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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 7 
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HISTORISCHER KRIMINALROMAN AUS DEM 1 7^~ÄlTRl?ulsrD eYt 
//. Fortsetzung J)6tl 06H ftOnflCÜl BiCden Linge 
M argerita stand immer noch mit fliegender Brust. 
In ihre Augen trat ein wildes Feuer. Ihre Hand 
hielt das Stilett, das sie vorher gegen sich selbst 
wenden wollte. Sie stürzte vor: „Du leugnest? 
Du leugnest?“ Tränen erstickten ihre Stimme, dann 
schrie sie auf: „Mörder! Elender, feiger Mörder, der 
du mein Alles feige ermordet!“ 
„Ich bin unschuldig, Herrgott im Himmel!“ 
„Unschuldig, du? Du wagst es, die Heiligen anzu 
rufen! Ich kenne mich nicht mehr! In die Hölle mit 
dir!“ 
Außer sich hatte Margerita sich von den Armen, die 
sie hielten losgerissen. Mit einem Sprung stürzte sie vor 
und ehe sie jemand zurückreißen konnte, hatte sie das 
Stilett dem Knienden mitten in das Herz gestoßen. 
„In die Hölle mit dir!“ 
Dann warf sie ihre Arme in die Höhe und stürzte 
selbst ohnmächtig zusammen. Der zweite Arzt kam 
herein. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Ohn 
mächtige, der Kardinal war an seiner Seite. Er sagte 
leise: 
„Soeben sind die beiden anderen Opfer verschieden.“ 
Ein Frösteln ging über die Gäste. Der Kardinal 
wandte sich an den Präfekten, der vor dem sofort ge 
töteten Baptista stand. 
„Was geschah hier?“ 
Der Präfekt sagte bebend: 
„Die Gräfin hat der Gerechtigkeit vorgegriffen und 
den Mörder erstochen.“ 
Der Kardinal erschrak. 
„Gott sei ihr gnädig. War er überführt?“ 
„Wir fanden noch das Gift in seinem Gewände.“ 
Der Kardinal mußte sich setzen. 
„Ein furchtbarer Schluß dieses frohen Tages.“ 
Dann sah er auf: „Was nun?“ 
Der Präfekt stand auf. 
„Immerhin, sie hat —“ 
„Eine Heldentat war es!“ 
„Eine Heilige ist sie.“ 
Der Arzt trat dazwischen. 
„Die Gräfin wußte nicht, was sie tat.“ 
Der Präfekt stand auf. 
„Da es sich um einen überführten Mörder handelt, 
habe ich keinen Grund gegen die Gräfin, die in 
sichtbarar Unzurechnungsfähigkeit handelte, einzu 
schreiten.“ 
Margerita erwachte aus der Ohnmacht und 
wimmerte leise. 
„Meine Brüder! Meine lieben Brüder! Warum bin 
ich nicht tot!“ 
Der Kardinal beugte sich über sie, legte seine Hand 
auf ihren Scheitel und sagte weich. 
„Murre nicht, meine liebe Tochter, die Ratschläge 
Gottes sind nnerforschlich, aber er ist unser aller 
Vater!“ 
Sie richtete sich auf und sah ihm mit einem er 
schütternden Blick in die Augen. 
„Ich will versuchen, hoher Vater, mich ihnen zu fügen 
und will nicht murren.“ 
Sie küßte seine Hand, er hob sie auf, dann ging sie 
langsam und mit tiefgesenktem Haupt, die Hülfe der 
Dienerinnen verschmähend, hin zu ihrem Wagen und 
fuhr heim. 
Es war niemand im Saal, der nicht weinte bei diesem 
Anblick. 
„Eine Heilige! Eine wahre Heilige!“ 
Der Kardinal winkte dem jungen Priester: 
„Bruder Matteo, heut Abend und morgen beim Hoch 
amt soll in allen Kirchen Roms für unsere unglückliche, 
fromme Tochter Margerita Granvillardo gebetet 
werden!“ 
Die Gäste gingen langsam, die Schreckensnachricht 
zu verbreiten, die Totenfrauen waren mit den Unglück- 
... und ehe sie jemand zurückreißen konnte, hatte sie das Stilet dem Knienden 
mitten in das Herz gestoßen. 
liehen Opfern beschäftigt, die Schinderknechte holten 
den Leichnam des Mörders und in dem Saal, in dem 
heut das frohe Mahl abgehalten, wurden die Vorbe 
reitungen getroffen für die feierliche Aufbahrung der 
drei Toten. Die ganze Nacht hindurch wanderte das 
Volk an der Villa vorüber und warf scheue Blicke in 
das Haus des Unglücks, in dessen Räumen bei Kerzen 
licht traurige Hinterbliebene unter der Leitungdes schwer 
gebeugten Grafen Delmonte ihr trauriges Geschäft 
ausübten. Sie gingen dann auch an dem Palazzo Gran 
villardo vorüber, in dem ein einsames Licht brannte 
und sprachen ein flüchtiges Gebet für die unglück 
liche Gräfin. 
Sie ließ sich nicht sehen, bis das Begräbnis der Toten 
gekommen, und dann stand sie, wieder in tiefster Trauer, 
weinend und bleich, aber mit dem Lächeln gefaßter 
Demut auf den Lippen am Altar vor den aufgebahrten 
Särgen. Sie selbst hatte die Stirnen mit Blumen ge 
schmückt und Rosenkränze in die gefalteten Hände ge 
legt, während sie diese mit den Tränen der Liebe 
benetzte. 
„Eine Heilige!“ 
Zu derselben Zeit aber hielt der Marchese wieder ein 
Briefchen in seiner Hand. 
„Über alles Geliebter! 
Auch das Letzte gelang mit einem Schlage. Der Zu- 
fall schickte mir einen -diebischen Diener zu rulte. 
Ich wälzte die Schuld auf ihn und steckte ihm heim 
lich den Rest deiner Arznei in die Tasche. Gut, daß
        
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