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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 5 
6 
Zeichen ihrer Sympathie. Sie stießen miteinander an 
und sie erlaubte ihm schließlich, sie zu küssen. 
Ganz ernsthaft philosophierte er im stillen: „Wie 
schlau doch die Frauen sein wollen! Dem Maskierten 
gestatten sie keinen Kuß und merken dem Verkleideten 
doch nicht an, daß er der eigene Mann ist. Da haben 
wir Männer doch einen schärferen Blick. Er zog sie 
an sich und streichelte leise ihre weißen Arme. Er küßte 
ihren Hals und der Wein machte, daß er verliebter 
wurde. Als sie ihm wehrte, sagte er; „Ziere dich doch 
nicht so, du wirst ja um Mitternacht merken, mit wem 
du’s zu tun gehabt hast.“ 
„Na, dann kann ich ja beruhigt sein“, laghte der 
schelmische Engel und schlang seine Arme um ihn. 
Er dachte sich: Wenn die Frauen es doch auch in der 
Ehe verstünden, sich hin und wieder zu verkleiden. 
Der Engel preßte sich an ihn und seine Sinne loderten 
auf. Er streichelte ihre Fesseln und die schlanken 
Beine, küßte ihre Knie und war glücklich, daß sein 
feines Empfinden ihm sofort den Weg zu seiner Frau 
gewiesen hatte. 
♦ 
Die Stunde der Demaskierung war gekommen. Der 
Harlekin bat die junge Frau, die Maske abzunehmen. 
„Nun sollst du dein blaues Wunder erleben, bester 
Harlekin“, lächelte sie und ließ die Maske fallen. 
Lächelnd schaute sie den Mann an. 
Der löste langsam seine Maske und 
Wie ein aufgescheuchtes Reh sprang die junge Frau 
auf und floh auf leichten Füßen. 
Der Harlekin lachte verärgert auf; „Komisch sind sie, 
die Frauen! Jetzt rennt mir das hübsche Ding davon.“ 
Die junge Frau bebte am ganzen Leibe. Im Wandel 
gang traf sie ihren Mann, der mit gesenktem Haupte 
auf und ab schritt. 
„Laß uns heimkehren, Liebster“, bat sie verängstigt. 
„Ja“, meinte er und führte sie zum Auto. 
DER FLIEGER 
WOLFGANG VON LENGERKE 
ein Antlitz war braun und kantig. Der 
Ausdruck seiner Augen war für ge 
wöhnlich düster und versonnen. Trug 
er die lederne Sturzkappe, den engan 
liegenden Pilotenanzug, dann schien seine 
schlanke Gestalt, deren Bewegungen 
etwas federndes hatten, von gebändigter 
Kraft und starkem Willen beseelt. Am 
ausdrucksvollsten aber waren seine 
Hände. Sie waren braun, die Gelenke waren stark, 
und ihr Griff hatte etwas schmiegsam nerviges. 
Er war als Sonderling bekannt und seine Kameraden 
beklagten sich über seine Ungeselligkeit. Kamen ihm 
solche Worte zu Gehör, dann prägte sich ein bitteres 
Lächeln um seinen Mund. Am liebsten war er allein 
und lag, wenn er freie Zeit hatte, auf einem Liege 
stuhl und starrte in den Himmel. Darüber spotteten 
die anderen. 
Er kümmerte sich nicht darum. Unweit des Flug 
platzes bewohnte er ein kleines Häuschen ganz für sich 
allein. Seine Flüge absolvierte er mit vollendeter 
Sicherheit, und er galt als einer der zuverlässigsten 
Piloten seiner Gesellschaft. Man gab ihm gern die be 
sonders schwierigen und gefahrvollen Aufgaben. Jede 
neue Maschine, die das Werk verließ, wurde von ihm 
einer Prüfung unterzogen. 
Man wußte über sein Vorleben so wenig, wie über 
seine täglichen Gewohnheiten. Anfangs hatte das die 
Neugierigen verdrossen, aber schließlich gewöhnte man 
sich daran, beachtete ihn nicht weiter, und ließ ihn in 
Frieden. 
Er war es gewohnt. Er mochte die Menschen nicht. 
Seine Freunde waren der Wind, die Wolken und die 
weite Ferne. Die Motoren seiner Maschinen waren 
für ihn lebende Wesen. Er lauschte auf ihr Gebrumm 
und streichelte ihr hartes Metall, wenn er mit ihnen 
zufrieden war. Er taxierte den Bau eines Apparates — 
die Augen ein wenig zugekniffen, die Hände in den 
Taschen — in wenigen Minuten mit all seinen 
Schwächen und Fehlern auf das genaueste. 
Nur einen einzigen Feind hatte er, und das war der 
Ingenieur des Werkes. Man sprach davon, daß die 
Feindschaft durch' die Frau des Ingenieurs entstanden 
sei, aber seit sie in der unweit gelegenen Stadt wohnte, 
sah sie der Flieger nicht mehr. 
Der Ingenieur, ein fahlhäutiger Mann, mit tief 
liegenden, kleinen, grauen Augen und einer unver 
hältnismäßig hohen Stirn, an deren Schläfen man blaue 
Adern pulsen sah, beschäftigte sich mit der Kon 
struktion einer neuen Maschine, deren Steigfähigkeit 
eine ganz außerordentliche werden sollte. 
An dem Tage, da die neue Maschine zum Probeflug 
bereit, mit silberglänzenden Schwingen, den Leib 
zierlich gestreckt, zum erstenmal vor dem Hangar stand, 
sah der Flieger die Frau wieder und erblaßte. 
Sie stand vor der kleinen Maschine, die Arme leicht 
auf deren schlanken Leib gestützt, und beugte sich neu 
gierig über die blitzenden Metallteile. Der Ingenieur 
stand mit den Direktoren des Werkes abseits, halb 
durch die Tragflächen verdeckt, und erklärte die Neue 
rungen seiner Konstruktion. — 
Sie hörte es anscheinend nicht, als der Flieger zögernd 
zu ihr trat, und wandte sich erst gleichsam erschrocken 
um, als er sie grüßte. Ihr zartes, blasses, fast kindliches 
Gesicht rötete sich, und ihre Augen sahen ihn seltsam 
leuchtend an. Diesen Blick, der bis in seine Seele zu 
dringen schien, vermochte er nicht zu ertragen und gab 
den Monteuren, die mit dem Motor beschäftigt waren, 
hastig ein Zeichen. In diesem Augenblick bewegten 
sich ihre Lippen, als wollte sie etwas sagen, doch das 
einsetzende Gedröhn des Motors, der scharfe, sausende 
Luftzug, ließ sie erschrocken fliehen. Ihre schlanke, 
zierliche Gestalt in dem dünnen Kleide trat plastisch 
hervor und verriet ihre feinen, zarten Linien. Er sah 
das und beugte sich zu seiner Maschine. 
Als der Ingenieur zu ihm kam, um mit ihm den 
Flug nochmals kurz zu besprechen, waren die 
Blicke des Fliegers kalt und feindlich. Die Worte, 
die er mit an den Mund gehaltenen Händen rief, um 
sich in dem Gedröhn des Motors verständlich zu 
machen, schienen einen geheimen, feindlichen Sinn zu 
haben, obwohl sie nur technische Dinge betrafen. Über 
das Gesicht des Ingenieurs breitete sich zornige Röte, 
aber er beherrschte sich, denn sein Erfolg lag jetzt in 
den Händen des Fliegers. Er zwang sich sogar zu einem 
liebenswürdigen Lächeln und winkte seiner Frau, die 
in der Gruppe der Direktoren stand. 
„Das Flugzeug soll deinen Namen tragen!“ rief er 
ihr zu, als sie kam. Sie lachte und legte ihre, in grauen,
        
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