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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg 2S 
Nr. 5 
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Mit diesen Gedanken kehrte der Marchese in sein 
kleines Idyll am Meere zurück, nachdem er den Tag 
über heimlich in seinem unterirdischen Laboratorium in 
.Rom gearbeitet hatte. 
In ihrem Palazzo führte Gräfin Margerita ein voll 
kommen zurückgezogenes Leben. Nie besuchte sie eine 
Gesellschaft. Nie sah man bei ihr einen Gast. Nur 
fuhr sie täglich mehrmals zu den Messen in den Peters 
dom und verfehlte nie, wenn der Kardinal das Hochamt 
hielt. Oft traf sie den jungen Priester Matteo, ihren 
Vetter, und ließ sich von ihm in die Asyle der Armen 
und Siechen führen, aber, wenn auch Matteo jung war, 
über der ernsten Gestalt des jungen Geistlichen lag eine 
solche Würde, daß selbst in dem leichtfertigen Rom 
keine Stimme war, die es gewagt hätte, diesen gemein 
samen Wegen etwas unkeusches unterzulegen und 
Matteo selbst war voller Freude, daß Margerita seit 
ihres Vaters Tode so in sich gekehrt lebte. Nur der 
Kardinal schalt bisweilen. 
„Du bist zu jung, um eine Heilige zu werdenl“ 
„Gott straft mich für meine Sünden und es sind nicht 
wenig. Jetzt will ich büßen. Es wird nicht lange dauern, 
dann wird mein Bruder Bartolo wieder in Rom sein. 
Ihm will ich eine gute Schwester sein.“ 
Der Kardinal schüttelte den Kopf. Ihm war es unver 
ständlich, daß der Tod eines Vaters eine so junge und 
so lebenslustige Frau zur Heiligen machte. Er lächelte. 
„Ich wette, meine junge Nichte hat noch anderen 
Kummer?“ 
„Ich bin mit meinem Gatten versöhnt.“ 
„Er kam gesund bei seinem Regiment an.“ 
Er sah das leise Zucken ihrer Wimpern nicht und 
fuhr fort: 
„Ich wette, du trauerst um den Marchese?“ 
Sie sah ihn vorwurfsvoll an. 
„Ich bitte Eminenz, nicht an vergangene schwere 
Sünden zu erinnern. Das ist durch Gottes Hilfe vor 
über. Ich habe mir auf erlegt zur steten Buße in jedem 
Monat zwei Mal allein und in härenem Gewände nach 
der Wallfahrtskirche der heiligen Mutter auf dem 
Monte Skoletto zu gehen und dort zu beten.“ 
„Sei nicht zu streng gegen dich selbst und bedenke, 
einsame Wanderungen sind gefährlich für schöne 
Frauen.“ 
„Nicht, wenn sie Büßergewande gehen.“ 
Der Kardinal war unzufrieden, als Margerita ge 
gangen. Er liebte keine unnatürlichen Übertreibungen. 
Einen unauffälligen Liebhaber und ein großes Haus 
hätte er lieber gesehen. Freilich, noch hatte sie wohl 
das Erbteil des Vaters nicht, das der Bruder ihr brachte 
und solange mußte sie sparen. Der Prälat nickte ver 
stehend. 
„War diese Frömmigkeit Klugheit?“ 
Jedenfalls erreichte sie, daß sie der Liebling von Rom 
war und daß jetzt auch die Frauen ihr huldigten! 
Sie aber eilte heim und legte das härene Büßerkleid 
an, ließ sich bis an die Grenze der Stadt fahren und 
schritt dann, den Rosenkranz betend ^ mit gesenktem 
haupte ihres Weges der entfernten Wallfahrtskirche zu, 
zu der sie alle zwei Wochen pilgerte, um am nächsten 
Tage gestärkt heimzukehren. 
Daß, nachdem sie dort inbrünstig gebetet in dem 
Wäldchen hinter der Kapelle sie ein Wagen erwartete, 
sie in fliegender Hast in das Liebesnestchen am Meere 
führte, daß die dort in verborgenem Gemach mit der 
härenen Kutte auch ihre Frömmigkeit abwarf und ihren 
nackten, begehrlichen Körper in des Marchese heiße 
Umarmungen schmiegte, das wußte niemand, denn 
wenn der Morgen kam, war sie zur Frühmesse wieder 
in der Kapelle und wandelte dann wieder als betende 
Büßerin heim. Diesmal aber hatte sie eine Frage an den 
Marchese. Tortsetzung folgt. 
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Herr Reiß aus Mannheim. 
Der Tokaier, Komödie in drei Akten von Hans Müller im 
Theater in der Königgrätzer Straße geht nun bald seiner fünf 
undsiebzigsten Aufführung entgegen. In der zweiten Pause 
traf ich einen Herrn Reiß aus Mannheim, einen gutmütigen, 
wohlgerundeten Zeitgenossen mit provinzialem Einschlag. 
Herr Reiß aus Mannheim, den ich fünfundzwanzig Jahre nicht 
gesehen hatte, war begeistert von der hohen Kunst der Ber 
liner. Nachdem wir die ersten Begrüßungen ausgetauscht 
hatten, meinte Herr Reiß aus Mannheim, daß ein Emil Jan- 
nings, Carola Tolle und ein Kurt Vespermann schauspiele 
rische Übermenschen seien; so etwas gebe es in ganz Mann 
heim nicht, und Herr R. hat recht: so etwas gibt es in Mann 
heim, in meiner geliebten Vaterstadt, nicht. 
Herr Reiß wird zehn Jahre mir zu Ehren Jannings Tokaier 
trinken und 'so oft er das Glas ansetzt, wird er an die 
schöne blonde Carola Tolle denken und an die Siebenmeilen 
stiefel von Jannings. Er wird weiter denken an das fabelhafte 
Einglas von Vespermann, denn in ganz Mannheim gibt es kein 
so schön geputztes Monokel wie dieses. 
Und ich bin sicher, daß Herr R. seiner Gattin sagen wird, 
die Berliner Frauen sind doch schöner als die von Mannheim 
. . . und besonders wird er seine Frau auf die Rasse dieser 
Schauspielerinnen aufmerksam machen. Er wird behaupten, 
daß keine Dame vom Ballett des dortigen National-Theaters 
das Temperament einer Hanna Ralph aufzuweisen hat. Alles 
in allem: die Provinz kommt im „Tokaier“ auf die Kosten. 
Str. 
Der Boy von Flandern. 
Wir haben ihn wieder. Er ist wieder da. Ehre sei Gott in 
der Höhe. Jackie Coogan macht den Boy von Flandern. Am 
Nollen dorfplatz im U. T. zeigt sich der Boy von Flandern als 
Betteljunge. Man weiß schon gleich am Anfang, daß er sich 
zum Genie entwickelt. Das ist bei ihm immer so sicher wie
        
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