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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 7 
Jahrg. 28 
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„Na, schön; wissen Sie, aus dem Gröbsten sozusagen 
bin ich ja schon heraus . Wenn man zurückblicken kann 
bis in die Nähe August des Starken, so ist das nicht 
wie bei armen Leuten, die bis ins zwölfte Glied nur 
immer gescharwerkt haben, bei mir finden Sie einen 
präparierten Boden, bei mir fehlt’s sozusagen nur an 
den Verzierungen, an den Schnörkeln der Bildung, der 
Kern ist schon da, und er ist nicht von Pappe.“ 
„Wie . . . wie denken Sie sich nun den Unterricht für 
die große Welt, Herr . . . Salati?“ 
„Das überlasse ich ganz Ihnen, den Stundenplan 
müssen Sie machen, wie gesagt, machen Sie ’n guten 
Preis, nur müssen Sie mir garantieren, daß ’n gutes 
Resultat herauskommt. Nicht, daß wieder die Kicherei 
losgeht.“ 
Der Gräfin kommen jetzt wieder Bedenken, ob sie 
sich auf die Veredelungskur einlassen soll. Sie nennt 
eine nach ihren Begriffen ungeheuer hohe Summe als 
Honorar, in der geheimen Erwartung, daß Herr Salati 
dadurch abgeschreckt wird. Doch der erwidert: „Kom 
men Sie denn da auf die Kosten? Ich verdoppele die 
Summe!“ 
Vor der Gräfin steigen die goldenen Tage ihrer 
Jugend auf; dieser Mann, der da in seiner satten Be 
häbigkeit vor ihr sitzt, erscheint ihr als der vom Schick 
sal gesandte Bote, die Tage der Vergangenheit in neuer 
Pracht erstehen zu lassen. Sie wird einen Versuch 
machen, und wenn er glückt, oh, es gab jo wohl so 
viele heutzutage, die in der Lage dieses Besuchers 
waren. Wenn sie alle zu ihr kämen, wenn nur ein 
kleiner Teil zu ihr käme —das letzte Familienerbstück 
wäre noch zu retten. Die Hoffnung, selbst dieser Zeit 
eine gute Seite abzugewinnen, pflanzt sich in ihrer 
ganzen Größe vor ihr auf, und mit fester Stimme kommt 
es ihr von den Lippen: „Herr Salati, ich nehme das 
Angebot an.“ 
„Garantieren Sie für Erfolg?“ 
In der Gräfin ist die Kampfnatur erwacht. „Jawohl“, 
sagt sie, „es muß gelingen! Übrigens, wenn Sie nicht 
zufrieden sind, dann brauchen Sie es ja nur dadurch 
auszudrücken, daß Sie die Gegenleistung verweigern.“ 
Herr Salati ist es zufrieden; es wird ein Vertrag auf 
gesetzt, daß in der und der Zeit Herr Salati für die 
große Welt vorbereitet wird. Die Gegenleistung dafür 
besteht in der von ihm selbst festgesetzten Summe, 
einer Zahl mit fünf Nullen. Oh, wie blähen sich diese 
Nullen! Wie prallgefüllte Säcke stehen sie da und 
schreien. Ist noch jemand außer uns auf der Welt, der 
regiert? Wie verblaßt der Glanz der neunzackigen 
Krone derer von Schott-Budenstett gegen diese ge 
schwellten Zahlen! Und dann erhebt sich Herr Salati, 
schwerfällig erhebt er sich, als sei er selbst solch ein 
prallgefüllter Sack und wälzt sich davon. 
Es ist wirklich ein schweres Stück Arbeit, Herrn 
Salati die Schnörkel und Verzierungen anzusetzen. Je 
öfter er zum Unterricht kommt, um so klarer wird es 
der Gräfin, daß die Sache ganz von vorn angefangen 
werden muß, daß das hohe Tier am Hofe August des 
Starken wenig oder nichts auf seinen Nachkommen aus 
dem Jahre 1923 vererbt hat. Aber in der Gräfin ist der 
Erhaltungstrieb, der Wille zum Kampf ums Dasein er 
wacht, und so nehmen die Stunden ihren Fortgang. 
Dreiviertel des vereinbarten Lehrgeldes hat er schon 
bezahlt, da erleidet -der Unterricht eines Tages einen 
jähen Abbruch. 
Herr Salati, 'der auf dem besten Wege war, ein brauch 
bares Mitglied des Salons zu werden, hat einen Rückfall 
erlitten: er hat einem Zeitgenossen ein ganz hane 
büchenes Schimpfwort an den Kopf geworfen. 
Beleidigungsklage. Herr Salati wird verurteilt, an das 
Waisenhaus der Stadt eine nette Summe zu zahlen. Ha, 
wie jubeln die drei Dutzend Zöglinge der Anstalt, als 
sie hören, daß sie dem Temperament des Herrn Salati 
neue Stiefel und Strümpfe verdanken! 
Doch auch die Gräfin geht nicht leer aus, ihr fällt ein 
kräftiger Brief in den Kasten: 
Ew. Hochwohlgeboren! 
Ihre Methode taugt nichts und Ihre Garantie ist von 
gleichem Kaliber. Ich bin wegen Beleidigung verurteilt 
worden. Das kommt auf Ihre Kappe. Das Lehrgeld 
heraus, oder ich mache die Sache advokatisch! 
August Salati. 
Das Lehrgeld kam nicht, und Isidor Westheimer, der 
berühmte Anwalt, legte einen neuen, Akt an: Salati 
contra Schott-Budenstett. Ganz extra starke Pappe 
nahm er zu dem Akt, denn er würde ziemlich strapa 
ziert werden, dieser Akt. Und richtig: was die Ge 
richte doch manchmal für merkwürdige Urteile fällen; 
Die Klage wurde in allen Instanzen kostenfällig ab 
gewiesen. 
KLEINE ROMANE 
ALEXANDER ENGEL 
Psycßofogte. 
r schrieb vielbändige Bücher über die Frauen. Denn 
H er kannte die Frauenseele wie kein Zweiter. Alle 
ihre Schleier enthüllte er, jede Kaprice ihrer Seele, 
jede Laune ihrer Nerven. Für rätselhafte Sprünge 
'■ A ~~^hatte er ein tieferes Verstehen, ein mildes Ver 
zeihen. Und eines Tages betrog ihn seine Frau. Ganz 
triviaL Die Frauen von Philosophen betrügen nicht 
anders als die Frauen von Schustern und Nacht 
wächtern. Er kam erst nach zwei Jahren darauf. Viel 
leicht weil er ein Philosoph war und kein Nachtwächter. 
Ein brutaler Zufall hatte die Situation entschleiert. Der 
Zufall liebt die tragischen Scherze. 
„Sag’, warum hast du das getan?“ schrie der Philo 
soph mit melancholischer Wut. 
„Ich wollte deiner Psychologie einen Streich spielen“, 
sagte die Frau kalt und unbarmherzig... 
Der Seefenarzt. 
Die kleine Frau hatte die seltsamsten Stimmungen. 
Sie quälte ihren Gatten, sie quälte ihre Dinstboten, sie 
quälte auch sich. Sie wußte nicht was sie wollte. Und 
darunter litt ihre ganze Umgebung. Sie zankte mit 
ihrem Spiegel, denn sie war mit ihrem Teint nicht zu 
frieden, und warf die Schneiderin hinaus, als sie ihr ein 
Wunder aus Seide und Illusion brachte. Niemand 
konnte sich den Aufruhr ihrer Seele erklären. Da sagte 
der Gatte: „Du mußt einen berühmten Nerven- 
spezialisten konsultieren.“
        
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