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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 7 
Ja6rg. SS 
35 
„Aber du liebst den Kardinal?“ 
„Er ist mein Wohltäter.“ 
„Und du liebtest meinen Vater und meine Brüder?“ 
„Was sollen diese Worte?“ 
Sie stand dicht bei ihm und zischte ihm zu: 
„Willst du, daß mein Hals auf dem Block fällt? 
Glaubst du dem Kardinal zu dienen, wenn du das zu 
läßt? Kann der Oheim einer enthaupteten Giftmischerin 
Kardinal bleiben? Ist es nicht deine Pflicht, dies zu 
verhüten?“ 
Auch ihm waren diese Gedanken durch den Kopf 
geschossen. Sie sah ihn prüfend an. Er selbst war viel 
zu sehr in seinem furchtbaren Kampf, als daß er ihre 
Augen gesehen, jetzt lag sie vor ihm auf den Knien. 
„Ich bereue von ganzem Herzen, was ich getan 
Furchtbar schwebt über mir die Hand Gottes. Ich tat 
es nicht aus mir selbst. Ein willenloses Werkzeug 
war ich in der Hand des Marchese. Gott soll mich 
richten und er wird es tun, aber Buße kann Schuld 
mildern. Hilf mir, daß ich nicht in der Last meiner 
Sünden auf das Schafott muß.“ 
„Was willst du?“ 
„Nicht meinen Körper sollst du retten, sondern meine 
Seele. Und dabei sollst du den guten Namen des 
Kardinals und unseres Hauses retten. Nicht die Frei 
heit will ich aus deinen Händen. Bring mich in ein 
Kloster. Laß für immer die Wände des Gotteshauses 
sich hinter mir schließen. Gib mir Gelegenheit, in 
meinem ferneren Leben zu büßen und zu bereuen.“ 
Fortsetzung folgt. 
Der Wintergarten hat seine eigene Note. Als ich vor 
25 Jahren zum ersten Mal in Berlin war, war ich be 
geistert von den 1000 Sternen, die mir von oben auf den 
Kopf strahlten. Ich empfand es als feenhaft, als un 
heimlich schön und dann schrieb ich nach Hause in die 
geliebte Provinz: „Liebe Mutter, in Berlin gibt es ein 
Variete, das so schön ist, wie das Himmelreich, 
Wenn man hineinkommt, sieht man nichts als 
Sterne “ Als ich vor einigen Tagen wieder in 
den Wintergarten kam, leuchtete es immer noch von 
der Decke herab, aber dieses Mal hatte ich das Emp 
finden, als ob die Decke im Wintergarten 25 Jahre in 
der Kultur zurückgeblieben sei. Es ist eigentlich schade, 
daß sich die Direktion nicht entschließen kann, etwas 
moderner zu wirken. Wir Berliner Nervenmenschen 
sind andere Aufmachung gewöhnt. 
Aber bei alledem, das Programm im Wintergarten ist 
gut und ausgewählt. Die Tiller-Girls waren einfach 
puppe. Die Gesichter dieser Mädchen sind durchweg 
hübsch und auch der übrige Teil der Tänzerinnen kann 
sich sehen lassen. Eines der jungen Mädchen verlor am 
Abend ihren goldenen Schuh, der dem Bassisten an den 
Kopf flog. Solche unvorhergesehenen Ereignisse er 
freuen immer und es war reizend, die Verlegenheit des 
schuhlosen Mädchens beim Tanze zu beobachten. 
Der indische Zauberer Linga Singa bluffte das Publi 
kum durch seine Kunst und seine Aufmachung. U. a. 
verbrannte er eine Witwe und er hielt die Überreste der 
indischen Witwe dem erstaunten Publikum fast unter 
die Nase. Fünf Sekunden später trat diese indische 
Witwe wieder kerngesund und noch schöner als vorher 
aus ihrem Krematorium heraus. 
Das Fenüna-Quartettbot Gutes, und besonders die 
sentimental blickende Cellistin, Fräulein Goodmann, 
verstand ihre Kunst trefflich. 
Nicht unerwähnt wollen wir Natano Bross lassen, der 
mit seinem Bruder oder Vetter (ich kenne die ver 
wandtschaftlichen Beziehungen der beiden Herren 
nicht) Köstliches auf dem Rollschuh leistete. Jeden 
falls muß Herr Natano Bross einen sehr widerstands 
fähigen Körper haben; flog er doch alle paar Sekunden 
einmal auf einen gewissen Körperteil. Str. 
• 
Das Scalatheater hat eine Spezialität: die jungen 
Damen im Vestibül haben die kürzesten Röckchen von 
Berlin und sie verkaufen das herrlichste Eskimoeis. 
Ich kenne jemand, der hauptsächlich wegen des Eskimo 
eises gerne in die Scala geht. Aber das sind ja Ge 
schmackssachen. Ich freue mich immer, wenn ich in 
den ersten Plätzen die großen Geister Berlins erblicken 
kann. Es ist interessant, zu beobachten, wie dieses 
Haus immer mehr Freunde gewinnt und wie fast alle 
großen Leute Berlins sich zur Premiere hier einfinden. 
Das Programm ist exquisit. Die australische Radfahrer 
truppe Daunton-Shaw ist bei brillanter Stimmung und 
die niedlichen Mädchen, die so herrlich radfahren, er 
freuen durch ihre Grazie. Paul Beckers ist mir per 
sönlich etwas zu derb, die Geschichte mit seinen 
Fliegentüten ist ja sehr ulkig, aber es fehlt dem guten 
Paul Beckers ein gutes Repertoire. Immerhin ist er der 
Komiker der großen Masse und auch die große Masse 
will befriedigt werden. Getanzt wird sehr viel im Scala 
theater und besonders ist Spanien vertreten. Die 
Rentenmark hat eben doch einen gewissen Magnetis 
mus. Der weltberühmte Opernsänger Lord Ain singt in 
vier Stimmlagen und hat einen starken Kontakt mit dem 
Publikum. Man freut sich seiner Stimme und seiner 
Eleganz und hat bei seinem Auftreten die große Sehn 
sucht, von ihm zu erfahren, wie die Adresse seines 
Schneiders sei. Sein Frack ist ebenso schön wie seine 
Stimme. Str. 
• 
Die Geldverknappung ist momentan wieder sehr groß 
in Berlin. Die Berliner laufen alle mit einem dicken 
Kopf herum. Eine junge Dame redete mich jüngst in der 
Martin Lutherstraße an mit den Worten: „Na, Sie feiner 
Mann, möchten Sie nicht mit mir eine Tasse Kaffee 
trinken?“ Ich fragte sie, ob das unbedingt sein müßte; 
sie antwortete in vertraulichem Ton: „Aber, liebes Kind, 
ich hab den ganzen Tag noch nichts gegessen und ge 
trunken.“ Ich tat ihr den Gefallen, ging mit ihr in ein 
Cafe und hier aß das junge Ding so unverschämt viel, 
daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit der Gäste auf 
sich zog. 
Solche jungen Damen sind immer der beste Grad 
messer des Geldmarktes und hier erfuhr ich, daß es 
keine Kavaliere mehr gäbe. Seit acht Tagen habe der 
vornehme Mann aüfgehört, vornehm zu sein. Das 
orientierte mich und nun weiß ich, daß Berlin kein 
Geld mehr in Händen hat. Str. 
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