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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 7 
Jahrg. 23 
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Der Präfekt schüttelte den Kopf, 
„Sehr seltsam! Dieser Mann, der angeblich Rom ver 
lassen, ist nachts hier und arbeitet in der Stadt an der 
Verfertigung von Sprengstoffen? Was meinen Sie, 
Doktor? Wir werden uns dieses anscheinend unter 
irdische Laboratorium einmal näher ansehen. Besorgt 
ordentliche Fackeln.“ 
Während sich der Arzt noch mit dem Toten be 
schäftigte und der Präfekt sich in dem Studierzimmer, 
das nichts Außergewöhnliches bot, umsah, wurden 
Fackeln besorgt.“ 
„Nun vorwärts. Wo ist der Diener des Marchese.“ 
„Hier, Herr.“ 
„Sie wissen hier sicher Bescheid.“ 
„Gewiß nicht. Mein Herr hat mir nie erlaubt, dieses 
Zimmer zu betreten. Er schloß sich stets ein, wenn er 
hier arbeitete. Ich hatte keine Ahnung, daß hier ein 
unterirdischer Gang ist.“ 
Der Präfekt warf ihm einen forschenden Blick zu 
und zuckte die Achseln. 
Er selbst nahm eine Fackel und stieg den zaghaften 
Schergen voran. 
„Hailoh, das ist ein Stück der Katakomben, das sich 
hier öffnet.“ 
Der Arzt war an seiner Seite. 
„Und sehen Sie hier! Da haben wir das Labora 
torium!“ 
Er sah die große Ampel, die unversehrt von der 
Decke hing und noch voller Öl war und zündete sie an. 
„Seltsam, daß hier nichts zerstört wurde.“ 
Der Arzt schüttelte den Kopf. 
„Sehr natürlich, da die Explosion nach oben wirkte.“ 
„Der Marchese scheint Alchimist gewesen zu sein.“ 
Der Präfekt fuhr auf. 
„Eine interessante Entdeckung. Das ist ja dasselbe 
Haus, in dem einst der Alchimist und Abenteurer Exili 
wohnte. Freilich, von diesem unterirdischen Labora 
torium hat mein Vorgänger im Amte nichts gefunden.“ 
Während der Präfekt sich umsah und die alters 
grauen, von dem Marchese augenscheinlich nie be 
nutzten alchimistischen Apparate in ihren bizarren 
Formen sah, war der Doktor an den Retorten be 
schäftigt und stand vor einem weit geöffneten, großen 
Eisenkasten. 
„Herr Präfekt.“ 
Seine Stimme war so erregt und fast heiser, daß der 
Präfekt ihn erstaunt ansah. 
„Ich möchte Ihnen etwas allein sagen.“ 
Der Präfekt winkte denSchergen und sie blieben allein. 
„Wissen Sie, Präfekt, was hier ist?“ 
„Nun?“ 
„Das furchtbarste Lager schrecklicher Gifte, das ich 
jemals gesehen.“ 
„Gifte?“ 
„Hier in diesem eisernen Kasten sind außerordentliche 
Mengen von sublimiertem Merkur, Arsenik, Vitriol und 
noch vielen Dingen, die ich nicht kenne, genügend, um 
ganz Rom in die Hölle oder in den Himmel zu be 
fördern! 
„Ich habe dem sogenannten Marchese niemals getraut, 
aber ein Giftmischer?“ 
„Und hier dieser Pergamentband. Eint! regelrechte 
Anleitung, hier, sehen Sie den Namenszug. Eine Hinter 
lassenschaft des Exili.“ 
„Doktor, haben Sie noch das Papier in dem wir 
gestern bei dem Lakaien das Gift fanden?“ 
„Hier ist es, ich habe soeben festgestellt, dieser ganze 
Beutel ist voll von vollkommen ähnlichem Pulver.“ 
„Zeigen Sie her, das Papier, aus dem der kleine Beutel 
geknifft ist, ist mit verblichenen Schriftzeichen bedeckt 
und hier ist ganz ähnliches, zerrissenes Papier.“ 
Der Präfekt faßte den Arzt am Arme. 
„Doktor, eine furchtbare, aber wichtige Entdeckung. 
Das Gift, mit dem der Diener die drei Morde ausführte, 
stammt vom Marchese.“ 
„Ich ahnte es schon.“ 
„Aber warum? Wie kamen der Marchese und der 
Diener zusammen? Was kann den Marchese zu solcher 
Tat veranlaßt haben?“ 
Der Arzt überlegte. 
„Eine Möglichkeit wäre immerhin. Der Marchese war 
der bevorzugte Verehrer der jungen Gräfin.“ 
Der Präfekt schrie auf. 
„Natürlich! Auf Veranlassung des verstorbenen 
Vaters der Gräfin wurde er verbannt.“ 
„Und die Gräfin zog sich vollkommen von ihm 
zurück.“ 
„Sollte der Haß so groß gewesen sein?“ 
„Schade, daß die beiden einzigen Zeugen, der 
Marchese und der Diener tot sind.“ 
Der Arzt blickte auf. 
„Verschmähte .Liebe ist zu vielem fähig. Der Mar 
chese war ein leidenschaftlicher Mann. Ich vermute, 
daß sogar der Graf Granvillardo dieses Verhältnis be 
günstigte, weil er selbst ein junger Greis war. Die 
Gräfin hat sich unter den Vorstellungen ihres Vaters 
wie eine Heilige von ihm zurückgezogen. Wer weiß, 
was sonst noch mitspielte.“ 
Der Präfekt hatte weiter in dem eisernen Kasten ge 
forscht. 
Er war bleich geworden, wie er jetzt ein verschnürtes 
Paket heraushob. 
„Hier halte ich vielleicht des Rätsels Lösung.“ 
Der Arzt blickte hin: 
„An die Gräfin Granvillardo, derselben uneröffnet 
nach meinem Tode zu geben.“ 
„öffnen Sie, Präfekt.“ 
Dieser hatte schon die Hand an dem Knoten des 
Fadens, da hielt er inne. 
„In jedem anderen Falle würde ich das Paket unbe 
denklich erbrechen. Es handelt sich aber um die Nichte 
Seiner Eminenz des Kardinal-Staatssekretärs Seiner 
Heiligkeit.“ 
„Gehen Sie zur Gräfin und veranlassen Sie dieselbe, 
das Paket vor ihren Augen zu öffnen.“ 
„Auch das nicht. Die Gräfin ist selbstverständlich 
ahnungslos über den wahren Charakter ihres einstigen 
Verehrers und sie ist ohnehin schwer gebeugt und der 
besondere Liebling Seiner Eminenz. Legen wir alles, was 
wir gefunden haben, auch die Giftbeutel, in den eisernen 
Kasten zurück und lassen wir diesen sofort in den 
Palast seiner Eminenz bringen. Ich möchte in diesem 
Falle nichts unternehmen, ohne die persönlichen An 
ordnungen des Kardinals. Ich bitte Sie, Doktor, mich 
sofort zu ihm zu begleiten.“ ( 
„Ich stehe zur Verfügung.“ 
Die beiden legten selbst alles in den Kasten zurück. 
Auch das Paket, das an die Gräfin adressiert war, dann 
wurde eine starke Wache in das Haus gelegt und dieses 
selbst abgesperrt, und während ein paar Männer den 
schweren Eisenkasten trugen, schritten der Präfekt 
und der Arzt dicht hinter diesem dem Palazzo des 
Kardinals zu. 
Auch Margerita, die eine schlaflose Nacht verbracht 
hatte, war durch die Explosion, die im Palazzo Gran 
villardo die Scheiben zersplitterte, erschreckt. 
Der Marchese hatte recht behalten. In dieser Nacht 
hatte sich ihre Liebe in ebenso wilden Haß gewandelt 
und wenn sie in dieser Nacht aufgeschrien und laut ge 
weint hatte, so daß die Dienerschaft in teilnehmender 
Trauer an den Türen lauschte, so waren es Tränen der 
Wut über die Schande gewesen, die sie von dem Mar 
chese erduldet und Schreie nach Rache. Dann kam der 
Spezlalarzf Dr. Dainmann 
Geschlechts-, 
Heuil-, Frauenleiden, Mannesschwäche 
Potsdamer Str. 12,3 (an der rücke), Teleph. An 
meldung; Lützow 153, diskret getrennte Räume.
        
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