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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. S 
12 
ußerhalb des Maskengewühls stehen an einer 
/ \ Säule nahe dem Eingang ein Beduine und ein 
Z \ Raubritter, unruhig nach den immer neu hinein- 
JL V- strömenden Masken spähend. Sie sehen sich 
gegenseitig an, ein wenig neugierig, schadenfroh, teil 
nehmend, bis endlich der eine sich aufrafft. 
Der Beduine: Sie warten auch, Herr Ritter, wie? 
DerRaubritter: Ob man uns versetzt hat? 
Der Beduine; Das wäre, dazu die Mühe, vom 
Hause fortzukommen. 
DerRaubritter; Aha, ging’s bei Ihnen auch nicht 
so leicht? 
DerBeduine (den Lebemann herauskehrend): Ich 
bin neuerlich verheiratet. Aber schließlich hat man ja 
so seine Übung, heimlichen Freuden nachzugehen. 
Der Raubritter (sich in seiner Rüstung 
wiegend): Ja, wenn meine Frau wüßte! 
Der Beduine (stolz wie ein Philister): Da sind 
wir ja zwei richtige Durchgeher. 
Der Raubritter: Auch eine kleine Freundin, 
was? 
DerBeduine: Kann sich sehen lassen. Totschick, 
prima, erstklassig! Ich verstehe mich auf Figuren. Kon 
fektionär! 
Der Raubritter (die Vorstellung erwidernd): 
Reisender in Hutschmuck. 
Der Beduine; Wo sie nur bleibt? Sie kommt 
als Pierrette. 
Der Raubritter; Meine als Geisha. Fesch, was? 
Der Bedui ne : Na — nicht gerade Nouveaute. 
Der Raubritter: Sollen mal ihren Reiher im 
Haar sehen! 
Cin K^rncuatscUatog uon KurtDZänzer 
Bilder: Bohnefeldt 
dionysischen Empfänglichkeit. Sie beklagt sich jeden 
falls nicht darüber, daß ich sie schone. Und Ihre, Herr 
Ritter? 
Der Raubritter; Gott, wie das so kommt. Es 
war ja alles ganz hübsch und amüsant, aber dann, sehen 
Sie, mein Beruf! Da komme ich nun von Modistin zu 
Modistin, tadellose Weiber darunter, mit einem Blick 
zu knicken. Man ist doch nur Mensch, nicht wahr? 
Man kann doch außerdem nicht so unhöflich sein, ein 
freundliches und kostenloses Angebot, so eine Kost 
probe zurückzuweisen. Nun hatte ich mich natürlich 
nur auf Liebe en passant eingelassen, so hier ein Schlück 
chen, da ein Nipperchen — Schmetterling, was? 
Der Beduine (dem Raubritter entzückt auf die 
Schulter schlagend); So ein Schäker! Aber weiter, 
weiter! 
Der Raubritter: Bis mir da vor einem halben 
Jahre dieses reizende Abenteuer ... 
Der Beduine (entflammt): Nun, nun? 
Der Raubritter (nachlässig): Ach Gott, nicht 
das erste, unsereiner erlebt ja täglich so etwas! Ein 
bißchen Schneid, gutsitzende Hosen, Einglas, verächt 
licher Zug um den Mund, so was Gewisses im Blick, 
patente Taille, da fliegen ja die Weiber drauf! 
Der Beduine: Und das Abenteuer, das Aben 
teuer? 
DerRaubritter: Ja so. Also ich bin gerade bei 
einer Kundin und packe meine Zeichnungen ein, da 
kommt ein süßes, kleines Frauchen herein und möchte 
einen Reihertuff haben. Erschrickt, wie sie die 
kolossalen Preise hört. Nein, das geht nicht. Sie weint 
beinahe! Schließlich geht sie ohne Reiher. Ich ihr 
nach, spreche sie an, stelle mich vor als Reiher 
lieferant. Sie horcht auf, ich erzähle ihr von der Pracht 
dieses Schmuckes — nun, was soll ich Ihnen sagen? 
Sie war sicher bis dahin eine tugendhafte Frau, 
aber dennoch: acht Tage später hatte sie ihren Reiher, 
ich ihre Tugend. 
Der Beduine: Was, wirklich, sind Reiher so 
kostbar? Und der meiner Frau zwanzig Mark? (Für 
sich): Man könnte ordentlich nachdenklich werden! 
Wenn etwa Paulinchen auf ähnliche Weise... Dumm 
heit! (Laut): Wissen Sie, fast ganz genau so begann es 
bei mir. Wollen Sie hören? Also ich ... 
DerRaubritter (gelangweilt zu sich): Der elende 
Schwätzer! Was gehen mich seine banalen Abenteuer 
Der Beduine: Als Geisha? Meine Frau hat sich 
auch so ein Ding angeschafft. Sollen ja riesig teuer sein. 
Sie bekam es als Gelegenheit für zwanzig Mark. 
Der Raubritter: (ironisch); Siebenmal geknickt. 
— Ahnt Ihre Frau nichts von Ihren Eskapaden? 
DerBeduine; Glaubs nicht. Hat nie gegen meine 
Ausgänge etwas einzuwenden. Läßt mir alle Freihheit. 
Der Raubritter: Vielleicht hat sie selbst... 
Der Beduine: Mein Herr! Nun ja, Sie kennen 
sie eben nicht. Sie ist eine kühle Natur. Wenn sie es 
auch nie an liebenswürdigem Entgegenkommen fehlen 
ließ, so doch an einer gewissen — ich möchte sagen: 
an! 
Der Beduine: Ich hab’ eine Mantelfabrik, nicht 
wahr? Mache alle halbe lahre Detailausverkauf zurück- 
gesetzter Muster. Ich sag’ Ihnen; ein Geschäft! Wenn 
„zurückgesetzt“ auf dem ältesten Hammel steht, be 
zahlt die klügste Frau das dreifache dafür. Ein Aus 
verkauf ersetzt zwei Konkurse. Beim letztenmal nun, 
im Frühjahr, kommt da eine neue Kundin, sucht, wühlt, 
findet endlich einen türkischen Samtmantel mit königs 
blauem Futter, unten ein halbmeterbreiter Skunks. 
Tadellos. Das Frauchen hat Geschmack: der und kein 
anderer. Aber es war wirklich ein Modell von Paquin.
        
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