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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jährg ZS 
Nr. 9 
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eter Hahn fuhr jeden Tag zwischen München 
und Partenkirchen hunderte von Sportbegeister 
ten in die bayrischen Berge. Er war nicht mehr 
zu jung, sozusagen ein Mann im besten Alter und 
sah in der blauen Mütze recht stattlich aus. Auch 
der Rockkragen seiner Uniform mit dem geflügelten 
Rade konnte — auch wenn der Personenzug sehr 
gemächlich durch das hügelige Land rollte — Eindruck 
machen. Konnte? Ei was! Er hatte Eindruck gemacht! 
Auf jeder Station hatte Peter seinen Schatz. Er 
liebte die Mädels, wie er den Maßkrug liebte und seine 
alte, treue Maschine. Alleweil hockte ihm der Schalk 
im Nacken und die Deandln lachten über seine rauhen 
Späße auf. Gern kredenzten sie ihm dann einen 
schäumenden Schoppen bayrischen Biers und winkten 
jhm noch lange nach, wenn er aus dem runden Guck 
loch der Lokomotive ihnen noch die letzten Kußhände 
zuwarf. 
Und wieder einmal schnaufte Peter Halms Zügle 
durchs Bayernland und bugsierte hundert Preiß’n von 
München nauf nach Garmisch. Peter lachte übers 
ganze Gesicht und lachte über die lustigen Funken, die 
aus dem Schornstein seiner Lokomotive in den grauen 
Morgennebel hupften. 
Die Lichter der Signallampen und Weichen schauten 
wehmütig den letzten Schatten der Nacht nach, denn 
sie wußten, nun würde bald der Bahnwärter kommen 
und sie unbarmherzig auspusten. 
Peter wandte sich kurz zu seinem Heizer um- Tos! 
sie hat Hunger!“ 
Und der Heizer stieß den Spaten in den Tender, daß 
die Kohlen knirschten in ingrimmiger Wut, riß die 
Heizung auf und warf drei, vier Schaufeln ein, daß die 
leckenden Flammen hoch aufschlugen. 
Grau hob sich der Umriß des nächsten Bahnhofs aus 
dem jungen Tag. Peter legte die Hand auf den Hebel 
und ein schriller Pfiff jauchzte der Station entgegen. 
Der bayrische Lokomotivführer Peter Halm fuhr 
elegant und schneidig in die Halle ein. Zischend und 
prustend gab die Maschine Gegendampf, die Räder 
knirschten auf den glänzenden Schienen. 
Weit lehnte sich Peter aus dem Führerstand. Er sah 
den Bahnsteig, auf dem sich die Menschen drängten, 
sah, wie sich der weiße Rauch seiner Lokomotive mit 
dem Morgennebel vermählte, der grau und schwer in 
den Balken des Bahnsteigdaches hing. Er lachte urge 
mütlich auf und dachte ans Lieserl, die Tochter des 
Bahnhofwirts in Garmisch, die er heute noch heim 
führen sollte. Bis Mittag war er mit dem Dienst fertig. 
Was sie jetzt wohl machen würde, das Liserf? 
Schmücken und putzen wird sie sich wohl und die 
schweren, braunen Haarflechten aufstecken. Ob sie’s 
wohl wird noch erwarten können mit dem Heiraten? 
’s war doch ein gutes Maderl, ’s Liserl, frisch und gesund 
und mit Backen, die wie Äpfel glänzten. 
Und wieder saß ihm der Schelm im Nacken mit 
klingenden Schellen. 
Da hob der Vorsteher die grüne Laterne und die 
Schaffner riefen: „Fertig!“ 
Peter rückte den Hebel an und mit schwerem Fauchen 
zog die Maschine an. Langsam rollte Peter Halms 
Zügle Garmisch entgegen. 
In der guten Stube beim Bahnhofswirt gings hoch 
her. Da waren die Bilder von Lisels Großeltern mit 
Tannengrün und bunten Schleifen geschmückt und im 
ganzen Hause rochs herrlich nach Gamsbraten und 
allerlei Schleckereien. Die Gäste w r aren würdig und 
steif im schwarzen Bratenrock aus der Kirche ge 
kommen und saßen nun am Hochzeitstisch, und die 
gute Wirtin weinte, und umarmte ihr Madl und ihren 
neuen Jungen ein Dutzendmal. Auch der alte V^irt mit 
dem großen Schnurrbart schnäuzte verdächtig oft in 
sein Taschentuch und qualmte dicke Wolken aus der
        
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