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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr, 6 
20 
GIFTPFEIL 
HEINZ TOVOTE 
äT 'N \^>ie setzte die Tasse nieder, die sie eben 
■V. JtX J zum Munde führen wollte, daß der Löffel 
\ iE) klirrte, und starrte wie entgeistert auf 
das Zeitungsblatt, das neben dem Kaffee 
Y auf dem Frühstückstische lag, und das 
I sie eben entfaltet hatte. 
l &5"W jl Mit breitem, schwarzem Trauerrande 
Jf stand dort mit großen Lettern die An- 
zeige: 
Gestern wurde mir durch ein grausames Geschick 
nach kaum einjähriger Ehe plötzlich mein geliebter 
Mann, und unser lieber Sohn und Neffe, Georg Gritting, 
im 36. Lebensjahre entrissen. 
In tiefster Trauer 
Elfriede Gritting, 
geb. Stillner. 
Mit schreckhaft großen Augen starrte sie auf diese 
Anzeige und wiederholte: Plötzlich! durch ein grau 
sames Geschick!... Und wie sie nun, in dem Gefühle, 
daß es sich nur um einen Unglüoksfall handeln konnte, 
die Zeitung aufschlug und durchflog, fand sie unter 
Lokalnachrichten die Aufklärung. Bei einem Autoun 
fall war er schwer verletzt, war heimgeschafft, aber 
schon in der Nacht an den Wunden gestorben. 
Ihr Blick ging hinüber zu dem Bilde, das auf dem 
Schreibtische stand, das sie monatelang in der Schiebe 
lade gehabt, als er sie verlassen, das sie aber vor ein 
paar Wochen wieder hervorgeholt hatte, als sie ruhiger 
dachte. Nun stand es, wie früher, an seinem alten Platze. 
Trotz allem, was er ihr angetan, konnte sie ihn nicht 
vergessen. Sie wußte, wie leicht er zu beeinflussen war. 
Deshalb hatte sie ihn nicht so sehr gehaßt, sondern 
mehr diese Frau, die ihn ihr genommen hatte. Ein Jahr 
schon wartete sie auf die Gelegenheit, daß sie sich in 
irgend einer Art an ihr rächen, daß sie es ihr vergelten 
konnte, weil sie ihr den Freund geraubt hatte, dem sie 
sich für alle Zeit verbunden gefühlt hatte. 
Gegen den Willen ihrer Eltern, die wußten, daß Georg 
gebunden war, hatte diese Elfriede Stillner die Ver 
lobung mit ihm durchgesetzt. Die ganze Stadt wußte, 
daß er nicht frei, sondern i h r verpflichtet war, und 
daß es nur an ihr gelegen hatte, daß sie nicht längst 
ein Paar waren. Sie hatte ihre Freiheit nicht aufgeben 
wollen, mochte nicht zum zweiten Male sich einem 
Manne fügen, sie wollte die Fesseln einer Ehe nicht, sie 
waren sich ja auch so genug, — aber da war dieses 
junge Ding gekommen und hatte gezeigt, daß es stärker 
war, als sie, die sich so sicher fühlte. Sie hatte ihr ein 
fach den Freund abwendig gemacht, hatte es mit ihrer 
Frische, mit ihrer Keckheit verstanden, ihn zu fesseln 
und langsam zu sich hinüberzuziehen. 
Als sie zum ersten Male davon hörte, als eine gute 
Freundin sie warnte, hatte sie so stolz gelächelt. Warum 
sollte er nicht ein Vergnügen haben, sich mit diesem 
mädchenhaften Nichts ein wenig zu häckeln, mit ihr zu 
flirten. Mochte er! Die konnte doch mit ihr nicht in die 
Schranken treten. 
Aber zu bald erkannte sie ihren Irrtum, daß sie den 
Reiz dieses Mädchens unterschätzt und ihren eigenen 
Einfluß in zu günstigem Lichte gesehen hatte. Und so 
blieb die kleine Elfriede zum Schlüsse Siegerin, weil 
sie selbst es verachtet hatte, sich mit ihr zu messen. 
Noch heute war es ihr unfaßbar, wie das hatte ge 
schehen können, weshalb sie so ohne einen Versuch 
sich für geschlagen ergab, denn alle Welt erwartete, daß 
es ohne eine Katastrophe nicht abgehen würde. 
Allein sie war so erschlagen von der Erkenntnis, wie 
sie ihm nicht mehr , alles war, daß sie wie betäubt sich 
in ihr Geschick ergab, daß von ihrer Seite nichts ge 
schah, sondern daß sie sich in den Mantel ihres Stolzes 
hüllte, und schweigend und still von der Bühne seines 
Lebens abtrat. 
Sie war, wenn sie jetzt darüber nachdachte, nicht 
ohne Schuld. Sie hatte Georg ein wenig vernachlässigt, 
war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. 
Ein anderer Mann war gekommen und hatte ihr 
Interesse erweckt. Der blieb ihr gegenüber so form 
vollendet kühl, er schien sich so wenig aus ihr zu 
machen, daß gerade diese Reserviertheit sie am 
heftigsten reizte und sie derart beschäftigte, daß sie die 
Gefahr, die ihr von der anderen Seite drohte, erst zu 
spät bemerkte. 
Nun stand sie da mit gebundenen Händen. Sie fühlte 
sich schuldig, konnte keine großen Vorwürfe erheben 
gegen den alten Freund, dem sie so wenig Aufmerksam 
keit geschenkt, daß sie nun nichts mehr zu unternehmen 
wagte. So ließ sie ihn mutlos gehen, hatte noch immer 
gehofft, daß die ganze Sache am Einspruch der Eltern 
scheitern würde, glaubte immer, er werde sich von 
diesem Kindskopfe wieder ihr zuwenden. Aber eines 
Tages bekam sie die offizielle Mitteilung von der er 
folgten Verlobung, und nun war alles zu spät. Er hatte 
von Freundschaft geredet, aber da hatte sie ihn ausge 
lacht, und ihn fortgeschickt. Damit begnügte sie sich 
nun doch nicht. Dafür dankte sie. Aber gerade, daß 
sie sich scheinbar so ruhig in ihr Schicksal ergab, machte 
die andern mißtrauisch. Sie erfuhr, daß die Eltern am 
Tage, als die Hochzeit stattfand, allerlei Sicherheits 
maßregeln getroffen hatten, weil sie fürchteten, daß sie 
als die schnöde Verlassene irgend etwas unternehmen 
würde, eine Störung der Feier, weil man ihrem Tempe 
ramente alles zutraute. Aber sie konnten beruhigt auf - 
atmen. Es geschah nichts. 
Unangefochten kam das junge Paar zum Bahnhofe 
und fuhr ab. Es war alles ohne die geringste Störung 
abgelaufen. Und auch als sie heimkamen, geschah 
nichts. Das Leben ging seinen Weg, wie immer. Und 
die Verlassene blieb ganz still. Sie zeigte sich wenig, 
war nur ernster, wie es den Leuten schien. 
Die Tage gingen hin, und das junge Paar hatte vor 
den Toren der Stadt eine neuerbaute Villa bezogen, 
dessen Besitzer keine Freude mehr an seinem Bau hatte. 
Sie gingen auf Gesellschaften, zeigten sich im Theater 
und auf Konzerten, und die anfängliche Bangigkeit, die 
sie bisher noch immer nicht verlassen batte, war ge 
schwunden. Nun war er voller Sorge über die erste 
Begegnung mit der Verlassenen, denn er wußte genau, 
die sie manchmal sich so unbeherrscht geben konnte, daß 
es mit der Anlaß gewesen war, wie er sich zu der stillen 
und sanften Elfriede hingezogen fühlte. 
Sie hatte das Paar nicht aus den Augen gelassen, sie 
wußte, daß sie ihnen eine stete Warnung war, er kannte 
sie, daß sie nichts vergaß, daß sie ihren Haß jahrelang 
mit sich tragen konnte, daß sie noch immer die rechte 
Stunde gesucht und gefunden hatte, um eine alte Schuld 
zu regeln. 
Und sie war entschlossen, auch ihm gegenüber keine 
Ausnahme zu machen. Irgend eine Genugtuung würde 
sie sich schon verschaffen. Aber sie wußte nicht, wie 
sie es anfangen sollte. Sie hatte ihn nicht vergessen, 
nicht all die Jahre ihrer Liebe ausgetilgt, sie liebte ihn 
noch immer, und sie wollte viel mehr die Frau, als ihn
        
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