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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr 4 
22 
Der Gouverneur, der die junge, stolze Gestalt mit 
den Blicken förmlich verschlang, war der erste, der wie 
rasend Beifall klatschte. Und wie auf ein Zeichen setzte 
das ganze Auditorium ein. Sie verbeugte sich lächelnd 
und begann ein zweites Lied. Ein Liebeslied. 
Es waren sicher wenige da, die die schwedischen 
Worte verstanden. Und doch fühlte fast jeder, daß 
diese schmeichelnden, flüsternden Weisen von Liebe 
sprachen, von Liebe sangen. 
Der Gouverneur riß seine kleinen Äuglein auf, so weit 
es ging und blickte werbend, bittend, flehend auf die 
Bühne. Die Sängerin wandte lächelnd den blonden Kopf 
ein wenig zur Seite., und plötzlich ließ sie einen 
schnellen, strahlenden Blick über das Gesicht des 
Gouverneurs gleiten. 
Er errötete wie ein junger Student. Dann straffte 
er seine rundliche Gestalt und blickte kurz und 
triumphierend um sich. Und wieder schoß ein leuchten 
der Blick aus den blauen Augen zu ihm hinüber ... 
Kein Zweifel: sie hatte ihn bemerkt. Nicht nur das; 
er hatte ihr gefallen. Ihr Lächeln bewies es. 
Ein Blumenmädchen trippelte vorüber. Der Gouver 
neur rief die Kleine an und kaufte einen Arm voll 
Rosen, die er mit einem Ruck auf das Podium warf. 
Karen Lundström nickte ihm dankend zu. Und wieder 
blitzte das Lächeln in ihren Augen auf. — 
Hastig warf er dem Kellner ein Goldstück auf den 
Tisch, stülpte den Hut ins Genick und schob sich 
schnaufend über den langen Korridor zum Ausgang. 
Die warme Sommernacht schlug ihm in duftschweren 
Wellen entgegen. Die Fassade des weitläufigen Konzert 
lokals strahlte noch in Glühlampen. Der Portier legte 
ehrerbietig die Hand an die Mütze und wollte eben die 
Droschkenpfeife an den Mund setzen; er winkte hastig 
ab und schob sich an der Brandmauer entlang. 
Die Hinterfront des Gebäudes mündete in eine kleine, 
stille, dunkle Gasse. Er ging langsam weiter, immer 
hart an der schmierigen, rissigen Mauer. Aus dem 
Hause tönten wie aus weiter Ferne die letzten Takte 
der Musik. Dann setzte ein Beifallstrampeln ein: Karen 
Lundström nahm Abschied ... 
In einem Eisengestell flackerte eine trübe Gasflamme 
und beleuchtete spärlich den schmalen Bühneneingang; 
ein Duft von hundert Frauenparfüms schien aus diesem 
dunklen Tor in die Nacht hinauszuwogen: der un 
definierbare Hauch der Theaterluft, der selbst dieser 
elenden Steinbaracke Stimmung gab. 
Ein Schritt kam aus dem Hause. Er drückte sich in 
den Schatten der Mauer. Es war die französische 
Soubrette, die man vorhin ausgelacht hatte. Sie ging 
mit den müden Schritten einer alten Frau und starrte auf 
ein weißes Blatt Papier in ihrer Hand nieder — das 
mochte die Entlassung sein, die man der Unbeliebten 
auf der Stelle schwarz auf weiß ausgehändigt hatte. 
Sie ging quer über die Straße, ohne den Kopf nach 
rechts oder nach links zu wenden und verlor sich im 
Dunkel der Nacht. 
Von der Bonifaziuskirche schlug es halb zwölf, als sich 
ein junger, elastischer Schritt näherte. Der Gouverneur 
spitzte die Ohren. Eine lichte Gestalt kam die Treppe 
herunter. Er trat mit zwei Schritten auf sie zu: „Made 
moiselle.“ 
Sie blieb, scheinbar überrascht, stehen, sah ihm ins 
Gesicht und lächelte. Sie hatte ihn erkannt, kein 
Zweifel. „Wenn ich nicht irre ... so hatte ich das Ver 
gnügen, heute Abend im Theater von Ihnen bemerkt 
zu werden.. Darf ich..“ Sie schüttelte lächelnd den 
Kopf. „Nein... Sie dürfen nicht!“ antwortete sie mit 
ihrer hellen, klingenden Stimme, die wie gedämpftes 
Lachen klang. Und mit einer kurzen, energischen Be 
wegung wandte sie sich herum und setzte ihren Weg 
fort. 
Er sah ihr einen Moment verblüfft nach. Dann ging 
ein Grinsen über sein rundes Gesicht. Eine Dame vom 
Theater, die ihm ein ,nein‘ entgegenwarf! Das war eine 
ganz neue Situation für ihn. Mit schnellen Schritten 
huschte er hinter ihr drein. „Mademoiselle... Sie 
sollten meine Begleitung nicht verschmähen. Es ist 
gefährlich in Kischinew .. in der Nacht... und noch 
dazu hier in der Vorstadt!“ Sie blickte halb zur Seite. 
Und wieder glitt jenes sorglose, jugendliche Lächeln 
über ihre Züge. „Ich danke. Ich fürchte mich picht.“ 
Sie begann ein wenig zu laufen, immer mit den kurzen 
Schritten einer Frau, von denen ein Franzose einmal 
gesagt hat, sie seien darauf berechnet, eingeholt zu 
werden. Er hatte Mühe, sich neben ihr zu halten. 
Freilich... sie hatte jüngere, frischere Glieder und ge 
sündere Lungen. In dem Gewirr der Nebengäßchen 
mußte er allmählich den Platz an ihrer Seite aufgeben. 
Er war froh, daß er sich kurz hinter ihr halten konnte. 
Stolpernd und keuchend rief er ihr ein paar Worte zu, 
die sie anscheinend überhörte. 
Die Straßen der Vorstadt hörten auf. Eine unge 
pflegte Chaussee schob sich heran. „Wohin, zum Teufel“ 
dachte er, „soll dieses Abenteuer führen? Wo kann 
diese blonde Hexe wohnen?“ Sie eilte weiter, ohne sich 
auch nur einmal umzusehen. Sie schien seiner gänzlich 
vergessen zu haben. 
Hinter den hohen, schweigenden Bäumen tauchte ein 
kleines, dunkles Haus auf, im Schatten der Nacht kaum 
erkennbar. Sie zog ein kleines Schlüsselbund, schloß 
die Pforte auf und schlüpfte hinein. Eben wollte sie 
sich umwenden, um die Gittertür hinter sich zu 
schließen, als sie offenbar erschreckt zusammenfuhr: 
zwischen Gitter und Pforte stand der Gouverneuer, 
keuchend vor Aufregung. 
Sie machte ein verblüfftes Gesicht, dann lachte sie 
mit ihrer silbernen Stimme hell auf. Und während sie 
ihn lächelnd betrachtete, sagte sie plötzlich: „Wollen 
Sie eine Tasse Tee mit mir trinken? Ganz erschöpft 
sind Sie von diesem Dauerlauf, Sie Ärmster!“ Lachend 
legte sie die Hand auf seinen Arm, und der glückliche 
Gouverneur schlüpfte neben ihr ins Haus. 
Das Gebäude schien unbewohnt zu sein. Sie ging in 
ein Nebenzimmer, hantierte dort, mit Porzellan und 
Silber und kam nach kurzer Zeit mit Tee und Biskuits 
zurück. Dann begannen sie, während sie behaglich 
den Tee mischten und tranken, zu plaudern. Sie kannte 
St. Petersburg genau; so genau, daß er sie erstaunt 
ansah und endlich fragte: 
„Sind Sie keine Schwedin?“ 
„Nein“, antwortete sie lächelnd. „Ich bin Russin.“ 
„Dann ist der Name Karen Lundström ...“ 
„Mein Bühnenname. In Wirklichkeit heiße ich Olga 
Turtschaninoff.“ 
„Turtschaninoff...“ Er ließ seine kleinen Äuglein 
zwinkernd über ihr Gesicht gleiten. „Turtschaninoff... 
so heißt ein Revolutionär, den wir gestern gefangen 
haben “ 
„Ganz richtig!“ 
„Sie wissen davon? ... Sind Sie mit ihm verwandt?“ 
„Weitläufig.“ Und indem sie ihre dunkelblauen Augen, 
in denen jetzt ein drohendes Licht aufglomm, auf ihn 
richtete, sagte sie langsam: „Ich bin seine Frau.“ 
Er sprang auf. „Seine Frau ...?“ 
Sein Blick richtete sich auf sie wie der eines Jägers, 
der seine Beute in der Falle sieht. „Sie wissen, daß 
sein Leben in meiner Hand steht?“ 
„Ja.“ 
Er begann zu lächeln. Ich verstehe. Sie haben mich 
hierher gelockt...“ 
„Ganz richtig.“ 
„ ... um mich zur Milde zu stimmen.“ 
„Ich denke nicht daran.“ 
Eine Pause entstand. 
„Wissen Sie, daß Ihr Mann am Galgen hängt, wenn 
ich bis um zwei Uhr den Befehl dazu gebe?*
        
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