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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 4 
JaUrg, 28 
30 
Unmöglich! Nein, aber , . . unglaublich! — 55 Zenti 
meter, statt 59! Ja, ging denn das mit rechten Dingen 
zu? 
Wie er aber am nächsten Tage abermals ein Defizit 
entdeckte, und am übernächsten desgleichen, trotzdem 
er seinen Schatz verschlossen gehalten hatte, da ergriff 
ihn eine namenlose Wut und er sann auf Rache, 
Am liebsten wäre er gleich zu ihr in die Küche ge 
eilt und hätte ihr den Diebstahl auf den Kopf zugesagt. 
Aber das ging nicht; sie war ihm an Lungenkraft und 
Zungengeläufigkeit weit über, Mit tausend Grobheiten 
würde sie ihn überhäuft haben, ehe er noch das zweite 
vorwurfsvolle Wort gesprochen hätte. 
Also, was tun? 
Halt, ein rettender Gedanke! Er maß die Wurst von 
neuem nach dem Abendbrote, warf dann auf einen 
kleinen, weißen Zettel ein paar flüchtige Zeilen und 
heftete den Zettel mit einer Stecknadel an die Wurst, 
die er wiederum verschloß. 
Aha, das hatte geholfen! Nicht ein Millimeter fehlte 
am folgenden Tage. 
Und am nächstfolgenden auch nicht! 
Schmunzelnd betrachtete er den Brief, den er an die 
Pelle seiner Zervelatwurst gesteckt hatte: 
„Wehe Ihnen! Hüten Sie sich, auch nur ein einziges 
Stück von meiner Wurst zu essen! Sonst übergebe ich 
Sie dem Staatsanwalt.“ 
Jetzt rief er die Wirtin. 
„Ja, Herr Scholz, sie wünschen?“ 
„Sie haben Ihr Metermaß noch immer bei mir liegen, 
Frau Fiebig. Ich danke Ihnen! Ich brauche es nicht 
mehr!“ 
Der lcuf)dnöc <Tod 
HISTORISCHER KRIMINALROMAN AUS~d1bM 17. JAHRHUNDERT 
8. Tortsetzung hotl ®tfdd »Ml $On|feitl Bilden Linge 
\f J ären sie tot! Könnte ich sie sterben sehen! Ich 
\ j hasse sie! Oh, wie ich sie hasse!“ Stumm und mit 
j\j kalt beobachtendem Gesicht saß der Marchese 
' ▼ da. Dann stand er auf und sagte mit dem heißen, 
heiseren Ton der Leidenschaft: 
„So liebst du mich, Margerita?“ 
Sie schluchzte in seinem Arm, 
„Mehr als mein Leben.“ 
„Laß mir bis morgen Zeit. Vielleicht weiß ich Rat“ 
Sie jubelte auf, 
„Bleib bei mir und es gibt nichts, was ich nicht für 
dich tue.“ 
„Nichts?“ 
Sie schauerte zusammen vor diesem Wort, vor dieser 
Frage, vor dem Blick dieser Augen. Verstand sie ihn? 
Tonlos flüsterte sie an seiner Brust: 
„Nichts.“ 
„Komm morgen und ich weiß Rat.“ 
Sie ging schweigend und zitternd von ihm, er aber 
stand hoch aufgerichtet und sah ihr nach. 
„Ein willenloses Werkzeug in meiner Hand. Nun 
mag es sein.“ 
Dann stieg er zu seinen Retorten hernieder. 
• 
Sechstes Kapitel. 
Es war eine Woche nach jenem Abend. Leise und 
schmeichelnd spielten die Wellen des Meeres um den 
Felsen, auf dem sich der Palazzo des Grafen Drogo 
erhob. Hell stand der Mond über den Zypressen und 
den weißen Marmorkiosken des Parkes und die Nacht 
war seltsam warm für die Jahreszeit. Margerita, die 
junge Gräfin, stand in dem Kiosk, sie hatte ihre Hand 
gegen eine der Säulen gepreßt, und ihr Kopf lehnte sich 
an diese Hand, während ihre großen Augen mit fragen 
dem, suchendem Ausdruck hinausblickten auf das Meer. 
Neben ihr stand Matteo, der junge Priester. Es war 
fast ganz so, wie damals, als Matteo Abschied nahm, 
um in seine erste Kaplanstelle zu gehen, nur daß zwei 
Jahre inzwischen vergangen, daß aus der jungen 
Contessa Drogo eine Gräfin Granvillardo geworden 
und aus dem jungen Kaplan der Sekretär des Kardinals 
Gampollo. 
Sinnend blickte der junge Priester sie an. Wie un 
verändert sie war. Ihre zarte Gestalt, trotz der Ehe 
bisher von keiner Mutterschaft berührt, noch mädchen 
haft, der Ausdruck ihres Gesicht unverändert. Ein 
etwas wehmütiges Lächeln lag auf den Lippen des jungen 
Priesters. Er wußte, daß er selbst ein anderer geworden. 
In dieser Stunde dachte er daran, daß er vor zwei Jahren 
gegangen, um seiner Liebe Herr zu werden. 
Er wunderte sich selbst, wie ruhig er daran denken 
Die jung« Gräfin stand in dem Kiosk, sie hatte ihre Hand gegen eine der 
Säulen gepreßt und ihr Kopf lehnte sich an diese. 
konnte, wie fern ihm das alles erschien. Wie voll 
kommen friedlich sein Herz geworden und wie ihn 
sein heiliger Beruf erfüllte. Aber trotzdem dachte er 
seiner Liebe und bewahrte sie als ein Vermächtnis 
aus schöner Jugendzeit, dessen sich auch der Priester 
nicht zu schämen brauchte, denn sie war rein und frei 
von jeder Sünde und noch jetzt liebte er Margerita 
wie eine teure Schwester. Zum ersten Male, seitdem 
sie Gräfin Granvillardo geworden, hatte er sie auf 
gesucht an dem Tage, der jenem Gespräch mit dem 
Marchese Santa Croce folgte. Mit gewisser Scheu 
hatte er ihren Palazzo betreten. Nicht, weil er seiner
        
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