Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 8 
Jahrg. 28 
8 
nicht, weil er sich glücklich fühlte, wenn sie bei ihm 
war, sondern weil er sie nicht entbehren konnte, weil 
sie all sein Denken umschloß. 
Er bewunderte ihren Verstand, ihr Talent, über alles 
mitsprechen zu können, und er war doch innerlich über 
zeugt, daß sie nur eingelernte Phrasen wiederholte, daß 
sie nur ein Interesse für Dinge heuchelte, die ihr im 
Grunde sehr gleichgültig waren. 
„Ich muß jetzt gehen“, sagte er plötzlich, und sein 
Pflichtbewußtsein riß die künstlichen Dämme nieder, die 
seine blinde Leidenschaft errichtet hatte. 
„Fräulein!“ ohne ihn zu beachten, rief Lydia mit 
scharfer Stimme eine der Verkäuferinnen heran: 
„Welche Größe hat dieses Kleid?“ 
„Größe 42“, erwiderte die Verkäuferin. 
„Gefällt es dir, Liebling?“ Lydias Gesicht wandte 
sich mit strahlendem Lächeln Bob zu. 
_ „Sehr gut“, antwortete er. Er wußte, daß sie von ihm 
eine Bestätigung ihres guten Geschmackes erwartete. 
„Bitte, warte noch eine Sekunde.“ Und schon war sie 
mit der Verkäuferin in einer Kabine verschwunden. 
Bob wartete im Zwiespalt zwischen seiner Liebe und 
seiner Pflicht. Dann, nach einer Viertelstunde, die ihm 
eine Ewigkeit dünkte, erhob er sich, griff nach Hut und 
Stock und flüchtete wie ein Verbrecher. 
Als er abends im Hotel erschien, um Lydia zum 
Diner abzuholen, fühlte er Gewissensbisse. Fast zitterte 
er davor, sie wiederzusehen, und er atmete erleichtert 
auf, als ihre Cousine Anny ihn empfing. Anny war 
weder so elegant noch so klug und weltgewandt wie 
Lydia, aber sie hatte gute, zärtliche Augen, und ihr 
einziger Ehrgeiz bestand darin, künstlerisch vollendete 
Handarbeiten herzustellen. Sie war die Gesellschafterin 
Lydias, und da sie keine Ansprüche an das Leben 
stellte, so begleitete sie ihre Cousine oder blieb zu 
Hause, wie es gerade der Laune Lydias entsprach. 
Bob unterhielt sich mit ihr, nervös, zerstreut über 
die Stickereien, die sie ihm stolz zeigte, nicht ein Wort 
von Lydia kam über seine Lippen. 
Endlich erschien sie selbst, ein Wunder von ge 
pflegtem Körper, von mondäner Kleidung. Ein Sturm 
brach über ihn herein. 
„Warum verschwandest du heute so plötzlich?“ 
Eine Falte, die sie nicht verschönte, runzelte ihre 
weiße Stirn. „Ich hatte eine geschäftliche Verabredung, 
Kind. Ich wartete bis nach vier Uhr.“ 
„Du bist rücksichtslos wie alle Männer. Du weißt, 
daß ich ein Kleid nach deinem Geschmack wählen 
wollte.“ 
„Und du weißt, daß ich wichtiges zu tun hatte . . “ 
„Ja, ja, ich weiß. Für alles und für alle hast du Zeit, 
nur nicht für mich. Du hättest die eine Minute warten 
können . . .“ 
Eine Minute? Ein Lächeln huschte um seine Lippen, 
doch er schwieg; der bekannte Anwalt fand kein Wort 
der Verteidigung gegenüber den Anklagen, die aus ner 
vösem Munde hervorsprudelten. 
Plötzlich glättete sich Lydias Stirn, und ein leicht 
sinniges, girrendes Lachen glitt zu ihm herüber. 
„Ist es nicht Torheit, sich wegen derartiger Kleinig 
keiten den Abend zu verderben? Komm, Bob.“ 
Und sie gingen, und er legte sich zum hundertsten 
Male seufzend die Frage vor, ob solch ein kapriziöses, 
sprunghaftes Geschöpfchen geeignet war, die Gefährtin 
eines arbeitsreichen Lebens zu werden . . 
Am nächsten Tage hatte er mit ihr eine Verabredung 
zum Lunch im Esplanade. Um ein Uhr dreißig. Sie kam 
atemlos um zwei Uhr fünfzehn an, denn sie hatte einen 
schweren Vormittag hinter sich. Der vorhergehende 
Abend war ihr nicht gut bekommen, und sie hatte länger 
als gewöhnlich geschlafen. Dann war der Masseur ge 
kommen. Der neue schwedische Masseur, von dem alle 
Welt sprach, und hatte ihr gründlich die Stimmung ver 
dorben. Alles hatte er ihr verboten, Aspirin, Cocktail, 
Puder, Rouge, Konfekt, alles, was man unbedingt zum 
täglichen Leben brauchte. 
Und ihr Barsoi war auch nicht auf dem Posten, 
machte ihr große Sorgen ... und hundert Menschen 
hatten sie antelephoniert, mit ihr Verabredungen ge 
troffen, und das wichtigste — ein Lächeln befriedigten 
Triumphes glitt um ihre Lippen, als sie daran dachte, 
daß es ihr gelungen war, zu dem nächsten Skandal 
prozeß eine Eintrittskarte zu erhalten. 
War es ihr nicht hoch anzurechnen, daß sie trotzdem 
zu dem Rendezvous erschien und sich nur um einige 
Minuten verspätet hatte? Aber er wollte dies alles ja 
nicht wahr haben, er sah nicht ein, daß sie alles dies 
nur seinetwegen auf sich nahm ... 
Heute wollte sie die Gelegenheit benutzen, ihm 
ernstliche Vorhaltungen zu machen, ihm zu zeigen, 
welchen Schatz er an ihr besaß, wie unwürdig er ihrer 
wäre. 
Ihr Herzschlag stockte, als sie das Vestibül des 
Hotels betrat und ihn nicht erblickte. Er war nicht ge 
kommen, er ließ sie warten ... 
Unerhört . . . Hatte er vergessen, welches Opfer sie 
ihm brachte, als sie seine Werbung annahm, — glaubte 
er ihrer bereits so sicher zu sein, daß er sich derartige 
Rücksichtslosigkeiten erlauben durfte? Unschlüssig 
überlegte sie, was sie beginnen solle? Sollte sie noch 
länger auf ihn warten? 
In diesem Augenblick betrat eine Gesellschaft von 
drei Herren und zwei Damen das Vestibül. Als sie 
Lydia erblickten, eilten sie auf sie zu: 
„Gnädige Frau spielen wohl die verlassene Ariadne?“ 
Sie lachte nervös. 
„In der Tat, mein Verlobter ist unpünktlich, oder hat 
unsere Verabredung überhaupt vergessen.*’ 
„Schließen Sie sich uns an. Sie können unmöglich 
hier warten.“ 
Lydia zögerte einen Augenblick, ehe sie den anderen 
folgte, aber niemals hatte man sie in letzter Zeit so 
ausgelassen, so übermütig gesehen, wie an diesem Tage. 
Am späten Nachmittag rief Bob sie an, und eine 
vorwurfsvolle Stimme sagte: 
„Ich habe heute wieder eine halbe Stunde vergeblich 
auf dich gewartet.“ 
Lydia wußte, daß der Hieb die beste Parade ist, und 
daß sie Bob nicht zu Worte kommen lassen durfte. 
„Ich war pünktlich im Vestibül und ich kann dir 
Zeugen nennen, daß ich, allerdings ohne dich, in ver 
gnügtester Stimmung geluncht habe.“ 
„Das ist unmöglich. Ich wartete 
„Unmöglich bist nur du, mein Lieber, der nicht 
weiß, was er einer Dame schuldig ist . . . “ 
Bob versuchte etwas zu erwidern, aber die Ver 
bindung war gelöst. 
Wenn ein Mann das Pech hat, daß seine Verlobung 
von der anderen Seite gelöst wird, kann man zehn gegen 
eins wetten, daß er in kürzester Zeit eine neue Wahl 
trifft. Weniger, um eine Lücke in seinem Leben aus 
zufüllen, als um der anderen zu zeigen, daß man ihren 
Verlust leicht zu verschmerzen vermag. 
Bob heiratete Anny, die weder so elegant noch so 
weltgewandt wie Lydia war, die aber gute zärtliche 
Augen hatte und ihren Gatten anbetete. Sie liebten 
sich und waren glücklich. 
Aber nach einigen Monaten konnte Bob sich nicht 
enthalten, seiner Frau sanfte Vorwürfe zu machen: 
„Du mußt versuchen, Anny, eine Frau von Welt zu 
werden. Das bist du meiner Stellung schuldig. Du darfst 
bei keiner mondänen Veranstaltung fehlen, du mußt 
five o clocks und Modeschauen besuchen, selbst auf die 
Gefahr hin, die Häuslichkeit und mich zu vernach 
lässigen . . . 
Anny sah ihn verständnislos an. 
Ja, die Männer sind eben nie zufrieden mit dem, was 
sie haben . . .
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.