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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg. 28 
Nr. 7 
14 
Stellungen an imaginäre Adressen auf, wobei er sich 
Baron v. Müller nannte. Dann verließ er Jas Magazin 
sicher und kühl, hob die weißbekleidete Hand an den 
hellen Hut und lächelte der Dame an der Kasse diskret 
zu. Ging er mit Bekannten durch die Tauentzdenstraße, 
so geschah es etwa, daß er ehrfürchtig in ein vorüber 
fliegendes Auto grüßte; es war leer gewesen, aber er 
wandte sich an seine Freunde und sagte nachlässig: 
„Fürst Laxenstein, ein Klubfreund.“ Er hatte nämlich 
Zutritt zu einem wenig wählerischen exotischen Klub, 
den er aber in seinem Bekanntenkreise als höchst feudal 
und exklusiv ausmalte. 
In der Tat gab es auch einige Typen gelangweilter 
junger Attaches dort, mit denen auf der Straße sich zu 
zeigen Herrn Müllers Ehrgeiz war. 
Solcherweise war er der Held in seinem Konfektions 
hause geworden, der Liebling aller dort tätigen Damen, 
ein Gegenstand des Neides oder der Bewunderung für 
die Kollegen. Er war die Zierde der Cafes und Bars 
am Kurfürsten dämm, und sein Leben wäre gleich leer 
und sinnlos dahingeflossen, wäre er nicht in jenem 
Sommer in ein Nordseebad gegangen. Dort geschah 
es . . . 
Bruno Müller fuhr mit köstlichem Strandluxus an 
die See, logierte sich in einem großen Hotel ein und 
erlebte die Genugtuung, vom Oberkellner mit „Herr 
Baron“ angeredet zu werden. Als ihm das Fremden 
buch vorgelegt wurde und er die Feder ansetzte, er 
schauerte er: nun erlosch sein Nimbus. Denn ihm war 
selbst eines Kellners Meinung von hoher Bedeutung. 
Und da schrieb er plötzlich, er hatte es eigentlich kaum 
gewollt — „Bruno v. Müller“ in die Liste und gab als 
Stand „Botschaftssekretär“ an. Er schwankte, als er 
sich aufrichtete. Aber im nächsten Augenblick war er 
sicherer denn je. 
Jetzt endlich, endlich lebte er in seiner eigentlichen 
Bestimmung. Er maßte sich nur an, was ihm von Natur 
aus zukam. Es war ein Irrtum des tückischen Schicksals, 
daß seine Eltern einfach „Müllers“ waren und er seinen 
Unterhalt in der Konfektionsbranche erwerben mußte. 
Seine Bestimmung war Schloß, Ahnen, Adel und Glanz. 
Hier muß aber nachdrücklich betont werden, daß der 
junge Mann bei alledem ein lieber Kerl war. Man 
mußte nur die nötige Objektivität und geistige Über 
legenheit haben, um ihn ungeärgert zu betrachten und 
als Wesen für sich gelten zu lassen. Sein immer blasses 
und verlebtes Gesicht verriet doch dem Menschen 
kenner Unschuld und Harmlosigkeit. Wenn man seine 
Affektation nicht ernst nahm, konnte man ihn gern 
haben. Aber es ist nicht eines jeden Sache, so groß 
mütig zu abstrahieren und nur die guten Seiten eines 
Menschen zu sehen, Die meisten Leute haben doch nur 
den Blick fürs Schlechte, und eine häßliche Eigenschaft 
bei anderen verdunkelt ihnen alle Vorzüge. Bruno 
Müller war wirklich beliebt. Tiefere Menschen, denen 
er nicht genügen konnte, gehörten nicht zu seinem 
Verkehr. In seinem Kreise war er immerhin noch 
geistig voran. 
Als er nun in dem mondänen Seebad, wo er zufällig 
keinen Bekannten traf, einige nichtige Tage verbrachte 
und hier und da Anschluß gefunden hatte, wobei er 
immer treulich sein „von Müller“ schnarrte, fand er 
eines Tages an der Tafel als Gegenüber ein schönes 
junges Mädchen mit seiner blassen müden Mutter. Er 
hörte, daß sie Agathe hieß. Sie war blond wie Weizen 
und rosig wie eine Magnolienblüte, hoch und schlank, 
und wenn man sie schreiten sah, glaubte man, sie müsse 
sich wie Bambus im Winde wiegen, so leicht erschien 
sie. Sie kam aus einer kleinen norddeutschen Stadt, und 
ihrer Art, sich unter Menschen zu bewegen, sah man an, 
daß sie still und menschenfern und weltabgeschieden 
lebte. 
Bruno Müller stellte sich am selben Tage vor. Agathe 
sah ihn mit großen und bewundernden Blicken an. Die 
Mutter lächelte müde und erzählte bald mit großen 
Behagen ihre Leidensgeschichte. 
Sie kranke an ungezählten, aber von keinem Arzt zu 
entdeckenden Übeln, und nachdem allerlei Kuren und 
Bäder nichts geholfen, habe sie selbst sich die Nordsee 
verschrieben. Ihre Krankheiten hätten sie und ihr Kind 
allem Verkehr ferngehalten, was sie, zumal für Agathe 
bedaure;aber hier solle es die Tochter besser haben, und 
wenn Herr v. Müller sich ihrer annehmen wolle 
Bruno Müller erstrahlte in einem seltenen Glanze. 
Denn er war verliebt. Er saß mit Agathe am Strand, 
im Lesesaal, auf der Terrasse,und je verliebter er wurde, 
desto märchenhafter baute er vor ihr sein Leben aus. 
Er traute wohl unbewußt seiner Persönlichkeit nicht 
genug zu, denn er erhob seinen toten Vater zum ver 
dienten General, machte seine Schwestern zu Millio 
närinnen, seine Mutter zu einer edlen schwermütigen 
Greisin. 
Er selbst war der Botschaftssekretär, der Lebemann, 
der nur aus Sehnsucht nach der Einzigen so viel und 
rastlos genoß, der in Offizier- und Jockeiklubs ein- und 
ausging, der ein Pferd in Karlshorst laufen ließ und 
alle diese Ausgaben mit einem Vermögen bestritt, das 
ihm ein Onkel Minister eines badischen Ländchens 
hinterlassen hatte. 
Agathe glaubte blindlings. Sie war in ihren neunzehn 
Jahren der Lüge noch nicht begegnet. Sie liebte den 
blassen jungen Mann. Seine weißen Frauenhände mit 
den goldenen Ringen betörten sie; sie hatte noch nie 
einen Blick durch ein Monokel aufgefangen; die um 
eine Nuance zu extravagante Kleidung verwirrte sie. Sie 
liebte ihn hingegeben, betäubt verloren ... 
Die Mutter sah alles und billigte alles. Sie war un 
erfahren wie Agathe. Ein mäßiger Wohlstand hatte es 
ihr erleichtert, unpraktisch zu sein. Ihre gesellschaftliche 
Zurückgezogenheit hatte sie nicht zur Menschen 
kennerin erzogen. Sie vertraute dem Schein. Im stillen
        
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