerkte ich mir gegenüber eine 
blonde, junge Frau, die mich starr ansah . . . Unsere 
Blicke kreuzten sich wie zwei Blitze, und es durchzuckte 
mich, als habe mich ein Feuerstrahl berührt.“ 
„War sie so schön?“ 
„Ich weiß es nicht. Ich könnte sie heute noch malen, 
wie sie dort oben saß, in ihrer enganschmiegenden, 
türkisblauen Samttoilette, den Zobel um die Schultern, 
wie sie nervös den kleinen, blitzenden Fächer bewegte 
und zerstreut ihrer Nachbarin zuzuhören schien, wäh 
rend sie den Blick nicht von mir ließ. Sie war auf eine 
einfache, vornehme Art frisiert, nach griechischer 
Weise und trug ein schmales Band aus Silbergaze um 
das weiche, flimmernde Haar. Wir sahen uns an .., wir 
sprachen aus der Ferne miteinander. 
Ich war so hingerissen von dieser Frau, daß der 
Wunsch sie zu besitzen wie ein Funke in mein entzün 
detes Herz fiel. Ich wußte in demselben Augenblick, 
daß auch sie ein ähnlicher Gedanke bewegte. Sie atmete 
rascher ... ihr Blick verdunkelte sich. 
Ein unbezwingliches Verlangen, diese Frau kennen 
zu lernen, loderte in mir auf. Wer war sie? Kannte sie 
mich? War sie von dem Menschen oder dem Dichter 
angezogen? Ich wußte es plötzlich, daß sie nur den 
Menschen in mir suchte. Diese Frau, deren langen, 
zitternden Blick ich in mich eindringen, auf mir haften 
und über mich gleiten fühlte wie die Liebkosungen■■ 
einer zarten Hand, liebte mich. Woher ich das wußte? 
Ich glaubte es. Ich vermochte der Aufführung kaum zu 
folgen, ich war wie benommen . . , sehnte den Schluß, 
des Abends herbei. Ihr Bild in der Loge, deren gelb- 
seidener Vorhang halb zurückgeschoben war, hatte sich 
mir unauslöschlich eingeprägt. Ich richtete tausend 
fiebernde Fragen an die Fremde, und sie antwortete, 
zögernd, überhaucht von einem rosigen Schimmer, der 
sie wie eine Flamme einzuhüllen schien. 
Der Vorhang fiel endlich, ich wurde herauf gerufen 
auf die Bühne, der Direktor stellte mir die Schauspieler 
vor, ich wurde Von allen Seiten festgehalten. Als ich 
wiederkam, war die Fremde verschwunden. Die Loge 
war leer. Ich empfand es wie- einen körperlichen 
Schmerz. 
Ich suchte zu erfahren, wer sie war, wo säe wohnte, 
ich nahm ihre Spur auf. Im Theater wußte niemand 
etwas von der Fremden, niemand schien sie bemerkt 
zu haben, die alte Logenschließerin erinnerte sich an 
ihre türkisblaue Toilette, aber die Fremde kannte sie 
nicht. Ich reiste am nächsten Morgen ab, ohne sie 
wiedergefunden zu haben. Sie war mir entglitten . . . 
wie eine wundervolle Frucht, die uns im Traum er 
scheint, köstlich reif und lockend und die verschwindet, 
wenn wir unsere Hand begehrlich danach ausstrecken .. . 
Pas Gefühl, einem geliebten Menschen so nahe ge 
wesen zu sein, um ihn wieder zu verlieren, brachte 
mich fast zur Verzweiflung.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.