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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 3S 
Nt. 7 
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DER SCHLEMMER 
PAUL ROSENHAYN 
ter Portier des vornehmen Weinrestau 
rants öffnete den Schlag des Automobils 
und machte eine tiefe Verbeugung. Er 
reichte der schlanken, blonden jungen 
Dame zögernd seine Pranke, die in 
einem riesigen wollenen Handschuh 
steckte; sie legte lachend ihre Rechte 
auf seinen Arm und sprang mit einem 
ziemlichen Satz auf das Trottoir. Auch 
ihr Begleiter lachte. Er klemmte das Monokel fester 
ins Auge, reckte seine sehnige Gestalt und wollte eben 
den Sealmantel öffnen, als ihm schon dienstwillig der 
Portier zuvorkam. 
„Ich werde den Chauffeur entlohnen, mein Herr!“ 
sagte er eifrig und ließ einen zärtlichen Seitenblick zu 
der jungen Dame hinübergleiten, die schon ungeduldig 
vor dem Eingang stand. Ich tue das immer!“ 
Der Herr nickte, tippte an den Zylinder und ging 
auf die Drehtür zu, die ein Boy soeben in Schwung 
setzte. — 
Die gedeckten Tische waren schon zum größten Teil 
besetzt. Die Zeit des Theaterschlusses bedeutete für 
die Restaurants dieses Viertels erst den eigenlichen 
Anfang des Abends; der ruhelos rotierende Dreh 
eingang brachte unablässig neue Gäste, die plaudernd 
und lachend den Raum füllten. 
Der Geschäftsführer, der das elegante Paar an der 
Tür bewillkommnet hatte, ging voran, an einer Reihe 
von Nischen vorbei; auf den Tischen standen kleine 
silberne Schildchen mit der Aufschrift: „Belegt!“ End 
lich blieb der Voranschreitende vor einem Gedeck 
stehen, knipste die Lampe ein, die an einem bronzenen 
Körper auf dem Tische stand, und machte eine Ver 
beugung. 
„Ich bitte sehr!“ 
Der Herr ließ einen prüfenden, ein klein wenig kühlen 
Blick über den blütenweißen Tisch, über die Vase mit 
den Malmaisonrosen und über den Eiskübel gleiten, der 
wie eine lockende Herausforderung an der Stirnwand 
des Tisches blitzte und sah seine Begleiterin an. Sie 
nickte lächelnd. „Es ist gut!“ 
Zwei Kellner waren lautlos hinzugetreten, die dienst 
beflissen und mit dezenter Sachlichkeit die Pelze in 
Empfang nahmen. 
„Sind die Holländer empfehlenswert?“ 
„Vorzüglich, mein Herr.“ 
„Bringen Sie zwei Dutzend.“ 
„Sehr wohl! Was darf ich weiter notieren?“ 
„Wir werden sehen.“ 
Der Geschäftsführer, der fast ohne den Kopf zu 
wenden den ganzen Raum im Auge hatte, sah von Zeit 
zu Zeit zu den beiden hinüber. Er lächelte zufrieden; 
ja: die selbstverständliche Sicherheit, mit der der Herr 
seiner Dame die Austern präparierte, ließ unschwer den 
Mann der großen Welt erkennen. Der Herr hob halb 
den Kopf; schon trat der Kellner gehorsam heran. 
„Bringen Sie Röderer!“ 
„Sofort, mein Herr!“ 
„Und die Speisenkarte.“ 
Der Geschäftsführer selbst übernahm das wichtige 
Amt eines Beraters bei der Auswahl und notierte mit 
ruhiger Feierlichkeit die erlesenen Gerichte, die der 
Herr bestellte. 
Dieser Gast war nicht leicht zu befriedigen. — „Ist 
der Truthahn zart?“ „Ist die Grape Fruit empfehlens 
wert?“ Der Geschäftsführer nickte nur jedesmal wohl 
wollend. Er war weit davon entfernt, ungeduldig oder 
gar beleidigt zu sein, o nein — solche Gäste hatte er 
gern; sie wußten die Qualitäten eines wahrhaft erst 
klassigen Restaurants zu schätzen! 
Die dritte Flasche Sekt steckte schon mit dem Hals 
nach unten im Eiskübel, als der Kellner mit dem Mokka 
erschien. 
„Wünschen der Herr Zigarren?“ erkundigte sich der 
Geschäftsführer, der sich mit immer liebevollerer Aus 
schließlichkeit dem distingierten jungen Paar zu 
widmen begann. „Oder Zigaretten?“ 
Auf dem Gesicht des jungen Herrn lag der Abglanz 
einer fröhlichen Sektlaune. Auch die Wangen seiner 
Begleiterin waren gerötet; ja, ein besonders aufmerk 
samer Beobachter hätte bei den beiden fast schon einen 
kleinen Schwips konstatieren können. Er wandte sich 
verliebt zu ihr herum und sah ihr in die Augen. 
„Zigaretten!“ sagte er lakonisch. „Queen!“ 
„Und mir“, er drehte sich zu dem Geschäftsführer 
herum, „bringen Sie Importen mit. Upman oder Henry 
Clay.“ 
Der Kellner kam mit einem ungeheuren Tablett, auf 
dem verheißungsvoll das matte Braun der kleinen Im 
portkisten neben dem silbrigen Glanz der Zigaretten 
dose schimmerte. 
„Lassen Sie die Henry-Clay-Kiste da!“ entschied der 
Gast. 
Der Geschäftsführer trat eifrig näher, knipste eine 
der beringten Zigarren ab und legte sie mit einer Ver 
beugung auf den kleinen Teller. Der junge Herr langte 
nach der Zündholzschachtel, und erst jetzt bemerkte 
der ihn Bedienende, daß die Bewegungen des Gastes 
nachgerade nichts weniger als sicher waren. Seine Hand 
zitterte sichtbar, als sie das Zündholz an der Reibfläche 
entlangstrich. Die junge Dame sah es, blickte ihn ver 
dutzt an, und beide brachen dann in ein fideles Lachen 
aus. Ihr Begleiter warf einen schnellen, ein wenig be 
schämten Seitenblick auf den Geschäftsführer, der mit 
dezentem Lächeln vor sieh niedersah, und begann dann 
vergnügt an seiner Henry Clay zu ziehen. 
„Die Rechnung bitte!“ 
Der Geschäftsführer ließ sich von dem bedienenden 
Kellner eine umfangreiche Aufstellung reichen, über 
flog sie prüfend und legte sie diskret neben den Teller 
des Herrn nieder. Dieser warf einen ziemlich verglasten 
Blick auf die Liste des Genossenen; seine Augen 
schweiften fast wie verständnislos über die Zahlenreihen. 
Mit einem ärgerlichen Lachen legte er die Hand auf 
die Stirn und schüttelte den Kopf. Endlich tastete er 
ungeduldig nach dem Papier und schob es seiner-Nach 
barin hin. 
„Lies du“, seufzte er resigniert. „Ich kann’s nicht 
mehr.“ 
Die junge Dame machte ein drollig-wichtiges Gesicht, 
glitt mit den Augen langsam an den Zahlen herunter 
und sagte endlich mit einem erleichterten Aufatmen: 
„Hundertachtundsechzig Mark!“ 
Er nickte, öffnete die Brieftasche und zoö einen 
Tausendmarkschein. Die junge Dame griff nach einer 
neuen Zigarette, ihr Begleiter wollte ihr ein Zündholz 
reichen, aber nach vergeblichen Versuchen gab er 
lachend das Beginnen wieder auf. Der Geschäftsführer, 
der mit höflichem Lächeln zugesehen hatte, nahm einen 
kleinen silbernen Rauchleuchter von einem Nebentisch 
und entzündete ihn. Der junge Herr sah mit beifälligem 
Nicken dem Hilfsbereiten entgegen; seine Hand 
streckte sich nach dem hellbrennenden Lämpchen aus, 
aber ungeschickt und zittrig griff er zu hoch, direkt in 
die Flamme hinein, und im nächsten Augenblick stand
        
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