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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 8 
Jairg. 28 
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Fräulein Dangeville sah unwillig auf den stammelnden 
Menschen hinab. Sie erklärte harten und dürren Wortes, 
daß sie in Paris keine Einsiedelei suche. Sie forderte, 
auf der Stelle in ein lustigeres, ihren Erwartungen ent 
sprechendes Logis gebracht zu werden. 
Herr Brissault starrte in ihre Augen, deren Riegel 
sein tiefstes, wildestes Begehren nicht zu öffnen ver 
mochte. Er brach vor ihr in die Knie und flehte um ihre 
Hand. Er riß sie vor seine Reichtümer und stammelte 
aus zuckendem Hirn ungeheure Summen her, die seinem 
Weibe gehören würden. 
Sie maß ihn mit einem verächtlichen Blick. Mißver 
stand er die Passion einer großen Dame so kläglich, daß 
er ihre Freiheit kaufen wollte? So mußte sie wohl be 
dauern, in dem vielgerühmten Herrn Brissault einen 
kleinen Schwätzer zu finden, der vielleicht mit der 
Schneiderelle, nicht aber mit Damen ihres Ranges um 
zugehen wisse. 
Herr Brissault wurde sehr bleich. Er verließ ohne 
Gruß das Zimmer. Die Diener erhielten Befehl, Fräu 
lein Dangeville mit großer Sorgfalt zu bedienen, ihr 
jedoch das Verlassen des Hauses zu wehren. 
Dann lief er, gehetzt von der Narrheit eines sehn 
süchtigen Heimwehs der Seele, in Feld und Wald hin 
aus, warf sich in weiches Moos und weinte, hörte das 
verträumte Rauschen der Bäume, Vogelsang und den 
Schrei eines brünstigen Wildes, sah einen Käfer über 
seine Hand laufen und konnte ihn nicht töten, weinte 
und mußte weinen, grub die Hände in den Waldboden 
und fühlte sich greisenhaft alt. 
Als er heimkehrte, meldete man ihm, daß Fräulein 
Dangeville mit einem der Diener entflohen sei. Er 
stand und hörte die Botschaft. Schmerz war in ihm. 
Schmerz war Licht, Mensch, Tür Möbel. Schmerz war 
alles Sein. 
Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel. Buchstaben 
höhnten ihn, Fräulein Dangeville werde sich dem Herrn 
Fahre in Pension geben. Er schlug die Stirn gegen das 
Holz. Er streichelte das Papier zwischen den Händen. 
Er zerriß es und küßte die Fetzen. Er sah sich plötzlich 
im Wandspiegel, starrte sich reglos an und sah einen 
jämmerlich verlorenen Menschen, dem die Verzweif 
lung das Gesicht zerschlagen, dem die Hoffnungslosig 
keit das Alter auf die Stirn geprägt hatte. 
Er fuhr nach dem Palais des Konkurrenten. Er bot 
ihm ungeheure Summen, er bat, er bettelte kniefällig 
und entblößte seine lallende, winselnde Seele. Herr 
Fahre ließ ihn durch einen Bedienten hinausbringen. 
Er irrte einen Tag lang um das Palais, suchte mit 
tränenden Blicken alle Fenster ab und preßte eine 
Stirn voll bittersten Wehs an die Mauer. Zum Abend 
fuhr ein Wagen vor. Herr Fahre erschien in der Pforte 
und begrüßte einen alten Marquis, den häßlichsten, 
abschreckendsten Wüstling der Stadt. Ein Wort stieg 
leichtfüßig aus dem Gemecker des Greises und trat den 
harrenden Menschen hinter dem Sockel zu Boden: 
Fräulein Dangeville 
PFÄNDERSPIEL 
CURT HOTZEL 
s war ein unglücklicher Einfall ge 
wesen, die Rückreise von Italien dies 
mal über das Engadin zu machen, 
denn Ende März war bereits Schnee 
schmelze inPontresina und St. Moritz. 
Sebaldus Brock sah das wohl ein, 
als er von Tirano mit der elektrischen 
Bergbahn in endlosen Windungen 
durch das Felsgeröll allmählich in die Schneeregion 
hinaufklomm. Wozu sich diesem Nachwinter aussetzen, 
dem man doch gerade durch die italienische Reise zu 
entgehen trachtete? — 
In solche Betrachtungen hinein fielen um so peinlicher 
die Ausführungen des einzigen Mitreisenden im wohl 
durchwärmten Doppelabteil, eines jüngeren Herrn, der 
in Wien beheimatet sein wollte und mit erheblichem 
Redeaufwand die Verschiedenheit seiner Oberkleider 
ausdeutete. Rock und Weste waren von anderem Stoff 
als das dunklere Beinkleid. Er habe sich nämlich in 
Genua bei einem vorzüglichen Schneider einen Anzug 
anfertigen lassen, aus garantiert echt englischem Stoff, 
und um nun den hohen Zoll zu umgehen, einen Teil 
dieses vorzüglichen Anzugs auf den Leib gezogen. 
„.... Es ist wirklich das Beste, mein Herr, was Sie 
sich denken können“, wiederholte der unterhaltsame 
junge Mann sein Preislied auf Englands feinge 
sponnenes Garn und versuchte vergeblich ein Ende des 
Jaketts in seiner weißen, weichen Hand zu zerknüllen. 
„Sehen Sie selbst 
Sebaldus Brock waren dergleichen Unterhaltungen, 
wie gesagt, sehr peinlich; denn er haßte alles Ordinäre, 
und wenn es gar an Konfektion grenzte, so war es ihm 
doppelt fatal. Hier inmitten der großartigen Gletscher 
welt, die den durch paradiesische Vorfrühlingstage im 
Süden Verwöhnten jetzt höhnisch anbleckte, solche 
Schneidergespräche zu erdulden — das bedeutete ihm 
ein schlimmes Vorzeichen 
Der Bahnhof des Weltkurortes St. Moritz war ver 
ödet. Ein Bäuerlein sprang behende aus dem Abteil 
dritter Klasse, ein Postbeamter schleuderte mißmutig 
ein Kolli über die Rampe, und Sebaldus hatte Mühe 
seine Koffer zur Aufbewahrung zu bringen. Dann stieg 
er im ungewissen Spätnachmittagslicht hinauf zum Ort. 
Eintönig begleitete ihn an allen Wegen das Tropfen und 
Rieseln des Schneewassers. Vorhin waren auf der Höhe 
der Berninahäuser noch ein paar schwarze, wollumhüllte 
Gestalten auf Skiern am Zugfenster vorübergeglitten — 
hier im Ort war kein Zeichen mondänen oder sport 
lichen Lebens mehr spürbar. Ein Einheimischer ließ sein 
Roß ungezäumt über die Straße traben, dem Stalle zu. 
Man sah Mist auf den Wegen liegen, der den Rest 
des Eises auftauen helfen sollte. Die meisten Hotels 
waren geschlossen. Hie und da klopfte man Matratzen. 
Endlich hatte Sebaldus eine Unterkunft gefunden. Er 
stieg dann ein Stück an der Berglehne hinter dem Ort 
hinauf. Die Einheimischen schauten dem einsamen 
Kurgast nach, und er hatte das Gefühl, als lächelten sie 
hinter ihm. Der Anblick der Bergriesen des Bernina 
massivs konnte ihn von dem Gefühl der Verkehrtheit 
dieses Ausflugs ins Hochgebirge nicht ablenken. Dazu 
das ewige Tröpfeln und Rieseln, Glucksen und Gurgeln 
des Schneewassers.... Es war ihm, als ob sich alle 
Welt über ihn, Sebaldus Brock, lustig mache. Er be 
schloß, in einem Cafe unterzuschlüpfen, sich in eine 
Ecke zu setzen und Zeitungen zu lesen, bis es Zeit war, 
zu Tisch zu gehen. Er fand endlich die einzige Kon 
ditorei, die in Betrieb war, und setzte sich in den 
Winkel eines Plüschsofas. 
Kaum aber hatte er seine Zeitung breit entfaltet, als 
jemand mit zarter Hand deren oberen Rand erfaßte, ihn 
(Tortsetzung auf Seite 2o.J
        
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