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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

13 
Nr. 1 
Jahrg. 28 
DER GRÜNE CH1TTON 
GRETE MASST: 
Bilder: Boht 
atte die eiserne Gartenpforte geknarrt? 
Alexander Gabor hob den Kopf und 
lauschte. 
Schritte kamen über den Kies, 
klangen auf der Verandatreppe. Ein 
Klingelton kam durch das Haus ge 
zogen, dünn und spitz, gläsern fast, wie 
eingefroren. 
Der Hund begann zu bellen. Der 
Diener ging, um zu öffnen. Erst waren seine Füße lang 
sam und behutsam, dann wurden sie eilig und eifrig 
und dienstbeflissen, als erinnerten sie sich, daß sie ehe 
mals hatten eilig, eifrig und dienstbeflissen sein müssen 
wie es Dienerfüßen geziemt. Hier erst wären sie leise 
geworden, müde, gelähmt von dem seltsamen Traum 
leben dieses einsamen Hauses und der Menschen darin. 
Alexander legte die Feder nieder und erhob sich. In 
seine Augen trat der Ausdruck der Erwartung. Er war 
doch begierig, zu erfahren wer da aus der Welt Einlaß 
bei ihm begehrte. Gab es noch jemanden, der nicht 
wußte, daß die Gabors „die Verzauberten“ hießen, daß 
sie einen Kreis um sich zogen, den keiner zu über 
schreiten wagte? 
Der Diener brachte auf einer Platte aus schimmern 
dem Silber eine Visitenkarte. 
Alexander Gabor las den Namen. Eine dunkle Welle 
jäh aufsteigenden Blutes rötete ihm das Gesicht. Seine 
Augen irrten zu dem Platz, wo sein Reitzeug aufbewahrt 
war. Es gelüstete ihn, nach der Peitsche zu greifen und 
den Gemeldeten mit ihr von der Schwelle zu jagen wie 
einen Hund. 
Aber mechanisch sprachen seine Lippen die Höflich 
keitsformel: „Ich lasse bitten.“ 
Kurz darauf stand Rudolf Viant in dem 
Zimmer, das durch offene Türen den Blick in 
benachbarte Räume freigab, Gabor betrachtete 
prüfend den feinen Künstler köpf. „Elf Jahre 
haben ihn nicht gealtert und nicht erkaltet, 
dachte Gabor. Er ist lebendig, denn er hat in 
der Welt gestanden, die Wellen haben zu 
seinen Füßen gerauscht, die Winde seine 
Schläfen umspült. Die Musik hat ihn jung er 
halten und kindlich froh. Gealtert, erkaltet 
sind nur wir. Wir hier im „Haus der Ver 
zauberten“. 
„Sie wundern sich, Gabor, daß ich den Weg 
zu Ihnen gefunden?“ fragte Viant. 
„Ja — ich wundere mich!“ 
„Sie sollen eine Geige haben, ein Instrument, 
das seinesgleichen nicht hat. Verstehen Sie. 
daß ein Musiker, der davon gehört, nicht 
schlafen kann, nicht essen, nicht atmen, bis er 
sie gesehen, bis er einmal den Bogen über ihre 
Saiten geführt?“ 
..Ich verstehe, daß ein Geschöpf, durch 
Widerstände hindurch, über Schranken hinweg, 
das zu finden sucht, was sein Begehren erregt.“ 
Die Herren hatten Platz genommen in den 
breiten. Klubsesseln des Zimmers und Viant 
hatte eine der Zigaretten entzündet, die Gabor 
ihm gereicht. 
..Um auf die Geige zurückzukommen“, sagte 
der Hausherr, so ist sie das Eigentum meiner 
r rau. Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung 
nfu 6 *?*’ UI ? m * r diese Geige zu verschaffen, 
len brauchte als Hochzeitsgabe etwas Er- 
esenes und unerhört Kostbares, denn ich 
hatte eine Braut, von der ich befürchten mußte, 
vennsifi lmsta ? d ® , war . mit dem Tod 
vermahlen und nicht mir.“ 
„Sie haben schwere Schicksale gehabt. Man spürt es, 
wenn man Sie ansieht. Ich kannte Sie anders. Jünger, 
gelöster, heiterer.“ 
Der Hausherr preßte die Lippen zusammen, so daß 
sie einen Strich bildeten, in seinem Gesicht, einen 
schweigenden harten Strich. Unmerklich fast ging ein 
Beben durch seine Gestalt. Dann fuhr er sich mit der 
langen, nervösen Hand über die Stirn, als wolle er ge 
waltsam Gedanken und Vorstellungen fortwischen, die 
aufzuckten über seinen Augenbrauen. 
„Meine Frau hat i 
violetter Seide in eir 
ie Geige nie berührt. Sie liegt auf 
r Kassette aus Glas. Schlummernd 
liegt sie da, unerlöst. Man muß an das tote Schnee 
wittchen im gläsernen Sarg denken, wenn man sie so 
sieht ‘ 
„Dies Meisterwerk soll hier begraben sein und darf 
nicht tönen?“ fragte der Musiker bebend. „Ich bitte 
Sie flehentlich, lassen Sie mich auf dieser Geige spielen, 
nur ein einziges Mal.“ 
„Ich werde meine Frau fragen, ob sie erlaubt, daß 
Sie ihr Eigentum berühren. Ich bitte um einige Augen 
blicke Geduld ......“ 
Als Rudolf Viant allein war, sah er sich in dem 
Raume um, in dem er saß. Er war luftlos und dunkel. 
Die Teppiche waren schwer und dick. Die Türen ge 
polstert. 
Als sein Blick auf die silberne Schale fiel, die seine 
Visitenkarte enthielt, sah er, daß auf ihrem Oval in 
getriebenem Silber die Szene dargestellt war, wie der 
rasende Achill die Leiche des Hektor durch den bitteren 
Staub der Erde schleift. 
„Meine Frau sagte eine Stimme. 
zu
        
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