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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nt. 7 
Jahrg. 2S 
31 
„Noch einmal küsse mich.“ 
Tränen, die diesmal echt waren, hingen in ihren 
Augen, er sagte kalt: 
„Lieber nicht, du könntest ein Stilett bei dir haben!“ 
„Lump du!“ 
Sie sprang gegen ihn an, aber er umklammerte ihre 
Hand. 
„Geh und sorge, daß wir uns nicht mehr sehen. 
Zudem, es wird Tag.“ 
Er öffnete die Tür und mit einem unterdrückten 
Wutschrei huschte sie hinaus. Der Marchese nahm den 
Schuldschein, der ihm den dritten Teil ihrer großen 
Besitztümer verschrieb, prüfte ihn und legte ihn in die 
Kassette. 
„Nun zum letzten Mal noch das Gift bereitet, das 
ich mitnehmen will und dann über die Grenze.“ 
Während der Marchese in sein unterirdisches Labora 
torium hinabstieg, erreichte Margerita ihr Haus und ihr 
Gemach. 
In dieser Nacht war es, daß die Dienerschaft wieder 
holt an der Tür lauschte, wenn sie Margerita laut 
jammern und schreien hörte. 
„Wie sie leidet, die Arme! Wöe sie um ihre armen 
Brüder trauert!“ 
Und wärend sie in wilder Raserei tobte und schrie 
und an nichts dachte, als an den Mann, für den sie ihre 
ganze Familie geopfert und der sie nun verstoßen — 
während ihre auflodernde Rachgier vergebens nach 
einem Mittel suchte sich zu sättigen an dem, der sie ver 
raten, läuteten über ganz Rom die Morgenglooken und 
in den Kirchen wurde gebetet für Margerita Gran- 
villardo, die der Himmel so tief beugte, und die eine 
Heilige war in den Augen des Volkes. 
Neuntes Kapitel. 
Die Frühmessen in den Kirchen waren zu Ende und 
in dichten Scharen strömten die Andächtigen über die 
Straßen. Heut waren die Kirchen voller als sonst, und 
es war nicht nur Frömmigkeit, die die Frühaufsteher 
gelockt. Ganz Rom sprach von dem schrecklichen Ver 
brechen in der Villa Drogo, ganz Rom bemitleidete die 
unglückliche junge Gräfin und betete andächtig mit, 
als der Geistliche vom Altar aus die Fürbitte sprach. 
Zu derselben Zeit schritten der Polizeipräfekt und 
Doktor Morpurgo gemeitisam dem Vatikan zu. Auch 
sie sprachen natürlich von dem gestrigen Ereignis und 
der Arzt hielt unterwegs einen kleinen Vortrag über die 
Art des Giftes. 
„Ich habe die ganze Nacht analysiert. Es ist in der 
Hauptsache sublimiertes Merkur, freilich mit allerhand 
teuflischen Beimischungen, die ich noch nicht erkennen 
konnte. Ein Versuch an einem Tierkörper — Sie wissen, 
wir haben gestern den Hund vergiftet, ergab, daß das 
Teufelszeug in dem Leichnam kaum nachzuweisen 
ist —“ 
Seine Worte wurden durch einen dumpfen Knall 
unterbrochen, der rings die Fensterscheiben klirren und 
splittern ließ. 
Der Präfekt faßte des Arztes Arm. 
„Was war das?“ 
„Eine Explosion! Wären wir in Neapel, so glaubte ich, 
der Vesuv.“ 
„Eine Explosion von Sprengkörpern! Und ganz in der 
Nähe.“ 
Auf der Straße rannte schon das Volk durcheinander 
und drängte aus einer engen Gasse; der Präfekt rief 
ihnen zu: 
„Wo war’s?“ 
„Dort! Das Haus des Doktor Godino!“ 
„Des Marchese Santa Croce“, verbesserte ein anderer. 
„Das Spukhaus!“ 
Es waren nur wenige Schritt am Palazzo Granvillardo 
vorüber und durch einige enge Gäschen — die Gäß- 
chen, in denen einst General Drogo in der Nacht die 
Tochter mit dem Marchese traf. Vor dem „Spukhause“ 
staute sich die Menge. Nicht dicht davor, sondern in 
einiger Entfernung einen Halbkreis bildend. Einige 
Polizeischergen waren auch dort und standen un 
schlüssig umher. An dem Hause waren alle Fenster 
scheiben mitsamt dem Rahmen herausgeschleudert, die 
Läden abgerissen und ein schwarzes, dunkles Loch 
gähnte in der Mauer. 
„War das Haus bewohnt? War der Marchese hier?“ 
Ein Mann drängte sich vor, er war völlig verstört. 
„Mein Herr ist gestern Abend gekommen und wollte 
heut wieder abreisen. Er hat die Nacht in seinem 
Laboratorium gearbeitet.“ 
„Das Laboratorium ist dort?“ 
„In jenem Zimmer, dessen Scheiben zerbarsten.“ 
„Waren Sie schon darin?“ 
„Es ist verschlossen von innen und mir ist streng ver 
boten “ 
Der Präfekt wandte sich an die Polizisten. 
„Hinein und die Tür auf. Vor den Fensterlöchern 
sind noch die Gitterstäbe. Einsturzgefahr scheint nicht 
vorhanden.“. 
Es dauerte geraume Zeit, bis es den Schergen gelang, 
mit Hilfe schnell herbeigeholter Werkzeuge, die eisen 
beschlagene, schwere Eichentür zu sprengen. 
„Hier ist kein Laboratorium, hier ist ein Schreib 
zimmer.“ 
Der Arzt rief dazwischen. 
„Präfekt, sehen Sie hier. Eine Falltür, die der Luft 
druck nach außen gerissen.“ 
„Und hier liegt ein Mensch.“ 
„Lichter her! Vorsicht!“ 
„Sonderbar, es kann nur eine einzige Explosion ge 
wesen sein und zwar muß sie hier dicht an der Falltür 
stattgefunden haben. Sonst ist fast alles unversehrt, 
sogar die Büchergestelle am Schreibtisch und der furcht 
bare Luftdruck hat nur die Fenster herausgepreßt.“ 
Inzwischen hatte man Lichter gebracht und gesehen, 
daß ein Mann, dessen Gewand in Fetzen hing und 
■ • den Kopf nach unten auf der dunklen Treppe lag. 
dessen Gesicht schwarz gebrannt und die Haare ver 
sengt waren, den Kopf nach unten auf der dunklen 
Treppe lag. 
„Es ist der Marchese und er ist unzweifelhaft tot.“ 
„Unter ihm liegen Glassplitter.“ 
Der Arzt untersuchte. 
„Sofort getötet. Er ist wahrscheinlich mit einer Phiole 
in der Hand, in der sich ein Sprengstoff befand, die 
Treppe hinaufgestiegen, ’st vielleicht gestolpert, oder, 
wer weiß, was die Explosion verursachte, kurz, sie hat 
ihn durch den Luftdruck, der oben Falltür und Fenster 
zerstörte, sofort getötet.“
        
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