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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 7 
10 
P. M. 
LOTHAR SCHMIDT 
n Sonntagen vormittags sieht man 
in den Straßen einer der vor 
nehmsten Villenkolonien Berlins 
einen Mann Spazierengehen, der 
einmal Millionär war. Jetzt ist er 
im Osten von Berlin ein kleiner 
Buchhalter mit 2400 Mark Gehalt. 
Die vielen Falten, das ganz und gar 
zerknitterte Gesicht des kaum 
Fünfzigjährigen erzählen ein bewegtes Leben. Er trägt 
einen langen Gehrock, der eng um die Hüften sich legt, 
über der Brust stets zugeknöpft ist und so tief hinab 
reicht über die Knie, daß kaum einen Viertelmeter breit 
das helle Beinkleid sichtbar wird. Seine Kopfbedeckung 
bildet ein grauer Zylinder mit schwarzem Bande. Hut, 
Rock und Hose stammen offenbar aus ersten Magazinen 
und zeigen die Mode von einst. Der ehemaligen Eleganz 
freilich hat die Zeit nicht unerheblich Abbruch getan 
trotz der offenbar sorgfältigen Pflege, die der Eigen 
tümer seinem Kostüm durch Bügeleisen, Bürste und 
Benzin angedeihen ließ. Wenn zum Stile der ver 
schlissenen Kleidung eins nicht paßt, so ist es das 
Schuhwerk, ein Paar rindslederne, doppelbesohlte Halb 
gamaschen billigster Provenienz und gröbster Machart. 
Beim Gehen stößt ihm die Hose häufig auf den oberen 
Schuhrand auf und bleibt daran hängen. Dann aller 
dings werden auch die nicht minder stillosen halbbaum 
wollenen, weißen Strümpfe sichtbar. 
Wüßten die Bekannten und Freunde des Buchhalters 
aus Berlin O, welche Veränderung in ihm vorgeht all’ 
Sonntag vormittags, wenn er, angetan mit den Reliquien 
seiner ehemals reichen Garderobe, durch die Straßen 
der Villenkolonie wandelt, sie würden lächeln, laut 
lachen würden sie sogar. Aber er verbirgt es ihnen ge 
flissentlich, er verbirgt es selbst seiner Frau und den 
Kindern, die er herzlich lieb hat. Er nimmt auch die 
Seinigen nie mit auf die einsamen Sonntagsvormittags 
spaziergänge, Sonntag nachmittags, ja, da führt er als 
braver Familienvater sie, mit Proviant bepackt, nach 
Grünau oder Treptow oder sonst wohin. Doch vor 
mittags, im grauen Zylinder und Gehrock, muß er allein 
sein mit seinem Fühlen und Denken, muß er ungestört 
ein zweites Ich herumtragen. 
Vor einer Villa der Tiergartenstraße bleibt er ge 
wöhnlich lange sinnend stehen. Es ist dies ein elegantes, 
einstöckiges Haus, flach gedeckt, mit weit über die 
Front ragendem Sonnendach nach Art der südlichen 
Landhäuser, Die Villa steckt tief im dunklen Grün der 
Fichten und Kiefern. Durch die Nadelbäume leuchtet 
frisch das weiße Mauerwerk hindurch. Der große Vor 
garten mit seinen nach englischer Manier hügelig ange 
legten Rasenflächen breitet eine vornehme Distanz 
zwischen die Bewohner und die Straße. Mitunter sind 
monatelang die braunen Jalousien der Fassadenfenster 
hinabgelassen. Die Herrschaft ist auf Reisen. Alles 
Leben wäre dann da drinnen erloschen, jagte nicht zu 
weilen ein flinker Fox bellend über das Gras, die Sper 
linge wegzuscheuchen. Wenn aber die Herrschaft zu 
Hause ist, da geht es oft laut und lustig her im Park. 
Hübsche, junge Mädchen in lichten Sommerkleidern: 
und Herren in weißen Tennisanzügen oder in Uni 
formen sieht man Ball spielen und hört sie lachend 
englisch rufen: „Twenty — Shirty — out!“ während die 
Alten vorn auf der Terrasse sitzen und Tee trinken 
oder Bowle. 
An dem kunstvoll geschmiedeten, hohen Gittertor ge 
wahrt man auf dem linken Türflügel ein stark ver 
goldetes P. und auf dem rechten ein stark vergoldetes 
M. Es sind die Initialen des erstenBesitzers und Erbauers 
der Villa, eben jenes Buchhalters aus Berlin O. Ver 
stohlen streicht oft P, M. mit der Hand über den gelben 
Glanz, überzeugt sich, daß Wind und Wetter den 
blinkenden Buchstaben nichts anzuhaben vermochten 
seit fünfzehn Jahren und lächelt befriedigt. 
Er lächelt, denn der Gram über den Verlust seines 
Reichtums ist längst einer stillen Resignation gewichen, 
Nur mit der Phantasie hängt er noch an dem Einst und 
der vergangenen Herrlichkeit. Dieser Phantasie läßt er 
allsonntags im Gehrock und grauen Zylinder ihr gutes 
Recht widerfahren, während er an Wochtagen ein 
nüchterner, fleißiger, pflichtgetreuer Arbeiter ist bei 
Kladde und Strazze. 
Wohl weiß er, daß bei dem großen Börsenkrach damals 
ihm all sein Vermögen verloren ging samt seiner Villa; 
sobald er aber will und es sich einbildet, ist er noch ihr 
unumschränkter, glücklicher Besitzer. Mit solcher Ein 
bildung umschmeichelt er seine Sinne, liebkost er seine 
Seele des Sonntags von zehn bis zwölf. Trifft es sich 
gerade, so plaudert er auch leutselig mit dem Haus 
meister, erkundigt sich nach dieser und jener Reno 
vation im Innern des Hauses, macht Vorschläge zu 
praktischen Neuerungen in Hof und Garten, erteilt Rat 
und Rüge. Der Hausmeister amüsiert sich köstlich über 
„das verrückte Huhn“, geht aber auf alles ein und be 
kommt zum Schluß dafür eine Zigarre. Früher, in Ab 
wesenheit der Herrschaft, gestattete er ihm auch, Park 
und Haus zu betreten; doch hat das aufgehört, einer 
strengen Weisung zufolge, nachdem der Eigentümer 
Wind davon erhielt. Übrigens haben weder Eigentümer 
noch Hausmeister eine Ahnung davon, warum sich der 
sonderliche Kauz so für das Grundstück interessiert, 
sie suchen es auch weiter nicht zu ergründen. 
Wenn P. M., dessen goldene Initialen an einer der 
schönsten Villen leuchten, den Heimweg antritt, schaut 
er sich neugierig nach allen Richtungen um, welch’ neue 
Bauten dieses Jahr in der Kolonie wieder entstehen und 
welche alten Nachbarhäuser mittels gedruckter Plakate 
als „zu vermieten“ oder als „zu verkaufen“ angezeigt 
werden. Dann klingelt er wohl gelegentlich am Garten 
gitter, fragt nach dem Preise, der Anzahl der Zimmer 
im Parterre und im ersten Stock, nach der Beschaffen 
heit der Stallungen und Gesinderäume, erkundigt sich, 
ob Luftheizung vorhanden, Warmwasserversorgung, 
elektrische Beleuchtung. In besonderen Fällen auch 
wünscht er die Villa zu besichtigen. Dann prüft er mit 
Kennermiene: Zimmer, Balkon, Boden, klopft mit der 
Krücke seines Stockes an die Wände, ob sie solid, fühlt 
mit den Fingern an die Tapeten, ob sie nicht feucht 
sind, notiert, leise murmelnd, den Mietspreis, den 
äußersten, und den Kaufpreis, den äußersten, rechnet 
emsig in sein Taschenbüchelchen hinein und sagt endlich 
zu dem gespannt aufhorchenden Portier: 
„Na, ich werde mir die Sache überlegen. Wann ist der 
Herr Soundso am sichersten zu sprechen?“ 
Auch diese Antwort schreibt er auf, nickt freundlich, 
dankt und will gehen. 
Doch der Portier eilt ihm nach: „Wenn der gnädige 
Herr die Villa kaufen, behalte ich da meine Stellung, 
oder muß ich ziehen?“ 
„Ich werde Erkundigungen über Sie einholen bei 
Herrn Soundso.“ 
Der Portier öffnet weit die Gartentür und verbeugt 
sich tief. P. M. aber, immer mit dem Notizbuch in der 
Hand, greift zerstreut an den grauen Zylinder und 
kalkuliert unterwegs noch die Chancen des Kaufes.
        
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