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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 7 
Jahrg. 28 
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segnete sie längst das Paar. „Der reizende Herr 
von Müller“ war ihr drittes Wort. 
Aber auch Herr Müller liebte. Seine Verliebtheit 
hatte sich in Liebe gewandelt. Oft ging er wie ein 
Träumer umher. Er begann, von sich loszukommen. 
Das Wunder setzte ein... Liebe konnte ihn erlösen. Er 
dachte an Agathe, sie war ihm schon wichtiger, als er 
selbst, oft vergaß er sich völlig ... Beim Krawatten 
binden tauchte ihr lächelndes Bild auf, und mit schiefer 
Schleife kam er zum Diner. Es ging eine Wandlung in 
seinem Innern vor, die ihm selbst unbegreiflich war. Er 
hatte gan2 vergessen, daß er eine falsche Rolle spielte. 
Er erinnerte sich überhaupt nicht mehr an das wirkliche 
Leben, das er irgendwo dort draußen führte; er war nur 
einfach ein Mensch, dessen echtes Gefühl endlich er 
wacht war, und der nicht mehr bedachte, daß die Liebe, 
die ihm hier von einem reinen und arglosen Mädchen 
engegengebracht wurde, gar nicht ihm, sondern einem 
Mann galt, der in Wirklichkeit durchaus nicht existierte. 
Nein, er bedachte nichts, er war im Rausch, er träumte. 
An einem dunklen Abend am Strande, unter stern 
losem, windigem Himmel, sagte er bebend zu Agathe: 
„Ich liebe dich“. 
Sie konnte nicht sprechen, sie nahm seine Hand, 
küßte sie, und da jauchzte er auf, riß sie an sich und 
stammelte: „Mein Mädchen, mein Mädchen.“ Sie 
schwärmten die halbe Nacht am Meer, stumm und an 
einander gedrängt. Mama stand indes auf dem windigen 
Balkon, holte sich allerlei neue Übel und ängstigte sich. 
Endlich kamen die Liebenden, sie näherten sich lang 
sam dem dunklen Hause. Mama schrie auf, als sie das 
zärtlich verschlungene Paar sah; etwa fünf Minuten 
später segnete sie schluchzend die Kinder und hatte für 
heute vergessen, wie krank sie war. 
Aber noch in derselben Nacht kam ein grausames 
Erwachen, und es fiel Herrn Müller schwer aufs Herz: 
er hatte ja die Geliebte belogen, ohne im Anfang zu 
ahnen, daß der Tag kommen könnte, an dem sie die 
Wahrheit wissen müßte. 
Mein Gott, er war ja im Grunde seines Herzens so 
weit davon entfernt gewesen, sein Scheindasein irgend 
wie mit den ernsten Angelegenheiten seines Lebens zu 
verknüpfen. Er war bei allem Schwindel, den er be 
trieb, ein ganz biederer Kerl, und wie sehr er sich auch 
nach gesellschaftlichem Glanz sehnte, er hätte doch 
niemals von vornherein daran gedacht, durch eine 
Lüge sich in das Herz eines Mädchens und in den Kreis 
ihrer Familie einzuschleichen. Alles sollte ja nur Spiel 
bleiben, aber das Spiel war ihm über den Kopf ge 
wachsen. Und nun mußte es gestanden werden. Er 
liebte sie ja, sie sollte sein werden — aber vorher mußte 
er aus Attache und Baron zum Konfektionär und Herrn 
Müller werden, mußte dem toten Vater die Uniform 
ausziehen, die Schwestern verarmen lassen, seine Klubs 
entadeln.... 
Er schlief nicht — zum erstenmal in seinem Leben. 
Er hatte keinen Mut zum Bekennen. Aber indes er sich 
noch sorgte, hatte das Schicksal schon die Lösung ent • 
schieden. 
Denn als er am nächsten Morgen mit Blumen für die 
Damen in die Frühstückshalle trat, sah er dort ein 
wohlbekanntes Gesicht; ein Fräulein aus seinem Ge 
schäft, das der Teufel hierher geführt haben mochte. Sie 
begrüßte ihn mit lauter Freude und gestand, daß sie 
seinetwegen hierher gekommen sei; er wäre immer so 
nett 
Da trat Agathe ein. Er ließ seine Kollegin stehen und 
begrüßte die Braut. „Wer war die Dame?“ fragte Agathe 
später. Er antwortete in plötzlicher Erregung: „Die 
darfst du nicht kennen. Von solchen Mädchen spricht 
man nicht. Ich kenne sie von den Bars her, und sie war 
so undelikat, mich hier zu begrüßen. Ich bitte dich, ihr 
auszuweichen.“ 
Agathe war gehorsam. Der Tag verging, und Bruno 
hatte keinen Mut. Am Abend versuchte er es. „Agathe“, 
sagte er nachlässig, „was hältst du von einem Lügner?“ 
Sie antwortete sofort: „Lüge ist das einzige Unverzeih 
liche. Ich verabscheue die Lüge, ich hasse sie, ich be 
greife sie nicht.“ 
Bruno Müller erblaßte. Er schwieg, — er würde nie 
reden können 
In derselben Nacht erwachte Agathe von einem 
schmerzlichen Stöhnen im Nebenzimmer. Die Mutter, 
die unter anderem auch an Schlaflosigkeit litt, schlief 
fest. Agathe vermochte nicht, diese Klage zu hören. Sie 
schlüpfte in Schuhe und Negligee und schlich aus dem 
Zimmer. Die Tür nebenan, durch die das Stöhnen klang, 
war nicht verschlossen. Mutig trat sie ein und fand die 
fremde Dame, mit der ihr Verlobter heute früh ge- 
sprochen hatte im Bett sich winden. Sie litt an einem 
heftigen Maigenkrampf. Agathe vergaß Scheu und Ge 
horsam, holte aus ihrer Reiseapotheke Opiumtropfen, 
machte einen Umschlag heiß — sie war von der Mutter 
her eine gute Pflegerin — und half der Fremden. Als 
die Schmerzen nachließen, sagte die zu ihr: „Sind Sie 
Herrn Müllers Braut? Ich sah sie beide so zärtlich mit 
einander. Ja, er ist ein lieber Mensch, ich hab’ ihn auch 
gern gehabt, aber Sie verdienen ihn besser als jede 
andere, Sie guter Engel. Wir alle im Geschäft lieben 
ihn.“ 
„Im Geschäft?“ sagte Agathe. M 
„Nun ja, ich bin auch bei Meier und Kompagnie.“ 
Und fünf Minuten später war das Geheimnis Bruno 
Müllers enthüllt... 
Agathe wußte, daß sie diesem kleinen Fräulein glauben 
konnte. Sie kehrte ruhig, bleich, hart in ihre Stube 
zurück, ging da lautlos auf und nieder, und als draußen
        
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