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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. I 
Jahrg. 28 
16 
Tränen. Heute sollen Sie sehen, was Sie damals nicht 
gesehen, als Sie Juliane verließen und sich nicht um 
schauten nach ihr. Ich fand sie allein in ihrem Hotel 
zimmer, mit den schwachen, kleinen, ungeschickten 
Händen versuchend, sich den Hals zu durchschneiden. 
Seit damals geht sie niemals ohne Chiffonschal. Aber 
unter dem grünen Chiffon brennen die blutig roten 
Narben noch heut “ 
Alexander Gabor riß mit der rechten Hand den 
Schleier herab. Rudolf Viant sah einen weißen Hals, um 
den ein brennend roter Streifen ging. Blut schien vor 
seinen entsetzten Augen aus den alten Wunden zu 
tropfen . . . 
Aufstöhnend stürzte er davon. Die Geige, die seine 
Seele ersehnte, ließ er zurück. Als er durch die Flucht 
der Zimmer dem Ausgang zustürzte, riß er von einem 
Tisch eine silberne Schale herab. Jene Schale, die die 
Szene aus dem alten Liede zeigte, in der der rasende 
Achill den Leichnam des Hektor durch den bitteren 
Staub der Erde schleift. 
HEIMLICHE EHE 
Nach einer alten 
M aria Antoinette, die Königin, hatte es schon 
während der letzten Sitzungen gemerkt, daß 
es über den schönen Augen der Malerin 
Elisabeth Vigee wie ein Flor von Trauer lag. Während 
sie in ihrem Seidenkleid mit großen Panniers steif da 
stand, in der blassen Hand die Rose, und Elisabeth 
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Bilder: Boht 
Vigee mit Ernst und Hingabe an dem Porträt malte, 
hatte Maria Antoinette Muße genug gehabt, ihr Antlitz 
zu durchforschen und zu studieren. Kein Zweifel! Das 
sonst so frische, junge Gesicht Elisabeths war bleich, 
Nervös zuckte die rechte hochgeschwungene Braue 
über dem dunkelglänzenden Auge. Manchmal, wenn sie 
sich unbeobachtet glaubte, trat, in ihre 
Mienen der Ausdruck einer solchen Er 
schöpfung, als hätte sie für die Außenwelt 
mit übermenschlicher Anstrengung eine 
Kraft zur Schau getragen, die sie nicht 
weiter aufzubringen vermochte. 
Eine Hofdame trat ein und meldete den 
Besuch des Königs. Mit einem Seufzer der 
Erleichterung löste sich Maria Antoinette 
aus der ihr vorgeschriebenen Haltung und 
ff nach ihrem Seidentüchlein, den heiß 
gewordenen Wangen damit Kühlung zu 
zufächeln. Als sich Elisabeth mit tiefer 
Verneigung empfehlen wollte, hielt sie die 
Königin mit leichter Bewegung zurück. 
„Haben Sie mir nichts anzuvertrauen, 
liebe Freundin?“ fragte sie gütig. „Sie 
wissen, ich tue jederzeit für Sie, was zu tun 
in meiner Macht steht . . 
Einen Augenblick schien es, als wolle die 
Malerin sprechen und ihr Herz entlasten. 
Sie trat einen Schritt vor. Ihre Lippen 
öffneten sich. Aber etwas Unnennbares 
schien ihr Geständnis zu hemmen. Traurig 
sah sie zu der Königin empor. 
„Ich weiß die Güte Eurer Majestät ehr- 
erbietigst zu schätzen“, antwortete sie leise. 
„Wenn ich trotzdem schweigen muß . . .“ 
Maria Antoinette ließ die Freundin den 
angefangenen Satz nicht vollenden. 
„Sie sollen Sich nicht quälen, meine 
Liebe“, sagte sie sanft. „Sie sollten nur 
wissen, daß Ihnen mein Beistand sicher ist, 
wenn Sie ihn wünschen. Wenn es Ihnen Ihr 
Herz gebietet, so schweigen Sie . . . .“ 
Sie reichte huldvoll der Malerin zum Ab 
schied ihre Hand zum Kusse und rauschte, 
nachdem sie Elisabeth die Rose gereicht, die 
sie während der Sitzung in der Hand ge 
halten, begleitet von ihrer Hofdame in das 
anstoßende Gemach. 
Als Elisabeth Vigee in ihrem Hause die 
Treppen zu ihrem Atelier hinaufstieg, blieb 
sie lauschend stehen. Gelächter, Stimmen 
gewirr klangen zu ihr hinab. Sie mühte sich, 
den Klang der einen Stimme zu verfolgen, 
die sie liebte. Diese Stimme war hell, 
stoßend, gerne weit ausschwingend, wie 
eine Glocke, die tönt.
        
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