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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr 5 
Jahrg. 28 
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schuld, sondern die acht wilden, heißen Tage, die sie in 
einem verstohlenen kleinen Häuschen in der Nähe von 
Civitavechia in den Armen des Marchese in zügel 
losester Leidenschaft verbracht hatte. 
So hatten sie es vereinbart, denn seit das furchtbare 
Band gemeinsamer Schuld über ihnen schwebte, waren 
sie entschlossen, in Rom einander zu meiden. 
Mit Postpferden war Margerita gereist, nachdem sie 
bescheiden des Vaters Reisewagen und Dienerschaft den 
Brüdern gelassen und in Civitavechia kannte sie nie 
mand. Ein heimliches Idyll war das Liebesnestchen am 
Meeresstrande, das der Marchese bereitet und er selbst 
erschrak vor der Glut, mit der sich das junge Weib in 
seine Arme stürzte, um in seinen Umarmungen zu ver 
gessen. 
Mit keinem Wort erwähnten sie, was geschehen, mit 
keinem Wort, was noch zu geschehen hatte, aber ein un 
willkürlicher leiser Schauer überflog doch die weiße 
Haut der Gräfin, als ihr beim Abschied der Marchese 
selbst das große goldene Kreuz um den Hals hing, das 
innen hohl war und enthielt was sie brauchte! 
Der Graf Granvillardo war in den Händen seiner 
Gläubiger und bereits am ersten Tage sollte eine Kon 
ferenz stattfinden zwischen den Sachwaltern der Gläu 
biger des. Grafen und der Gräfin. Weil es sich um eine 
der ersten Familien der Stadt handelte und auch der 
Name des Kardialstaatssekretärs Campolla beteiligt 
war, führte kein geringerer als der Polizeipräfekt von 
Rom, General Magnoso den Vorsitz. Er war ein hoch 
gewachsener, stolzer Mann, der der jungen Gräfin oft 
in den Gesellschaften begegnet war und zu ihren 
glühendsten Anbetern gehörte. Ein Mann, der schnell 
auf gestiegen war, weil er in rücksichtslosem Ehrgeiz 
seinen Weg ging. Dabei ein Junggeselle und Lebemann. 
Er hatte sich sogar bereit erklärt, selbst in den 
Palazzo Granvillardo zu kommen, um der Gräfin den 
Weg in das Polizeigebäude zu ersparen. 
Der Sachwalter der Gläubiger entwarf ein Bild der 
Zerrüttung und hatte im Namen seiner Auftraggeber 
bereits alles, was vorhanden, gerichtlich beschlagnahmt. 
Der Präfekt hörte sichtbar empört zu, während der 
Graf Granvillardo mit abgewendetem Gesicht am 
Fenster st^nd 
„Ich fürchte, gnädigste Gräfin, es wird das beste 
sein, Säe trennen sich vollkommen von dem Oralen, 
denn sogar das Vermögen, das Sie einbrachten und 
leider vollständig zu Ihres Gatten Verfügung stellten, 
ist verloren.“ ... 
Die junge Gräfin sah mit einem wahrhaft rühren den 
Ausdruck auf. 
„Darf ich ein paar Worte reden?“ 
Alles verstummte. 
„Ich weiß, daß ich kein Recht habe. Ich will aber 
auch meinen Gatten nicht anklagen, denn ich bin uber 
zeugt, daß er nur leichtsinnig war und niemals etwas 
Schlechtes gewollt hat. Ich habe hier nicht zu fordern, 
sondern nur zu bitten. Ich selbst habe durch den so 
beklagenswerten Tod meines lieben Vaters und durch 
die Güte meiner Brüder soviel, daß ich imstande bin, 
das zurückgezogene und stille Leben, das ich zu führen 
gedenke, zu fristen. Aber ich bitte die Gläubiger, ge 
statten Sie, daß ich hier in diesem Palazzo wohnen bleibe 
und vertreiben Sie, mich nicht. Ich fühle mich Mutter 
und hoffe in einigen Monaten meinem Gatten einen 
Erben zu schenken. Wenn es mir auch wohl nicht mög 
lich sein wird, diesem das Schloß seiner Väter zu er 
halten, so möchte ich doch, daß er in diesem das Licht 
der Welt erblickt.“ 
Es hätte nichts geben können, was ergreifender 
wirken konnte, als diese rührende Rede der jungen 
Frau, deren mädchenhaft schlankem Körper allerdings 
niemand die unvermutete Mutterschaft ansah. Prüfende 
Blicke trafen den Grafen Granvillardo. Ein Erbe? 
Die junge Gräfin schwanger von ihrem Manne? 
Und wer in dieses wehmütige Heilägengesichtchen 
sah, über das jetzt der Schimmer einer erhofften 
Mutterfreude glitt, wagte es gewiß nicht zu denken, 
daß diese Frau in diesem Augenblick etwa von einem 
Kinde, das dem Ehebruch sein Leben dankte, sprechen 
konnte. Zumal der Marchese war seit Monaten 
verschollen und die junge Gräfin hatte einsam gelebt. 
Die Gläubiger zogen sich zurück und berieten, dann 
sagte der Sachwalter: 
Plötzlich lag er vor ihr auf den Knien. 
„Sobald der Herr Graf anerkannt hat, daß der 
Palazzo mit seiner gesamten Einrichtung in den Besitz 
seiner Gläubiger übergeht, sind diese bereit, durch 
Vertrag zu bekräftigen, daß dieser Palazzo mit allem 
lenventar ihrer Erlaucht, der Gräfin, bis zu ihrem Tode 
als Wohnung verbleibt. Die anderen Güter des Grafen 
werden beschlagnahmt. Herr Graf, sind Sie einver 
standen?“ 
Zum ersten Male trat der Graf an den Tisch. Sein 
Gesicht war auch jetzt mehr gelangweiit als verstört. 
„Ich unterschreibe. Ich reise noch heute an die 
Grenze,, um meine Stelle als Oberst eines der Re 
gimenter, die gegen den Feind gerüstet sind, an 
zutreten. 
Er unterschrieb und auch der Vertrag wurde ge 
schlossen, der die Gräfin in dem Besitz des Palazzo 
ieß — — wenigstens als Nutznießerin. Der Graf ge- 
leitete die Sachwalter hinaus und nur der Polizeipräfekt 
, , „ zuru „ ' Er hatte sich absichtlich verweilt. Nun 
schloß er die Tür. 
„Warum brachen Sie das Band nicht ganz?“ 
Sie sah ihn verwundert an. 
„Warum sollte ich es tun? Ich verzeihe meinem 
Gatten. 
P,9. r Präfekt warf einen schnellen Blick umher, 
lag er vor ihr auf den Knien. 
»Gräfin, wüßten Sie, wie ich Sie liebe!“ 
„Herr Präfekt.“ 
„Nicht diese abweisende Miene. Sie sind jung! Sie 
kommen von- dem Totenbett Ihres Vaters. Sie sind un 
besonnen! Sie sind auch nicht fühllos. Ich liebe Sie 
und mein Vermögen, mein ganzes Leben gebe ich 
für ■“ 
Sie hatte sich hochaufgerichtet und sagte mit Würde: 
„Herr Präfekt, Sie vergessen sich. Sie wissen, daß
        
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