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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 4 
Jahrg. 28 
29 
Die Cervelalwursl - 
Lothar Schmidt 
s war heute wieder einmal einer von 
den beiden denkwürdigen Donners 
tagen im Monat, wo für den Kan 
didaten der Philologie Franz Scholz, 
der in Berlin studierte, von Frankfurt 
a. O., seiner Heimatstadt her, die 
häusliche Kiste fällig war. 
Zweimal im Monat hatte die Mutter 
große Wäsche daheim, zweimal empfing sie die ge 
brauchte Wäsche des Sohnes am Sonnabend, und zwei 
mal bekam dieser seine Hemden und Kragen schnee 
weiß und gebügelt zurück am Donnerstag. 
Drunten in der Tiefe der mütterlichen Sendung 
pflegte dann, in Papier sorgsam eingewickelt, ein ge 
bratenes Huhn oder eine Fleischpastete oder sonst 
etwas Gutes, Eßbares zu stecken. 
Wenn aber die Berliner Kiste in Frankfurt a. O. ein 
traf, dann lag unter der getragenen Wäsche kein Huhn 
und keine Fleischpastete, wohl aber bisweilen ein Paar 
zerrissener Stiefel oder eine Hose, der Ausbesserung 
bedürftig. 
Sehnsüchtig blickte er aus seinem Fenster im vierten 
Stock hinaus auf die Auguststraße, ob denn immer 
noch nicht der hellgelbe, leuchtende Postwagen um die 
Ecke böge. 
Vormittags hatte er vergeblich gewartet. Also mußte 
die Paketpost nachmittags kommen. Denn daß einmal 
die Kiste ausnahmsweise erst am Freitag käme, daran 
war gar nicht zu denken bei der sorgenden Pünktlich 
keit der Mutter. T _ 
Immer noch nichts zu erblicken. Und dabei dieser 
Heißhunger, ein echter Kandidaten-Heißhunger am 
Ende des Monats! 
Da, endlich! O, wie ein Erlöser thronte er da oben 
auf dem Bocke, der Postillon. Wenn er nur nicht so 
langsam führe, so entsetzlich langsam. 
Gottlob, nun klingelte es draußen, und nun ertönte 
im Flur des Postboten sonore Stimme: „Herrn Franz 
Scholz . . . fünfzehn Pfennige!“ .... 
Er eilte hinaus, kramte mit Mühe in seinem Porte 
monnaie ein paar Nickelmünzen zusammen, quittierte, 
und kehrte mit der Kiste in das Zimmer zurück. 
Franz öffnete. Die Kiste hatte einen verschließbaren 
Schiebedeckel, auf dessen einer Seite die Adresse der 
Mutter und auf dessen anderer Seite des Kandidaten 
Adresse stand. Obenauf lag ein Brief. Achtlos schob 
er ihn fort, und gierigen Blickes, mit zitternden Händen 
wühlte er unter den Hemden, Strümpfen, Kragen. t 
Da! Jetzt packte er etwas Festes, Konsistentes, eine 
sich kalt und elastisch anfühlende Masse. Beizender, 
räucheriger Duft stieg in seiner Nase empor. 
Eine Cervelatwurst, eine fast armdicke, lange Cer- 
velatwurst zog er heraus und schwang sie triumphierend 
in der Luft. 
„Frau Fiebig, Frau Fiebig!“ 
„Jottedoch, Herr Scholz, wo brennt et denn?“ 
„Kommen Sie doch näher und sehen Sie sich mal das 
Ungetüm an, Frau Fiebig!“ 
„Herr du meine Jüte! nee, is det aber ’ne Wurscht! 
„Schnell ein Messer, Frau Fiebig, und . . . “ 
„Und? Nu und wat denn noch?“ 
„Und ein Metermaß!“ 
„’n Metermaß! . . . “ Kopfschüttelnd entfernte sie 
sich, um beides zu holen. 
Jawohl, ein Metermaß! Er wußte schon, was er wollte: 
nämlich die Cervelatwurst messen vor ihren Augen, 
und messen auch das Stück, was er zu Mittag davon 
verspeisen \yürde. Denn diesmal sollte es ihm nicht 
wieder passieren, daß heimliche Mitesser sich seiner 
häuslichen Sendung erfreuten. Bisher hatte er gute 
Miene zum bösen Spiel gemacht, aber nun war’s genug! 
Einmal mußte doch etwas geschehen. Die Geschichte 
von neulich mit dem mächtigen Decrescendo jener der 
Obhut der Wirtin anvertrauten Fleischpastete, wovon 
sie ihm mehr als die Hälfte weggenascht hatte, wurmte 
ihn immer noch. 
Die Wirtin kehrte zurück. 
„Frau Fiebig, Spaßes halber will ich doch mal sehen, 
wie lang das Ding ist.“ 
Lachend legte er das Maß an. 
„Donnerwetter! ... 65 Zentimeter! Wie, Sie glauben’s 
wohl nicht? Bitte, überzeugen Sie sich selbst: genau 
65 Zentimeter! ... So, und dieses Stück, das ich mir 
hier abschneide, 6 Zentimeter . . . Ob das zu viel ist? 
Ob man sich nicht daran den Magen verderben kann, 
Frau Fiebig?“ 
Sie sah ihn mit ein paar Augen an, die giftig phos 
phoreszierten wie Katzenaugen. Franz aber, der sich 
schmunzelnd seines diplomatischen Coups erfreute, be 
merkte cs nicht. 
„So, liebe Frau Fiebig. Bitte, bewahren Sie mir das 
Übrige auf; 65 minus 6 macht 59. Und mit diesen 
59 Zentimetern hoffe ich einige Tage zu reichen.“ 
Aber was hatte er angerichtet? Vulkanisch, leiden 
schaftlich keifte sie ihn an. Ihre Worte überstürzten 
sich. Kaum vermochte er mit dem erschreckten Ohr zu 
folgen: 
Was ihm eigentlich einfalle und ob es bei ihm im 
Oberstübchen auch ganz richtig sei? Das habe ihr 
denn doch noch kein Mieter zu bieten gewagt, obwohl 
sie bereits seit zehn Jahren „möblierte Herren“ bei sich 
wohnen habe. — Eine Gemeinheit sei es, eine direkte 
Gemeinheit, ihr so was zuzutrauen, und wenn sie Wurst 
essen wolle, könne sie sich jederzeit welche kaufen. 
Allein solle er sich das Zeug aufbewahren. — 
Und krachend flog die Tür ins Schloß, ein letztes 
Schimpfwort, das die Wirtin auf der Schwelle murmelte, 
mitten entzwei schneidend. 
Sprachlos blieb der Kandidat zurück. Auf solchen 
Ausgang war er doch nicht gefaßt gewesen. Was wollte 
sie denn eigentlich von ihm? Er hatte ihr ja weiter gar 
nichts gesagt, nur zarte Andeutungen ihr gemacht unter 
der Blume seiner Wurst; nicht um ihr wehe zu tun, 
sondern um vorzubeugen, denn: kein Verständiger 
straft, weil gesündigt worden ist, sondern um die Sün- 
den zu verhüten. Ach, was würde er in den nächsten 
Tagen alles zu leiden haben von ihr! 
Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, aller Appetit 
war ihm vergangen. Nur um etwas im Magen zu haben, 
würgte er die sechs Zentimeter Wurst hinunter, mit 
der Pelle, aus Versehen in seinem Ärger. Dann ver 
ließ er heimlich, ganz heimlich, damit er ja der wüten 
den Megäre da draußen nicht begegnete, die Wohnung. 
Am Abend kehrte er heim mit zwei Semmeln in seiner 
Rocktasche. Er schloß seinen Schreibtisch auf und 
nahm die Wurst heraus, um wieder ein Stück davon zu 
verzehren. Mit Zeitungspapier deckte er den Tisch und 
setzte sich zum Imbiß dann auf dem Sofa nieder. 
Siehe da! Neben ihm auf dem Sofa lag noch das un 
heilvolle Metermaß. Mit gelindem Schrecken gedachte 
er der peinlichen Szene von heute nachmittag. Und 
mechanisch ergriff er den abgewickelten Leinwand 
streifen mit den darauf gedruckten Zahlen, und me 
chanisch, gleichsam spielend, diesmal ohne Verdacht 
und ohne jeden Hintergedanken, maß er von neuem 
die mütterliche Sendung.
        
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