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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 9 
Jahrg. 28 
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langen Pfeife, die er nur bei festlichen Angelegenheiten 
anzündete. Weiß Gott, das letze Mai hatte sie bei 
Liseris Taufe den Tabak knistern lassen. 
Nun saßen Gevatter, Onkel und Tante um den Tisch 
und ein lustig Durcheinander herrschte. Am schönsten 
aber saß Lieserl da, drall und vollbusig, frisch und 
knusperig. Als Peter sein Weiberl umarmte, ward sie 
rot bis an die blonden Haarwurzeln. 
Der Hochzeitswein war schwer und dückblütig und 
machte müde. Um Mitternacht führte Peter sein junges 
Eheweib hinaus ins neue, blitzende Heim. Die Mutter 
nahm ihrem Kinde — das trotz alldem eben noch ihr 
Kind blieb — den Myrtenkranz und den Schleier ab, 
küßte ihr Lieserl und ihren Peter noch einmal und ging 
augenwischend und wehmütig-glücklich lächelnd aus 
der Stube. 
Als die beiden Eheleute auf den karierten Kissen ihrer 
Betten saßen, glänzte es heimlich in den Winkeln von 
Peters schwarzen Augen. 
„Sieh 'mal, Lieserl, hier hab’ ich ’n Amulett Weißt du, 
zu was so’n Amulett gut is’?“ 
Lieserl wußte das natürlich nicht! Woher sollte sie 
auch wissen, zu was so ein Amulett gut ist. 
„Paß’ mal auf“, meinte der Peter da verschmitzt, „das 
is’n Zauberamulett, das is’n Glücksamulett. Frag’ 
meine Urgroßmutter, wo sie’s her hat, ich woaß’s net. 
Dies Amulett hat’n jedes jungs Weib von unserer 
Familie in der Hochzeitsnacht um’n Hab g’trag’n. 
Wann’s Amulett am nächsten Morgen schwarz is, hab’ 
ich koa Jungfrau g’heiratet. Hier is’n schwarzes 
Amulett, das sieht g’nau so aus. Wann i dös Amulett 
trage und es is am nächsten 
Morgen auch noch schwarz, 
so hab' i noch hundert 
Schätze neben dir und bin 
dir net treu." 
Er nahm das weiße Amu 
lett und legte es ums Lie- 
serb Hab. Peter bängte 
sein schwarzes Amulett um. 
„Was moanst“, lachte 
Peter auf und versetzte sei 
nem Weibe einen gelinden 
Stoß in die Seite, „ob ’s 
Amulett morgen noch weiß 
is?“ 
Lieserl verbarg ihr scham 
rotes Gesichtchen unter der 
Bettdecke. 
Ab das junge, blühende 
Weib schlief, tastete Peter 
ganz heimlich Lieserb Hab 
ab, hing sich ihren Orden 
um und gab ihr den seinen. 
Dann lachte er leise über 
seinen Streich und rieb sich 
vergnügt die Hände. Er 
freute sich schon im voraus 
über Lieserb verlegenes Ge 
sicht morgen. (Denn er war 
von ihrer Tugendhaftigkeit 
febenfest überzeugt.) 
Bald war er eingeschlaf en, 
denn der Hochzedtswein tat 
seine Schuldigkeit. 
Am nächsten Morgen, als 
die Sonne noch verschlafen 
ins Schlafzimmer blinzelte 
und Peter an der Nase 
kitzelte, klang von der 
Straße ein schmetternder, 
gottgewaltiger Choral her 
auf. Trompeten und Zieh 
harmoniken spielten eine 
fromme Weise zu Ehren des 
jungen Paares. 
Verschlafen rieb sich Peter die Augen und sah nach 
seinem Lieserl. Die schlug gerade die Augen auf und 
strich sich verschämt die Löckchen aus der Stirn. 
„Nun, Lieserl, gut geschlafen?“ 
„Ja, Peter!“ 
„Hörst’ den schönen Choral? Er wird ß’spielt für uns, 
Lieserl!“ 
„Für uns?“ 
„No ja, weil wir d’ Nacht Hochzeit g’macht ha’n!“ 
Das blonde Lieserl verzog halb ärgerlich, halb 
.glücklich den Mund, gab ihrem jungen Gatten einen 
sanften Stoß mit dem Ellenbogen und schmollte ein 
langgezogenes „du“ zu ihm herüber. 
Dann lauschten sie glückselig und mit scheuer An 
dacht den ergreifenden Trompetenklängen des Chorab. 
Aus dem Schrank, darinnen Lieserb respektable, 
mit blauen, neckbchen Bändchen durchzogene Aus 
steuer lag, kam ein feiner Duft nach frischer Wäsche. 
Lebe und taktvoll tickte die Uhr an der Wand. 
Da verstummten die Töne draußen und Peter und 
Liesel küßten sich, daß die Uhr Herzklopfen bekam 
und den Pendel für Sekundep schneller hin und her 
schaukelte. 
„Nun wollen wir ’mal nach dem Amulett schauen“, 
meinte Peter und lächelte unendlich verschmitzt. 
„Laß nur“, meinte Lieserl, „ich hind’s ab und geb’s 
dir!“ 
„Nichts da“, unterbrach sie der Schalk und machte 
sieh daran, die Bänder des Schlafgewandes seiner Frau 
zu lösen. 
Und dazwlrchen leuchtete unschuldsweiß das weiße Amulett, das er ihr am Abend gegeben hatte.
        
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