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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. 2S 
Nr. 7 
16 
der Morgen graute, begann sie, die Koffer zu packen... 
Davon erwachte Mama. 
„Mama“, sagte Agathe ruhig am Bett, „bitte, frage 
nicht, heute noch nicht. Aber steh’ auf, wir müssen mit 
dem ersten Dampfer reisen. Fort, fort —“ Sie unter 
drückte Schrei und Schluchzen und half der bestürzten, 
angstvoll schweigenden Mutter... 
Bruno Müller hat nie wieder etwas von ihr gehört. Er 
schrieb ihr verzweifelt, hilfeflehend an die heimatliche 
Adresse, aber der Brief kam als unbestellbar zurück. 
Sie in der Welt zu suchen, hatte er weder Zeit noch 
Geld. Er kehrte nach Berlin zurück und blieb Kommis. 
Die Liebe hatte ihn nicht erlöst, sie hatte ihn im Stich 
gelassen, und dennoch war sie so groß gewesen. Aber 
gerade die größte Liebe ist es ja, die einen Makel des 
Geliebten nicht erträgt, da sie ihn als Gott wissen will, 
und die sich lieber aus seiner Nähe verbannt, als daß 
sie Verachtung in ihr Gefühl mischt. 
Und da die Liebe nur einmal in eines Menschen Leben 
tritt, blieb Bruno Müller nun allein. Sein Gehalt stieg, 
er war ein Herr in seiner Branche, der Liebling der 
Bardamen, die Koryphäe der Tauentzienstraße und der 
beste Shimmytänzer. Und was allein in seinem Leben 
sich noch verschob, war jene Nuance, die ihn von der 
großen Welt geschieden hatte: sie rückte noch etwas 
tiefer; und als er sich den Dreißig näherte, war er schon 
ein echter Geck. Mit vierzig wird er vielleicht ein 
Fatzke sein, wie man in Berlin sagt, und die wahren 
Herren und Damen werden ihn belächeln. Aber das 
Schicksal ist nicht aufzuhalten. 
DER SÜNDEN BOCK 
KARL FRANKE 
ugust Salati, der Mann, der den Gaul 
dieser Zeit am richtigen Ende aufge 
zäumt hat, wirft einen Blick auf das 
Türschild aus Messing, auf dem in 
steiler Balkenschrift steht: Elfriede 
Gräfin von Schott-Budenstett. Herr 
Salati klingelt. 
„Sie sind mir empfohlen worden“, 
sagt er zu der älteren Dame, die ihm 
öffnet, „wie weit geht Ihr Adel zurück? Wenn bis un 
gefähr zu den Kreuzzügen, dann wäre ich nicht abge 
neigt, eine Probe zu machen.“ 
Über das Gesicht der alten Dame läuft ein Lächeln, 
ehe sie antwortet: „Sie meinen gewiß die Frau Gräfin. 
Darf ich bitten?“ 
„Wie gesagt, es kommt nur Erzadel guter, alter Sorte 
in Betracht“, erwidert Herr Salati und zögert, einzu 
treten, „junges Gemüse scheidet aus.“ 
„Gewiß. Darf ich bitten?“ entgegnet die Dame noch 
mals und August Salati steht einen Augenblick später 
im Salon der Gräfin gegenüber. Er hängt Hut und Stock 
an den Zacken eines prächtigen Zehnenders, noch eines 
der wenigen Schmuckstücke der Wände, prüft mit einer 
Miene, die den Kenner herauskehrt, das Geweih und 
sagt; „Ne Jagd habe ich auch, schießen tu ich immer, 
aber treffen tun nur die Wildschützen. Ha, ha, ha!“ 
Dann steht er sich vor: August Salati, Firma Salati und 
Wenderoth. Sie haben mär geschrieben, von wegen die 
Bildung und der gute Ton in allen Lebenslagen. Ich 
zahle jeden Preis, will aber nur prima Ware.“ 
Die Gräfin nickt zustimmend. 
August Salati fährt fort: „Diskretion ist natürlich 
Ehrensache. . Nicht, daß die Hausmeisterin herum 
wispert; „Bei einer aus der Haute volee ist er in der 
Lehre. So was mag August Salati nicht.“ 
Die Gräfin nickt zustimmend. 
„Wissen Sie“, ereifert sich der Besucher, „eigentlich 
brauchten wir ja nicht den dicken Mantel des 
Schweigens darüber zu decken . . . Mein Urgroßvater 
war ein großes Tier am Hofe August des Starken. Sie 
kennen doch den Mann?“ 
Die Gräfin nickt zustimmend. 
„Also, am Hofe Augusts von Sachsen, Polen und Um 
gebung, so um das Jahr 1735 herum, gleich nach die 
Kreuzzüge . . . A propos, geht Ihr Adel übrigens zurück 
bis auf diese Ausflüge nach dem gelobten Lande?“ 
Die Gräfin nickt zustimmend. 
„Nachher kann das Ding gedreht werden; ich will 
sagen, nachher ist ’ne gewisse Garantie da, daß ich 
nicht geleimt werde . . . Wir haben nach unserem Ur 
großvater in der Familie einiges Pech gehabt; Sachen 
sind vorgekommen, die ganz gut anfingen, aber dann 
hat sich immer die Obrigkeit ins Mittel gelegt, kurz 
und gut: lassen wir die Historia in Ruhe und wenden 
wir uns der Gegenwart zu. August Salati hat wieder 
Geld in die Familie gebracht, und den guten Ton, den 
sollen S i e hineinbringen. Wissen Sie, Geld, das ist ’ne 
schöne Sache, solange man heute unter sich bleibt. 
Wenn man aber eine Familientradition hat, die sich 
bis auf August den Starken erstreckt, dann hat man 
eine gewisse Verpflichtung, da darf Knagge nicht um 
sonst gelebt haben!“ 
„Knagge, wer ist das?“ fragt die Gräfin leise. „Na, 
das ist doch der, der den Briefsteller fürs Parkett ge 
schrieben hat, den müssen Sie doch kennen . . . er 
lauben Sie, geht Ihr Adel wirklich zurück bis an die 
Kreuzzüge?“ 
„Knagge?“ fragt die Gräfin und legt das Gesicht in 
nachdenkliche Falten . . . „heißt er nicht Knigge?“ 
„Von mir aus ... wir sind großzügig, machen wir ein 
i aus dem a, aber, um auf unsere Sache zu kommen, 
wären Sie bereit, für mich den Knigge zu machen? Ich 
hab’ mir ’n Schloß zugelegt, eins mit altgermanischen 
Türmen und Erkern, laufendes Wasser in allen Räumen 
und fahrbare Betten mit Gummirädern sind darin, Und 
die Ahnengalerie hab’ ich auch schon in Auftrag ge 
geben. Nun wohnt da in der Nähe auf seinem Schloß 
der Baron Setterheim. ^ Der hat ’n Sohn, und was unsere 
Marie ist, die hätt’ nicht übel Lust, Baronin za werden. 
Einmal waren wir schon eingeladen, aber da hatt’ ich 
das Gefühl, überall kichert s, von den Wänden kichert’s, 
aus allen Knopflöchern kichert’s, wenn der Baron mit 
mir spricht, und da hat mein Freund Wenderoth ge 
sagt: „Geh’ halt nicht unvorbereitet in die große Welt, 
dann kichert’s auch nicht! Nun bin ich da und Sie 
sollen helfen, daß die Kicherei aufhört.“ 
Die Gräfin holt tief Atem, mustert Herrn Salati vom 
schön gezogenen Scheitel bis zum modischen Spitzschuh 
und denkt, es wird ein schweres Stück Arbeit werden, 
die Vorbereitung für die große Welt, aber dann grinsen 
ihr die kahlen Wände entgegen, sie erinnert sich mit 
Schaudern, daß der Händler gestern für das vorletzte 
Familienschmuckstück einen lächerlichen Preis geboten 
hat, sie holt noch einmal tief Atem und spricht: „Herr 
Salati, ich will Ihr Knigge sein.“ 
CFortsetzung auf Seite 2o.)
        
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