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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. T 
22 
Die Frau befolgte ausnahmsweise den Rat des eigenen 
Mannes und ging zu Professor Soundso, dessen Ruhm 
im ganzen Lande verbreitet war. Er beschäftigte sich 
ausschließlich mit der Psyche der Damen und Frauen, 
sowie der Weiber überhaupt. Sie kamen zu ihm, 
beichteten zwischen drei und vier und der Seelenarzt 
schüttelte den Kopf je nach dem Honorar, leichter oder 
tiefer. Alle schwebten dann ausgestattet mit den 
Tröstungen der Wissenschaft anmutig davon. Auch die 
kleine Frau suchte ihr Heil bei ihm. Er sah sie mit 
einem gewerbsmäßig-forschenden Blick an und sprach 
apodiktisch: 
„Ihnen fehlt gar nichts. Siemüssenheirate n.“ 
• 
Pfato 1924. 
Die Herren saßen um den warmen Kamin herum. Der 
Glutschein des Feuers gab dem ganzen Zimmer eine 
stimmungsvolle Beleuchtung. Man war nach dem 
Souper. Bei einer guten Zigarre gefällt uns die Welt 
besser. Und wenn man Rauchringe in die Luft bläst, 
erscheinen die Dinge im rosigen Licht. Natürlich 
sprachen die Herren am warmen Kamin von der Liebe. 
Das Thema gehört zum schwarzen Kaffee, zur guten 
Zigarre und manchmal auch zur Weltanschauung. Ein 
Zyniker erzählte von oben herab seine Abenteuer. In 
diskretion Ehrensache.. Ihm war die Liebe ein Bonmot. 
Ein Analytiker trieb mit den Frauenherzen Pointen 
psychologie. Und ein Melancholiker sang Liebes 
romanzen. Er war ein unentwegter Schwärmer. 
Nun erhob er plötzlich scherzhaft die Schale; „Es 
lebe die platonische Liebe!“ Die Herren lachten wie ein 
Operettenchor. „Ja“, rief der Schwärmer, und seine 
Stimme klang immer heller, „die platonische Liebe gibt 
uns den Rausch, ohne Katzenjammer. Sie ist das 
Schönste, denn der Besitz ist das Ende der Liebe. 
Jawohl, die Sehnsucht verspricht mehr, als die Wirklich 
keit halten kann. Die platonische Liebe wird ewig 
unsterblich sein. Sie ist für die Dichter da.“ — „Und 
für die Ehemänner“, rief ein Monokel aus der Ecke. 
„Denn die platonische Liebe kommt heutzutage fast 
nur mehr inderE bevor!“ 
• 
Eine Biographie. 
Eine schöne Frau hatte ihr ganzes Geld verschwendet. 
Zu den Fenstern warf sie es hinaus, wenn Jünglinge 
vorüberzogen. Da kam an einem bleichen Tage eine 
Amtsperson in ihr Boudoir. Die schöne Frau lachte dem 
Manne des Gesetzes ins Gesicht. So lachen kann nur 
eine schöne Frau. 
„Pfänden Sie alles, was Sie wollen — lassen Sie mir 
für mein Elend nur den Champagnerkübel und den 
Spiegel,“ ^ 
Der Witte zum Lehen. 
Er war mit der Bilanz seines Lebens fertig geworden 
und was hatte er nicht alles zu den überschätzten 
Aktiven gerechnet: Schöne Blicke, ein wackeres Freund 
schaftswort, ein Lächeln aus treulosem Mund. Er hatte 
mit allem abgeschlossen. „Adieu, schöne Welt“, sprach 
er, nicht ohne Pathos, vor sich hin. Dann warf er noch 
einen Blick in den Spiegel — er hatte für den Tod 
tadellose Toilette gemacht. Und nun ging er auf die 
Straße. „An Mut konnte es ihm nach dieser objektiven 
und gewissenhaften Abrechnung nicht fehlen“ — so 
dachte er. „Wenn einer das Leben nicht fürchtet, kann 
er ruhig dem Tod ins Auge sehen.“ So lautete seine 
Abschiedsphilosophie. Wir Menschen brauchen ja 
immer Worte ... 
Einige Augenblicke später passierte er eine Brücke. 
Er prüfte sie für seinen Zweck. Ein wenig melancholisch 
sah er in das Wasser und mit plötzlich drängendem 
Mut versuchte er, sich über die Brüstung zu schwingen. 
Da hatte ihn schon einer beim Kragen gefaßt und ihm 
neugierig beim Scheine der Gaslaterne ins Antlitz ge 
blickt. Empört rief der Selbstmörder: 
„Wie können Sie es wagen, mein Herr, der Sie mir 
völlig fremd sind, in mein Leiben einzugreifen? Mit 
welchem Rechte reißen Sie mich aus der Stimmung, ich 
war gerade so schön im Zuge... Mit welchem Recht 
verurteilen Sie mich zur weiteren Existenz? Sie glauben 
nun, Sie hätten mich gerettet. Wie gut mußten Sie vom 
Leben behandelt worden sein, wenn Sie das annehmen. 
Was wissen Sie von meinem traurigen Dasein, von 
meinen zerpflückten Hoffnungen, von meinen zer 
störten Illusionen? Davon haben Sie keine Ahnung und 
dennoch wollen Sie mich retten? Was würden Sie nun 
sagen, mein Herr, wenn ich mich an Sie, der Sie nun 
an meinem Leben schuld sind, hängen würde?“ 
Von dem Wortschwall ganz betäubt und auch ein 
wenig geängstigt, stammelt der Retter: 
„Aber, mein Herr.. entschuldigen Sie.. ich habe es 
nicht so gemeint... ich wollte Sie absolut nicht stören .. 
Pardon, pardon... ich bin selbst ein armer Teufel, der 
sich solche Rettungen nicht erlauben darf.. Also, wenn 
es nicht anders möglich ist... mein Herr, bitte, dann 
stürzen Sie sich ins Wasser... Leben Sie wohl.“ Und 
fort war er. 
Und nun stand der Selbstmörder nachdenklich da, 
auf der großen Brücke. Plötzlich sprang er wie besessen 
beiseite — knapp hinter ihm kam die Elektrische. Im 
nächsten Augenblick lächelte er über sich und ganz tief 
in seiner Seele schämte er sich vor dem Leben ... 
Wir Beginnen demnächst mit dem ABdruch des Romans 
„DIE NACHT OHNE LIEBE“ 
aus der Eeder des Berühmten Romanschriftstellers 
PAUL ROSENHAYN 
Originalität der Erfindung, pochende, fesselnde Dar 
stellung, hervorragende Stilistih, feine Erotih vereinen 
sich zu einem glänzenden Meisterwerk.
        
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