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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 9 
10 
IM SCHLAFWAGEN 
WALTER KÖRTING 
otblond war sie, von einem herrlichen, 
rostfarbenen, schimmernden Rot 
blond, hatte mandelförmige, märchen 
hafte Athene-Augen, die von Zauber- 
nächten zu träumen schienen, einen 
entzückend-kleinen, runden Kußmund 
mit glockenkelchzarten Lippen, die 
in einem wundervollen Leichner- 
Rosenrot in ihrem puderblassen 
Puppengesicht brannten, trug schlenkernde Baumel 
kettchen mit einer riesigen bleichen Perle in den Ohren, 
war in jenem undefinierbaren Alter, in dem die Frauen 
die Zahl der verlebten Lenze nicht genau zu wissen 
pflegen, und und war überhaupt sehr süß. Ver 
mutlich hieß sie Lotti, Lolli, Lizzi oder so. Sie saß mir 
schräg gegenüber in dem dahinrasenden Westexpreß, 
aß mit unendlich weißen Händen und unendlicher 
Charme — was war’s? — Schinken in Burgunder glaub’ 
ich, und schlug nur dann und wann diese abgründigen, 
himmelblaubläulichen Wunderaugen auf. Wenn mich 
gelegentlich einer dieser Augenaufschläge traf, nein, 
nicht traf, traf ist nicht das richtige Wort, berührte, 
leise streifte wie ein Buschen zärtlicher Kätzchen, wie 
ein Frühlingshauch oder eine Mousson-Creme duftende 
Frauenhand, wenn mich also einer ihrer Rätselblicke 
streifte, dann hüpfte mein Herz dreiviertel Takt, dann 
durchrieselte es mich warm, dann rann mir eine Serie 
von Wonneschauern vom Kopf über den Rücken in das 
stechende Zwerchfell und über die Schultern und Arme 
in die prickelnden Fingerspitzen. Es war wundervoll. 
Es war zauberhaft schön, dieses stille Beieinander. Na ja 
still — was man so still nennt in dem Speisewagen 
eines rasenden D-Zuges. Doch was bedeutete das 
Brausen der Schienen, das monotone Knarren und 
Knirschen der Wagenachsen, das Geklapper der Messer 
und Gabeln, der Teller und Tassen, das aus dem An 
richteraum herüberschillerte, diese Zusammenstellung 
mißtönender Geräusche gegenüber der Symphonie der 
in mir auf- und abschwellenden Gefühle. Sie glitten an 
meinem Ohr vorüber, diese Kakophonien der Materie, 
wie das Rauschen eines fernen Wasserfalles, ver 
klangen, ehe sie mir ins Bewußtsein drangen, waren 
Einbildung, waren nicht. 
Ein wenig, ein ganz klein wenig Chance schien ich 
ja zu haben. Aber was heißt Chance? Sie war Dame. 
Selbstverständlich. Vollkommen Dame. Man hat doch, 
beim Herkules, einen Blick für so was. Es war deshalb 
scharf zu überlegen, in welcher Weise . Über 
haupt meine ich, muß man in solchen Fällen, auch wenn 
der ganz bestimmte, auf zuverlässige Beobachtung ge 
stützte Verdacht vorliegt, auch wenn das lächelnd-zu- 
trauliche Verhalten der aufs Korn genommenen Weib 
lichkeit berechtigten Anlaß zu der Annahme gibt, daß 
eine come il faut-Annäherung nicht unerwünscht ist — 
Wissen Sie, man muß das im Gefühl haben, 
man muß Instinkt, psychologischen Instinkt haben — 
ich sage, in solchen Fällen kann man gar nicht dezent, 
vornehm, taktvoll und geschmackvoll genug zu Werke 
gehen. Ein plumpes Wort kann alles verderben. Eine 
dumme, unpassende Äußerung kann entscheidend sein. 
Nun, also ich reüssierte, ganz bestimmt, ich hatte 
Glück, ich war im besten Zuge, in ihre Gleichgültig 
keit und Unnahbarkeit Bresche zu legen, da 
schade, sehr schade, jammerschade. Aber sie kannten 
sich scheinbar schon länger, von früher her, von einem 
Ball, einer Gesellschaft, einem Fünf-Uhr-Tee oder 
was weiß ich. Außerdem war er ein sehr eleganter, 
sehr stattlicher und’sehr netter junger Mann. Ich bin 
darin sehr objektiv. Nein wirklich, ich bemühe mich in 
jeder Hinsicht und in jeder Lage vollkommen gerecht 
zu urteilen, sine ira et Studio. Alles was recht ist — es 
war ein fescher, patenter Kerl, der sich ihr da mit stil 
voller Verbeugung gegenübersetzte und in liebens 
würdigster Weise mit ihr eine flüssige Konversation 
machte. Ich konnte schon nach kurzer Zeit feststellen, 
daß sich meine Aussichten trübten und meine lichten 
Hoffnungen zu Wasser wurden. Ich fluchte dem 
schicken jungen Herrn trotz aller Objektivität und der 
Ungunst des Schicksals inbrünstig. Ja, das tat ich, tat 
ich ausgiebig. 
Immerhin, zum Toggenburg habe ich nur geringe An 
lage, wenigstens ist sie mir noch nicht aufgefallen. Ob 
wohl mir im Grunde die blühende Petersilie verhagelt 
war, lehnte ich mich mit satten Grunzen zurück, 
brannte mir eine aus schwiegerväterlicher Kiste ent 
lehnte Importe an, bestellte eine Pulle Haut Sauterne 
und spielte den stummen Beobachter im Stile Conan 
Doyles. Nicht als genuesischer Mißvergnügter, sondern 
im diametral entgegengesetzten Gegenteil — als tertius 
gaudens, als überlegen schmunzelnder Dritter. Be 
sonders später, in sehr gesteigertem Maße später. 
Drüben trank man Kupferberg Gold. Ihre Ma 
donnenaugen sprühten jetzt irrlichternde Funken, flu 
oreszierten — — von mattem Stahlgrau in samtenes 
Veilchenblau. Ihre vollen, glühroten Lippen schürzten 
sich, kräuselten sich, platzten wie überreife Herz 
kirschen und legten ihre Zähne bloß. Ach ja, ihre 
Zähne, ihre Zähnchen, ihre weißen, perligen, blitzenden 
Nickerchen. Ihr enges Röckchen hatte sich im Sitzen 
verschoben und enthüllte tadellose Seidenstrümpfe und 
aber das ahnte man mehr. 
Ich leugne nicht, daß daß ich . Ich bin 
sonst anerkannterweise am ganzen Leibe äußerst edel, 
hilfreich menschlich und gut und habe die feste und 
beste Absicht, meinen Nächsten zu lieben wie mein 
Bankkonto. Bei Frauen, Jungfrauen und dem zwischen 
diesen Begriffsbestimmungen liegenden Genre gelingt 
mir das auch, besonders wenn gewisse Vorbedingungen 
erfüllt sind, ganz gut. Aber manchmal gelingt mir das 
leider sehr vorbei. Dann hasse ich meinen Nächsten, 
weil ich ihn beneide. Der Neid, ich weiß es, ist ein 
schlimmes Laster, das fortzeugend Böses gebiert, ein 
Übel, das zutiefst ruhte in Pandoras unheilvoller 
Büchse. Doch wir sind schwache Geschöpfe und 
mangeln des Ruhms. Nun gut. 
Schließlich erhob man sich. Sehr in Form. Teufel, 
Teufel, so ein D-Zug schlingert doch beträchtlich! Ich 
ging auch, mit vollkommen ersäuftem Kummer, wenn 
auch etwas später und in weniger lebhafter Unter 
haltung. 
Er war ein Mann, und zwar ein Mann von Lebensart. 
Er begleitete sie zu ihrem Abteil im Schlafwagen. Im 
letzten Schlafwagen. Ich schlie — hoppla! — nebenbei 
gesagt im vorletzten. Flüstern. Handkuß. Wieder 
Flüstern. Wieder Handkuß. Der Kerl ging verflucht 
scharf ins Zeug. Immer noch Händedrücke und Senge 
blicke. Ich schielte noch einmal um die Ecke, wandte 
mich um und steuerte langsam meiner Kabine zu. 
Mochten sie meinetwegen bis morgen früh auf dem 
Gang stehen und flüstern und schmusen. In drei 
Deubels Namen. 
Als ich die Tür schließen wollte, hätte ich um ein 
Haar dem eleganten Herrn, den ich soeben eine gute 
Stunde lang im Blickfeld meiner neidgelben Augen ge 
habt hatte, die Finger abgequetscht. 
„Verzeihen Sie !“
        
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