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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 5 
30 
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HISTORISCHER KRIMINALROMAN AUS DEM 17. JAHRHUNDERT 
9. "Fortsetzung 
Pon ©tfrid oon Ijonfldn 
Bilden Unge 
ch bitte euch, schont mich! Mein 
Vater ist tot, mein Mann hat sich 
selbst ruiniert und muß Kriegs 
dienste nehmen in fremden Landen. 
Laßt mich in der Einsamkeit 
leben. Gebt mir aus Vaters Ver 
mächtnis irgend ein stilles Häus 
chen, in dem ich leben kann. Ganz 
nur für mich, oder laßt mich in ein 
Kloster gehen und den Schleier nehmen. Ich möchte 
nicht mehr nach Rom zurück. Nur noch einmal, um 
meinen Hausstand aufzulösen und dann will ich einsam 
leben und Einkehr halten in mich selbst.“ 
Einige Tage später brachte der Bote jenes Mannes, 
den Margerita als ihren Sachwalter bezeichnet hatte, 
dem Marchese von Santa Croce einen Brief. Denselben 
Brief, den der nichtsahnende Priester besorgt hatte: 
„Geliebterl Mein Vater ist tot! Was tat ich für dich! 
In heißer, verzehrender Liebe dein Werkzeug 
Margerita.“ 
Der Marchese überlegte einen Augenblick. Die Hand, 
die schon bereit war, den Brief zu zerreißen, zuckte zu 
rück. Er stieg in den unterirdischen Raum und warf 
den Brief in den großen Eisenkasten, der seine Rezepte 
enthielt. Man konnte nicht wissen! Vielleicht kam ein 
mal eine Zeit, in der es gut war, auch gegen Margerita 
eine Waffe in der Hand zu haben! 
Siebentes Kapitel. 
Während die beiden Brüder noch im Norden auf dem 
väterlichen Hauptgut zurückblieben, das der Älteste nun 
bewirtschaften wollte, um des Vaters Nachlaß zu 
ordnen, war Margerita wenige Tage nach der Be 
stattung nach Rom abgereist. In seltsamen Empfin 
dungen blieben die Brüder zurück, die in der Schwester 
ein leichtsinniges, genußsüchtiges Geschöpf zu sehen ge 
wohnt waren, die sich von ihr zurückzogen, als ihr Ver 
kehr mit dem falschen Marchese zum Skandal zu werden 
drohte. Sie waren beide ernste und strenge Männer, 
Langsam fuhr* der offene Wagen mit der jungen Gräfin durch die Straßen. 
die des Vaters Charakter geerbt, nur daß sie sich aller 
dings beide kein Gewissen daraus gemacht hatten, die 
Hand der Schwester dem verkommenen Grafen Gran- 
villardo zu geben, um selbst dadurch die Gunst des 
Kardinals Gampolla zu gewinnen. 
... als ihr beim Abschied der Marchese selbst das große goldene Kreuz um 
den Hals hing, das innen hohl war und enthielt — was sie brauchte! 
„Es ist, als hätte des Vaters Tod Margerita geläutert!“ 
In der Tat lag jetzt über ihrem Wesen eine stille 
Trauer, verbunden mit einer ruhigen Hoheit. Das 
Lächeln* das nun einmal von diesem Gesicht nicht lassen 
konnte, war das einer wehmütigen Entsagung. 
Auch sie mußte bei den Beratungen über des Vaters 
Nachlaß dabei sein, aber sie schüttelte den Kopf. 
„Laßt mich reisen. Ich muß nach Rom und dann in 
die Einsamkeit. Macht alles ganz, wie ihr wollt! Ich 
weiß, ihr werdet eure hilflose Schwester nicht vergessen. 
So stieg sie in ihren Reisewagen und ließ die Brüder 
gerührt zurück und so hielt sie drei Wochen später in 
Rom ihren Einzug. 
Langsam fuhr der offene Wagen mit der jungen Gräfin 
durch die Straßen, dem Palazzo Granvillardo zu. Viele 
erkannten sie und einer machte den anderen aufmerk 
sam. Wie schön sie aussah, jetzt in dem Gewände der 
tiefen Trauer, dessen feierliches Schwarz ihr Gesicht 
noch bleicher scheinen ließ und das Lächeln wehmütiger 
Entsagung auf diesem durchsichtig zarten Engelsgesicht. 
„Sie war eine Göttin der Liebe, jetzt scheint sie eine 
Heilige.“ 
Die Gesellschaft von Rom, die an diesem Tage von 
nichts sprach, als von der Heimkehr der jungen Gräfin, 
war voller Teilnahme. Ein jeder wußte, daß in diesen 
Tagen der Graf Granvillardo vollkommen in den Hän 
den seiner Gläubiger zusammengebrochen war. 
„Sie wird sich scheiden lassen!“ 
'„Sie findet Hunderte, die ihr Reichtum und glänzende 
Namen zu Füßen legen!“ 
„Sie geht in ein Kloster!“ 
Margerita hatte den Palazzo Granvillardo wieder 
betreten. Sie sah in der Tat bleich und abgespannt aus, 
aber nicht der Tod des Vaters, nicht die schnelle Reise, 
die trotzdem drei Wochen gedauert, oder der Zu 
sammenbruch des Grafen Granvillardo waren daran
        
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